Mein lieber Schwan: Klein Richard ist Sachse und kommt auch nicht allein

Ganz offiziell wurde am Freitag, 11. Januar, in der Leipziger Oper das Wagner-Jahr eingeläutet. Das Leipziger Wagner-Jahr. Aber in den Pressemappen steckte auch eine schmale, 20-seitige Broschüre der Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen mit Schwänen vorne drauf und Klappkarte hinten drin. Denn Wagner ist - man vergisst es ja glattweg immer wieder - ein gewaschener Sachse. Die Schwäne schwimmen in Pirna.
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Das Schlösschen dahinter ist das Jagdschloss Graupa. Im Jagdschloss selbst residierte Wagner nicht – was zwar schön gepasst hätte zu all seinen Jagdhörnern – aber nahebei: im Wohnstallhaus des Schäferschen Gutes, wo Richard Wagner, wohl bestallt als Sächsischer Hofkapellmeister in Dresden, vom 15. Mai bis Ende Juli 1846 zusammen mit seiner Frau Minna Urlaub machte. Und es ist überliefert, dass er hier die erste Kompositionsskizze des „Lohengrin“ anfertigte. Weswegen das Gebäude heute eine der beiden Pirnaer Wagner-Gedenkstätten ist und die beiden Schwäne so sinnfällig übers Cover schwimmen.

Die Klappkarte verrät es: Sachsen allein kann acht Orte aufweisen, an denen der 1813 geborene Komponist lebte, wirkte oder zu denen er musikalische Beziehungen hatte, bevor er am Ende floh, steckbrieflich gesucht als Teilnehmer am Dresdner Aufstand 1849. Womit das erste, 36 Jahre lange sächsische Kapitel in Wagners Karriere beendet war. Der König war sauer. Denn von seinen Kapellmeistern erwartete er auch in rebellischen Zeiten Loyalität. 1856 lehnte er das Gnadengesuch seines geflüchteten Hofkapellmeisters ab.

Leipzig hat auf der Faltkarte trotzdem die Nummer 1 bekommen. Denn hier wurde der Knabe geboren, wurde er getauft, starb sein Vater, saß er auf der Schulbank und wollte so gern Felix Mendelssohn Bartholdy das Wasser reichen. Was Leipzig im Wagner-Jahr hilft: Die TMG Sachsen unterstützt auch das Leipziger Wagner-Jahr. Seit 2011 ist es Werbeschwerpunkt. Nicht nur für all die Wagnerianer da draußen. Auch für all jene Leute, die immer schon mal Lust auf das Musikland Sachsen hatten (das nicht nur aus der Musikstadt Leipzig besteht). Die Werbebroschüre der TMG Sachsen zeigt recht anschaulich, wohin man kommt, wenn man sich auch mal aufs Schräge und Abseitige einlässt. Nach Pirna zum Beispiel, nach Dresden und Chemnitz sowieso. Und selbst die Staats-Felsenbühne Rathen weiß der TMG zu rühmen. Womit man schon mitten drin ist in der sächsischen Mythen-Landschaft.Denn Wagner ist Mythos. Die großen Sachsen haben sich alle immer weit fort gesehnt, manche sind Seeleute geworden – wie Ringelnatz, andere Weltraumfahrer – wie Sigmund. Aber in der Regel reisten die Sachsen in ihrer Phantasie.

Deswegen wird eine Ausstellung 2013 im Leipziger Bildermuseum genau diesen Topos zur Anschauung bringen. Der Titel ist ein Treffer ins Schwarze: „Weltenschöpfer“. – Wer nicht reisen kann (oder darf oder will), der reist im Kopf. Am 15. Mai – in der Leipziger Wagner-Festwoche – wird die Ausstellung im Museum der bildenden Künste eröffnet. Und sie vereint, was der allgemein gebildete Kopf für gewöhnlich fein säuberlich auseinander hält: Richard Wagner, Max Klinger und Karl May. „Erstmals soll in einem übergreifenden Werkvergleich der bildgewordene Vorstellungskosmos dieser drei Sachsen präsentiert werden“, kündigt das Museum im Sprachduktus seines Direktors an. Da werden sich die Mythengestalten Wagners mit den exotischen Helden Mays und den eindrucksvollen Landschaftsszenen Klingers begegnen, der ja bekanntlich für 1913 das Leipziger Wagner-Denkmal schaffen sollte.Das wird auch den Wagnerianern Stoff zum Nachdenken geben. Denn wer denkt schon daran, wie nah beieinander die Stoffwelten der Opernschöpfer und der Literaten sind? Und wie literarisch Wagners Bühnenepen eigentlich sind. Und wie opernhaft die Kunst des 19. Jahrhunderts in Deutschland? – In der Reihung fehlte eigentlich nur noch Nietzsche. Aber das haben sich die Initiatoren der Ausstellung dann wohl doch nicht getraut. Nicht, weil es der Stoff nicht hergibt, sondern weil der allgemein gebildete Normalmensch heute in der Regel die nötige Vor-Bildung nicht mehr hat. Und es fast mit Sicherheit in die falsche Schublade steckt, wenn Nietzsche Zarathustra dem Lohengrin und Old Shatterhand begegnen sollte. Auch das ist Sachsen. Und verständlich auch nur aus provinzieller Perspektive. Auch Sachsens Philosophen waren gern auf der Flucht – nicht nur in geistige Phantasien.Der Nachwelt wird das zumeist zum Problem: Was fangen sie damit an? – Und bekanntlich hat man sich an allen vier genannten Herren schwer getan. Auch die Klinger-Renaissance begann spät, später noch als die Wagner-Renaissance. Und bei Nietzsche befinden es selbst die heutigen Politiker für besser, sein Grab in Röcken wegzubaggern. Der Kerl stört immer noch.

Wie sehr Wagner (noch) stört, wird man dann vielleicht in der Sonderausstellung des Stadtgeschichtlichen Museums zum Wagner-Jahr sehen: „Wagnerlast und Wagnerlust“. Die Lust kommt ja bekanntlich dann, wenn man die (politische) Welt einfach mal vergisst und sich ganz einnehmen lässt von Wagners großen Bläserstürmen. „Ein bisschen Wagner geht nicht“, wird Thomas Krakow, Wagner-Beauftragter der Stadt Leipzig zum Wagner-Jahr, in der Sachsen-Broschüre zitiert. „Seine Musik ist wie eine Droge, entweder hat man keinen Zugang oder man verfällt ihr.“

Oder man lässt sich auf Kunst noch so ein, wie es Wagner sich wünschte: Man schaltet sein Alltags-Ich-weiß-es-besser-Ich aus und geht baden – in seiner Musik. Oder in Karl Mays so komplett erfundenen Abenteuergeschichten. Dasselbe bei Klinger. Kunst nicht als Statement zu billigen politischen Tagesthemen, sondern als – Wagner – Gesamt-Kunstwerk. Das ist Anspruch. Und es ist das Gegenteil dessen, was einem so mancher Spaßvogel der Gegenwart anzubieten wagt.

Auch auf der Ebene legen die Interpretationsweisen des 19. und des frühen 21. Jahrhunderts im Clinch. Was die Wagnerianer natürlich auch ärgert – ihnen wird selbst in Bayreuth oft genug politisch gemeinter Ketchup vorgesetzt.

Wagner ist nie rausgekommen aus diesem eigentlich nicht auszuhaltenden Spagat zwischen theatralem Kitsch und dem Anspruch, ein im Ganzen wirkendes Kunstwerk zu schaffen. Hätte er das nicht gewollt, gäb’s in Bayreuth kein Festspielhaus.

Ob all das, was die Leipziger noch im letzten Moment mit Ach und Krach auf die Beine gestellt haben, diesem Anspruch genügt, wird man sehen, hören und – wenn’s gut ist – auch fühlen.

Fest steht zumindest, dass es jetzt auch wieder Wagner-Mitbringsel aus Leipzig gibt. Die Wagner-Doppel-CD mit alten Eterna-Aufnahmen mit Wagner-Musik, die Richard-Wagner-Uhr aus dem Uhrenhaus Wempe, einen Button für bekennende Wagner-Anhänger „Richard ist Leipziger“, den Wagner-Stadtführer gibt es sogar schon seit 2008. Und im Restaurant Weinstock kann man das Wagner-Menü bestellen. Was will man mehr?

Eine Website natürlich mit der Übersicht: www.wagner-jubilaeum-2013.de

Wagner als Sachse: www.sachsen-tourismus.de/de/kunst-und-kultur/richard-wagner.html

Wagner auf Urlaub in Pirna: www.wagnerstaetten.de


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