Alles, nur keine Graue-Männer-Musik: Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp zu Gast in Leipzig

Musik kann sprachlos machen. Erst recht, wenn sie in keine Schublade mehr passt. Aber trotzdem schön ist und von Welt. Was tun? - Einfach "NoWave-PostPunk-Afrobeat" drüber schreiben? Kann schief gehen. - Also Scheibe einschieben ins Laufwerk und dann mal hören, was das da sein könnte, was am Mittwoch, 4. Juli, im Raum der Kulturen zu hören sein wird: Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp.
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Und stünde als Herkunftsort nicht Genf da, man wäre fast geneigt, ganz felsenfest zu behaupten: Die kennst du doch! Das hast du doch schon mal gehört! Ja, das ist doch … Und schwarz-weiße Bilder flackern auf, obwohl der Film damals wohl schon in Farbe gedreht wurde. Und das „damals“ ist so lange gar nicht her: 2002. Da kam „Halbe Treppe“ ins Kino, einer der wenigen wirklich klugen und ehrlichen Filme, die in den letzten 20 Jahren in Ostdeutschland gedreht wurden, in diesem Fall in Frankfurt an der Oder. Ja, das ist die Stadt, in der es bis heute noch einen Esoterik-Lehrstuhl gibt. Der zwar nun abgeschafft werden soll. Aber mal ehrlich: Wenn man die Esoterik-Ausbildung in Frankfurt abschaffen will, dann gelten die selben Maßstäbe für fast alle PR- und Wirtschaftslehrstühle an deutschen Universitäten. Mal ganz zu schweigen davon, dass in Freiburg gerade ein Esoterik-Lehrstuhl gestartet ist.

Aber das gehört wohl zur deutschen Diskussionskultur. Über das ganze Stück Land östlich der Interzonengrenze wird nur mit westlicher Brille geredet. Von oben herab. Was nicht ins Schema der alten Erwartungen passt, darf nicht sein.

Das Gefühl ist nicht neu. Das hatte man auch 2002, als „Halbe Treppe“ lief mit dieser ganzen vom Wind ausgeblasenen Szenerie und dem bisschen Restleben, das übrig geblieben ist, nachdem die treudeutschen Ausverkäufer durchs Land gerammelt sind. Tristesse pur. Und mittendrin diese seltsamen Musikanten, deren Musik dem Film nicht nur eine ganz bestimmte Note gab. Ein bisschen melancholisch. Aber auch irgendwie ruhelos. Immerhin ist die Welt ja nicht zu Ende, nicht hier und auch nicht jenseits der Oder. Man kann ja weiterziehen. Als Zigeuner. Und seinen Frust, seine Lust, seine Unruhe in Musik verwandeln.

Hinten im Abspann hat man dann erfahren, dass diese Musiker – vielleicht leider – kein Frankfurter Gewächs waren, sondern Berliner: die 17 Hippies.

Auch sie lieben Instrumente aus aller Welt, mischen Rock und Pop und alle Stile, die ihnen gefallen. Aus Ost und West und Süd und – wenn man nun auch noch Björk im Ohr hat – auch noch Nord. Das ist die Musik von heute. Die eigentliche, die nicht von den großen Labels okkupiert ist und schon gar nicht von seifenblasen-besessenen Fernsehsendern.

Und ganz bestimmt ist es kein Zufall, dass das Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp an die Berliner 17 Hippies erinnert. „Die Instrumentierung ist angemessen bizarr. Mittels Marimba, Schlagzeug, Trombone, Doublebass, elektrischer Gitarre, Geige und Gesang verschmilzt das OTPMD die wilde und freie Haltung des Post-Punk mit den tropischen Vibes des Afrobeat. Dazwischen No Wave, Jazz und experimenteller Pop“, schreibt radioglobalistic, das zusammen mit dem SchubladenKonsortium den Auftritt der sechs Musiker aus Genf präsentiert. Man merkt, wie schwer es selbst den Profis fällt, einzuordnen, was nicht einzuordnen geht.

Sie selbst ordnen sich mit „Minimalistisch / Trance / Tropisch“ ein.Noch nicht genug der Irritationen? – Die nächste steckt ja im Bandnamen. Denn einen Marcel Duchamp wird man unter den Sechs nicht finden.- Sie heißen Vincent Bertholet (Kontrabass), Seth Bennett (Posaune), Wilf Plum (Trommeln) und Mael Salétes (Gitarre). Die Mädchen im Sextett sind Aida Diop (Marimba) und Liz Moscarola, die nicht nur Geige spielt, sondern auch diese herrlich drängende, sehnsuchtsvolle, herausfordernde Stimme hat, die manchmal in die stimmlichen Höhenflüge einer Björk abhebt. Was an der Musik liegt: Hier ist Leben drin. Hier wird kein romantikschwangerer Kitsch gesungen, wird aber auch nicht dieser aufgepoppte Hip-Sex der dauerpupertierenden Girlies aus USA nachgehechelt. Das hier ist Musik aus dem Bauch und aus der Freude am Dasein. Da braucht es keine protzenden Rap-Daddies und diesen ganzen Schnickschnack für Minderbemittelte.

Dies hier sind Leute, mit denen man tatsächlich einen ganzen Abend zusammen sein will, die Lust am Experimentieren haben und Freude daran, sich so richtig in den Beat einer Dampflok zu legen. So wie die 17 Hippies. Und natürlich fragt man sich: Warum haben die Schweizer diese Band nicht zum Eurovision Song Contest geschickt? Warum treten die Deutschen nie mit den 17 Hippies an?

Die Antwort ist wohl simpel: Die entscheidenden Instanzen sind alle mit den grauen, phantasielosen Männern besetzt, die Michael Ende 1973 in „Momo“ beschrieben hat. Die ganzen bunten Fernsehstudios trügen: Hinter den Stellwänden zählen die grauen Männer ihr Geld und bestimmen, was wichtig und was repräsentativ zu sein hat.

Und Momo? – Momo singt, wie man hört, lieber in Bands wie OTPMD.

Und wer ist nun Marcel Duchamp? – Natürlich kein Sänger. Er ist einer von den ganz großen Surrealisten und Dadaisten, einer aus der Truppe André Breton, Louis Aragon, Paul Éluard, Philippe Soupault. Das ist der Bursche, der die Readymades erfunden hat: Kunstobjekte, die schon da sind, die aber niemand als Kunst wahr nimmt – bis sie Marcel Duchamp in Kunst verwandelt, indem er einfach deklariert: Das ist jetzt ein Kunstobjekt, ein Readymade. Bekanntestes Objekt: seine „Fountain“ von 1917.

Und das ist es, was die sechs von OTPMD gereizt hat: Wie er wollen sie einfach die Konventionen durchbrechen. Raus aus den Rastern, aus den Schablonen der grauen Männer. Musik machen, wie sie einem selbst gefällt. Gemixt aus „Post Punk, Afro-Beat, Urban Trance, tropischem Sound und experimentellem Pop“. Was natürlich auch wieder alles Quatsch ist. Natürlich sind auch das alles Readymades. Und wer erwartet, dass davon am 4. Juli irgendwas zu hören sein wird, der wird es nicht hören. Denn für Duchamps Readymades gilt genau dasselbe, was René Magritte (noch so ein Surrealist …) unter die Pfeife schrieb: „Das ist keine Pfeife.“.

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Und genau so muss man wohl heutzutage tatsächlich Musik machen. Diesen ganzen verlogenen Bembel der großen Labels, der Agenturniks, der schwafelnden Experten und der medialen Inszenierungen weit hinter sich lassen, wissend darum, dass alle Worte und Beschreibungen, die dort verwendet werden, verlogen und verdreht sind.

Um dann alles umzuverwandeln. Den Ernst der grauen Männer wieder in Dada zu verwandeln und dann einfach wieder innige Freude daran zu haben, dass der Zug abgeht. Auf der Bühne und im Saal.

Und am Mittwoch, 4. Juli, um 21 Uhr im Raum der Kulturen in der Engertstraße 23 in Plagwitz.

www.myspace.com/orchestretoutpuissantmarcelduchamp

http://otpmd.bandcamp.com

Veranstalter: http://radioglobalistic.wordpress.com


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