Die Leipziger Buchmesse gibt zum ersten Mal allen Balkanstaaten eine gemeinsame Plattform

Für alle LeserDer Frühling naht. Und damit jene kleine Zeitspanne, in der das Buch wieder für ein paar Tage die Hauptrolle spielen darf in der einstigen Buchstadt Leipzig. Und nicht ganz grundlos betont die Leipziger Buchmesse: „Leipzig liest und debattiert 3.700 Mal“. Denn bei „Europas größtem Lesefest Leipzig liest vom 12. bis 15. März“ wird Leipzig für drei Tage wieder zu der Stadt in Deutschland, in der wirklich einmal über die vielen Probleme der Gegenwart diskutiert wird. Und zwar auf anderem Niveau als in den deutschen TV-Talkshows.

Denn wenn sich Autor/-innen mit ihren Büchern tief in eine brennende Geschichte der Gegenwart vertiefen, dann werden sie wirklich zu Fachleuten, die wissen, worüber sie reden, anders als die abendlichen Dilettanten im TV-Zirkus. Sie haben meist Jahre für ihre Sachbücher recherchiert, die Archive umgegraben und Zeitgenossen interviewt. Und Bücher animieren eben nicht dazu, komplexe Themen auf ein paar billige Schlagzeilen einzudampfen, damit sie auch noch die Dauer-TV-Gucker begreifen.

Und solche Effekte gibt es nicht nur mit Sachbüchern, sondern auch mit guter Belletristik. Denn auch Schriftsteller/-innen sind (wenn sie gut sind) Forscher, betrachten die Welt und ihr Leben mit den kritischen Augen eines Menschen, der wirklich wissen will, was geschieht und was das Leben als Mensch wirklich aufregend und einzigartig macht.

Und deshalb sagen natürlich Literaturliebhaber jedes Mal „Achduschreck“, wenn sie die bloßen Zahlen zum „größten Literaturfestival Europas“ lesen: 2020 sind allein 3.600 Mitwirkende bei rund 3.700 Gelegenheiten zu erleben. An rund 500 Orten auf dem Leipziger Messegelände und in der gesamten Stadt Leipzig bietet „Leipzig liest“ Literaturverführung pur, lädt ein zu persönlichen Begegnungen oder dem Austausch mit Lieblingsautoren, Meistern ihres Fachs oder Debütanten aus 51 Ländern. Was von alledem kann man da als einzelner Mensch eigentlich wahrnehmen?

„Neben einem starken literarischen Bücherfrühling finden sich in diesem Jahr besonders viele politische Sachbücher im Leipzig liest-Programm“, erklärt Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse. „Die Lesenden suchen nicht nur Informationen, sondern auch Bewertungen und Einordnungen, mit denen sie sich auseinandersetzen wollen. Zudem ist es uns gelungen, dass erstmals alle Partner der Region Südosteuropa mit einem gemeinsamen kulturpolitischen Projekt zur Literaturförderung in die Öffentlichkeit treten und dies auf der Leipziger Buchmesse.“

Und da er die Sachbücher besonders hervorhebt, kommen wir auch gleich zum Schwerpunkt Sachbuch.

Denn eine Menge sozial- und gesellschaftspolitische Themen stehen im Mittelpunkt der neuen Sachbücher der Saison. Wie stabil sind die Demokratien in Europa? Was kann die Zivilgesellschaft zur Verteidigung demokratischer Werte tun oder zur Bildungs- und Gendergerechtigkeit beitragen? Wie finden wir zu einer Lebensweise, die das Wohlergehen des Planeten mit dem der Menschheit versöhnt? Diese und viele weitere Fragen greifen die aktuellen Sachbücher auf und stellen sie zum Lesefest Leipzig liest zur Diskussion, unter anderem beim neuen Format des bereits seit 20 Jahren auf der Leipziger Buchmesse stehenden Blauen Sofas.

Da fällt sofort der Name Rutger Bregman auf, der mit dem Buch „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“ (Rowohlt, März 2020) zur Messe kommt. Den Namen des niederländischen Historikers kennen die aufmerksamen Zeitungsleser aus der Berichterstattung zum Weltwirtschaftsgipfel in Davos 2019, als Bregman die honorigen Gipfelteilnehmer mit der nur zu berechtigten Frage konfrontierte: Warum diskutieren sie eigentlich nicht über Steuern? Die Steuersysteme bestimmen, wie sozial Staaten sind und ob die Schere zwischen Arm und Reich auseinanderklafft. Aber wer sich erinnert: Schweigen zog gleich nach dem Gipfel wieder ein, und auch die deutsche Politik kneift bei dem Thema und moderiert jeden Ansatz zu einem gerechteren Steuersystem gleich wieder ab.

Rutger Bregman: Utopien für Realisten | ttt

Jutta Allmendinger ist mit ihrem Buch „Die Vertrauensfrage“ (Bibliographisches Institut/Dudenverlag, März 2020) zu Gast, Ruud Koopmanns bringt „Das verfallene Haus des Islam“ (C.H.Beck, Februar 2020) mit und der bekannte Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer bringt sein Buch „Kaltes Denken, Warmes Denken“ (kursbuch.edition, Februar 2020) in die Diskussion.

Matthes und Seitz hat den Klassiker von Klaus Theweleit „Männerphantasien“ neu aufgelegt. Und von Greta Taubert (die L-IZ-Leser schon seit ihrem Buch „Apokalypse jetzt!“ kennen), gibt es ebenfalls ein Buch, das sich mit männlichen Rollenbildern beschäftigt: „Guten Morgen, du Schöner. Begegnungen mit ostdeutschen Männern“.

Der erste „Common Ground“ zur Buchmesse

Aber die Buchmesse geht – nachdem 2019 schon Tschechien einen sehr eindrucksvollen Messeschwerpunkt gebildet hat – diesmal noch einen wichtigen Schritt weiter. Denn mit „Common Ground. Literatur aus Südosteuropa“ wird ganz Südosteuropa für drei Jahre zur Schwerpunktregion der Leipziger Buchmesse, von 2020 bis 2022.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Leipziger Buchmesse stellen in diesem Jahr alle Länder Südosteuropas ihre Literatur und ihre Autor/-innen gemeinsam vor: auf einem Stand und mit einem Programm. Als Schwerpunktregion 2020–2022 der Leipziger Buchmesse will „Common Ground. Literatur aus Südosteuropa“ die Qualität und Vielfalt der Literatur aus dem Südosten Europas einem breiteren deutschsprachigen Publikum näherbringen. So unterschiedlich die Länder, ihre Völker, Sprachen, Religionen, ihre Geschichte und ihre Geschichten auch sein mögen – drei Jahre lang soll das Verbindende im Vordergrund stehen.

Zahlreiche Lesungen und Diskussionen machen die Vielfalt der literarischen Welten aus Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Kosovo, Kroatien, Montenegro, Nordmazedonien, Rumänien, Serbien und Slowenien greifbar.

Das Ziel, das die Leipziger Buchmesse damit verfolgt: Es soll ein anderes, ein authentischeres Bild vom Balkan vermittelt werden – jenseits der Katastrophen, Klischees und Vorurteile. Dabei soll auch das Stille und Alltägliche ans Licht kommen und dazu beitragen, dass sich Kulturen besser kennenlernen. Im Fokus steht in diesem Jahr das Thema „Herkunft und Zugehörigkeit“.

Für die Autor/-innen aus Südosteuropa spielt diese Thematik eine ganz besondere Rolle. In ihren Ländern waren sie immensen politischen Umbrüchen ausgesetzt, die für neue Systeme, neue Grenzen und neue Nationen sorgten. Manche mussten vor Krieg und Unterdrückung fliehen, ihre Heimat verlassen und lernten neue Sprachen. Es geht aber nicht nur um die politische Dimension, sondern auch um die alltäglichen persönlichen Probleme von Wechsel und Entwurzeltsein, um Krankheit, Liebe und Identität.

Aus ganz Südosteuropa nach Leipzig

Aus jedem der beteiligten Länder reisen jeweils zwei Autor/-innen nach Leipzig, um auf der gemeinsamen Bühne, dem Common Ground-TRADUKI Forum (Halle 4 D507) ihre Erfahrungen zu teilen und ihre Werke vorzustellen. Der Stand wird am Donnerstag, 12. März, um 12 Uhr im Beisein von zahlreichen internationalen Gästen und Regierungsvertreter/-innen feierlich eröffnet. Anschließend vermitteln die Autor/-innen bei rund 20 Lesungen und Gesprächsrunden ihre persönlichen Erfahrungen zum Jahresthema „Herkunft und Zugehörigkeit“.

Neben vielen Gegenwartsautor/-innen und Newcomern finden auch Klassiker ihren Platz: Von Ivo Andrić, dem einzigen Literaturnobelpreisträger aus Südosteuropa, wird die Biographie in deutscher Sprache präsentiert (Zsolnay 2019). Und anlässlich des 30. Todestages von Danilo Kiš wird die Übersetzung des letzten bislang unübersetzten Romans Psalm 44 (Hanser 2019) vorgestellt.

Und indem die Buchmesse diese Autoren ehrt, zeigt sie auch die fatale Blindheit des westlichen Buchmarktes, die auch mit der Literaturnobelpreisübergabe an Peter Handke deutlich wurde. Das Literaturnobelpreiskomitee ist nicht das einzige, das seine Wahrnehmung der wirklich spannenden Literaturen beängstigend auf Autoren des Westens verengt hat und Ost-und Südosteuropa regelrecht als terra incognita behandelt. So wie die Entwicklung all dieser Länder in deutschen Medien ein Aschenbrödeldasein führt, sitzen auch die begnadeten Autorinnen und Autoren dieser Länder immer nur am Katzentisch.

Es sei denn, kleine mutige Verlage (wie z. B. Voland & Quist) nehmen sich all jener Bücher an, die da im Osten längst für Furore gesorgt haben, und holen sie ins Deutsche.

Und so empfindet sich auch die Buchmesse als Türöffner: Andere Bücher und Geschichten vom Balkan warten noch darauf, von deutschsprachigen Verlagen entdeckt zu werden. So dient der Messeauftritt auch als Stoffbörse für die Verlagsbranche.

„Common Ground“ bietet nicht nur interessante Einblicke in hierzulande weniger bekannte Kulturen und Literaturen. Es ist zugleich ein einzigartiges kulturpolitisches Projekt: Denn erstmals haben sich hierfür alle Nachfolgestaaten Jugoslawiens mit den südosteuropäischen Nachbarländern Albanien, Bulgarien und Rumänien zusammengeschlossen. Das ambitionierte Projekt wurde von TRADUKI, dem europäischen Netzwerk für Bücher und Literatur, gemeinsam mit der Leipziger Buchmesse ins Leben gerufen.

„Als wir mit der S. Fischer Stiftung vor mehr als zehn Jahren das TRADUKI-Netzwerk mitgegründet haben, ahnten wir noch nicht, welche Dimension des Miteinanders dieser Zusammenschluss einmal erreichen würde“, blickt Antje Contius, die Geschäftsleiterin der S. Fischer Stiftung und Leiterin der TRADUKI-Geschäftsstelle zurück.

„Mit dem gemeinsamen Messeauftritt haben alle an TRADUKI Beteiligten ein Projekt mit einer immensen kulturpolitischen Strahlkraft geschaffen. Gemeinsam überschreiten wir im wahrsten Sinne des Wortes Grenzen und bauen Brücken zwischen den Menschen.“

„Dass dieses Signal von der Leipziger Buchmesse ausgesendet wird, ist kein Zufall“, betont Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse. „Als Mitglied des TRADUKI-Netzwerkes Zograf, dessen Werke bereits in über 15 Sprachen übersetzt wurden, präsentiert in Leipzig mit Partisanenpost (bahoe books) eine Neuerscheinung.

Das gesamte Leipzig liest-Programm finden Interessierte unter www.leipziger-buchmesse.de/ll oder in der App zur Leipziger Buchmesse, die in den Appstores für Android und iOS zur Verfügung steht.

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