Erste Leipziger 1:1-Konzerte gibt es am Wochenende im Kunstkraftwerk und bei den Wohnschrittmachern

Für alle LeserWie kommen eigentlich Orchestermusiker jetzt noch zu Publikum, wenn man von Livestreams und den vielen eindrucksvollen Homeoffice-Konzerten einmal absieht? Balkonkonzerte und (Innen-)Hofkonzerte sind möglich, so, wie wir sie im Waldstraßenviertel erlebt haben. Oder Konzerte mit ganz ganz wenig Publikum, quasi Musiker und Zuhörer im Augenkontakt und natürlich auf gesunde Distanz. 1:1-Konzerte, die jetzt der Notenspur e. V. auch in Leipzig organisiert.

Zahllose Orchestermusiker haben derzeit keine Auftritte und für viele von ihnen wird es auch in den kommenden Monaten nicht anders aussehen. Der Musikerberuf ist ein besonderer, denn – egal ob Flötistin, Geiger, Kontrabassist oder Harfenistin – sie alle müssen jeden Tag üben, um ihre Spielfähigkeit nicht zu verlieren.

Doch zu üben, ohne ein Podium zu haben, auf dem das Gelernte erklingen kann, ist für viele Instrumentalisten auf die Dauer unbefriedigend. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass gerade aus den großen Klangkörpern des Landes die Idee kam, das Format der Eins-zu-Eins-Konzerte zu übernehmen.

Es handelt sich um ein sehr besonderes und persönliches Konzertformat, ein intensives blind date mit Musik in der 1:1 Situation von einem Musiker und einem Zuhörer. „1 Musiker/-in, 1 Zuhörer/-in, 2 Meter Abstand“ ist ursprünglich nicht für die Corona-Zeit entwickelt worden, sondern ist eine Idee der Organisatoren der Sommerkonzerte im Kloster Volkenroda in Thüringen, unter ihnen die ehemalige Soloflötistin des Gewandhausorchesters, Stephanie Winker. Aber es passt sehr gut für die Situation unter den Corona-Beschränkungen.

Notenspur-Initiator Werner Schneider: „Das Anliegen des im Kloster Volkenroda entwickelten Formates hatte weder Spenden im Fokus noch Corona im Hintergrund, sondern die intensive wortlose Begegnung zweier Menschen durch die Musik. Für mich ist dies weiterhin das zentrale Anliegen der 1:1 Konzerte. Für die gegenseitige Wertschätzung von Künstler und Hörer, die in dem ungewöhnlichen Format zum Ausdruck kommt, setzen wir uns gern ein.“

Hier ein schönes Beispiel für ein Corona-Home-Concert: das Rotterdams Philharmonisch Orkest „From us, for you: Beethoven Symphony No. 9“

Neben Stuttgart, Marbach, Frankfurt, Berlin und Dresden kann man nun auch in Leipzig diese besonderen Konzerte erleben. Auf Anregung und mit der Unterstützung einiger Gewandhaus-Musikerinnen hat der Notenspur Leipzig e. V. die technisch-organisatorische Abwicklung der 1:1 Konzerte in Leipzig übernommen. Die Premiere der 1:1 Konzerte fand bereits am 9. Juni 2020 im Schumann-Haus statt.

Interessante Orte und Privatpersonen als Gastgeber sowie eine ganze Reihe von Gewandhaus-Musikerinnen und -Musikern haben ihre Mitwirkung schon zugesagt. Diesen Freitag, Samstag und Sonntag, jeweils ab 19 Uhr, lädt das Kunstkraftwerk zu dem außergewöhnlichen Kunstformat in die atmosphärisch eindrucksvolle Maschinenhalle ein, die Wohnschrittmacher am Samstag (ab 16 Uhr) und Sonntag (ab 17 Uhr) in ihre Gemeinschaftswohnung in einem Leipziger Plattenbau.

Anne Wiechmann-Milatz, Initiatorin unter den Gewandhaus-Musikern, sieht den Gewinn der 1:1 Konzerte nicht nur bei den Zuhörern: „Mich begeistert, dass ich überall unter meinen Kolleginnen und Kollegen auf offene Ohren und Herzen für dieses Anliegen stoße. Die Krisenzeit hat uns bewusst gemacht, was es für ein Geschenk ist, für Menschen spielen und ihnen Mut machen zu dürfen. Und sie hat in uns den Bürgerwillen unserer Stadt geweckt, etwas dafür tun zu können.“

Und ihre Kollegin Birgit Weise ergänzt: „Wir haben große Sehnsucht, trotz aller Widrigkeiten für unser Publikum da zu sein, im persönlichen Kontakt zu bleiben. Wir wünschen uns, dass wir die Freude live gespielter Musik vermitteln können und emotionale Momente in Gemeinschaft lebendig werden. Wann immer sich die Möglichkeit ergibt, möchten wir Konzerte für Menschen spielen – das ist unser Beruf und unsere Leidenschaft.“

1:1-Spielort Kunstkraftwerk. Foto: Luca Migliore

1:1-Spielort Kunstkraftwerk. Foto: Luca Migliore

Übrigens: Für den Hörer bleibt der ausführende Musiker und das etwa 10-minütige Stück bis zum Konzertbeginn eine Überraschung.

Auch professionelle Musiker anderer Stilrichtungen sind zur Mitwirkung eingeladen. Die Informationen zur Anmeldung finden Interessierte auf der Webseite des Notenspur-Vereins unter https://notenspur-leipzig.de/1to1concerts/. Gegenwärtig sucht der Notenspur e. V. vor allem nach weiteren Gastgebern mit geeigneten Räumlichkeiten: in optisch und akustisch ruhiger Umgebung soll eine stille Begegnung zwischen Zuhörer und Musiker inszeniert werden können. Näheres erfahren potentielle Gastgeber im bereitgestellten Infomaterial.

Mit den nun beginnenden Konzerten wird aber nicht nur die Sehnsucht nach unmittelbarem Musik-Erleben befriedigt, sondern sie dienen auch einem mehr als guten Zweck: Es werden Spenden gesammelt, um in existenzielle Not geratene Künstlerinnen und Künstler zu unterstützen. Gastgeber stellen ihre Räume kostenfrei zur Verfügung, die Musiker spielen ohne Gage – jedoch der Zuhörer erhält nach dem Konzert die Möglichkeit, freiwillig an den Nothilfefond der Deutschen Orchester-Stiftung bzw. an den Leipziger Kulturfallschirm zu spenden.

Der Leipziger Kulturfallschirm liegt Franziska Franke-Kern ganz besonders am Herzen: „Die Crowdfunding-Aktion wurde von Jan Thomas für freie Kulturschaffende in Leipzig ins Leben gerufen. Nun zeigen zahlreiche Leipziger Kulturinstitutionen, Unternehmen und Künstler gemeinsam Solidarität: Sie unterstützen die Aktion mit limitierten, attraktiven Dankeschön-Angeboten und erzeugen eine stetig wachsende Aufmerksamkeit in der Stadtgesellschaft. Eine Spende sorgt demnach nicht nur für ein wohliges Gefühl, sondern wird zudem u. a. mit einem Privatkonzert, exklusiven Museumsführungen oder Präsenten belohnt. Dass nun die 1to1concerts den Kulturfallschirm um eine weitere Facette bereichern, freut uns ungemein!“

Und hier direkt vom Dach des Gewandhauses: FROHE PFINGSTEN | #leipzigklingtweiter

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