Wer sich für Leipziger Musiker interessiert, kommt natürlich an 100 Kilo Herz nicht vorbei. Und obwohl der Terminkalender von einer viel beschäftigten Band und großen Bühnen erzählt, empfinden sie selbst ihr Projekt noch immer als ihr liebstes Hobby.

Gitarrist Marco hat uns in unserem LZ-Büro besucht und ein wenig erzählt, wie die Band entstanden ist, wie es weitergeht und was sie über den kürzlichen Outcall gegen eines ihrer früheren Mitglieder denken.

Erzähl doch erst mal, wie Ihr als Band zusammengekommen seid.

Also wir sind nicht aus einer Freundschaft herausgewachsen. Wir sind alle – in Anführungsstrichen – gestandene Musiker aus der Punkrockszene und kannten uns halt so über drei Ecken. Und irgendwann hatte einer von uns die Idee, dass man sich mal zu einer Jam-Session treffen könnte.

Einer kannte einen guten Sänger, der andere einen guten Schlagzeuger. Und aus meiner Band kamen dann die Bläser dazu. Und dann hatten wir die erste Truppe zusammen, mit der wir vor jetzt sechs oder sieben Jahren versucht haben, Musik zu machen. Das hat sich von Anfang an sehr gut angefühlt in dieser Konstellation.

Es war von Anfang an der Wunsch da: wenn wir es jetzt in dieser Konstellation machen, machen wir es von Anfang an richtig. Das heißt, wir haben uns wirklich erst einmal ein Jahr lang im Proberaum eingeschlossen und am Musikmaterial gearbeitet, bevor wir dann überhaupt das erste Mal auf die Bühne gegangen sind.

In welcher Band hast du vorher gespielt?

Ich bei Hörinfarkt, unser Sänger ist noch bei Oberst Kübel und hat sein Soloprojekt Rodi. Unser Schlagzeuger war bei den BlumentoPferden. Aus dieser ganzen Verbindung kommt dann quasi jetzt 100 Kilo Herz.

Es gibt schon sehr lustige Bandnamen. Wie ist denn der Name 100 Kilo Herz entstanden?

Der Name muss halt irgendwie zu dem passen, was man an Musik macht. Mit Hörinfarkt war es eher so ein Spaßding zur Unterhaltung und 100 Kilo Herz war von Anfang an so ausgelegt, dass wir uns natürlich ganz klar politisch äußern wollen mit der Musik. Und dass es eine sehr emotionale Geschichte ist.

Da lag es irgendwie auf der Hand, sich sowas rauszupicken, den Namen haben wir ja von einer Muff Potter Zeile übernommen, wo es darum geht, 100 Kilo Herz schlägt auf mich ein. Das ist ein relativ altes Lied von denen und das war so die Band, mit der wir alle als unterschiedliche Musiker etwas anfangen konnten. Deswegen haben wir uns darauf geeinigt, das passte so wie Arsch auf Eimer.

Ich habe Euch auf dem Highfield gesehen, war das das Highlight für Euch?

Das ist immer schwer zu sagen. Also natürlich war das die größte Bühne, auf der wir je gestanden haben. Es ist unglaublich, wie viele Menschen da auch hinter den Kulissen arbeiten, wie das abläuft, wen man da so alles trifft. Da läuft einem Felix Kummer über den Weg oder Sido, oder die Donots, die im Backstageraum nebenan sitzen. Das ist natürlich schon mega surreal.

Dass das wohl für jeden, der Musik macht, so ein Wunschdenken ist, ist glaube ich klar. Aber dass das mal Realität wird für uns, da hat glaube ich keiner von uns dran gedacht. Aber zu sagen, das wäre ein Highlight – da reiht sich irgendwie so eins ins andere.

Wir haben unser zweites oder drittes Konzert im Felsenkeller gespielt, da waren irgendwie 20 Leute im Publikum. Dann spielst du zwei Jahre später wieder im Felsenkeller und das Ding ist fast ausverkauft. Diese Bilder zu sehen, dieses krasse Wachstum, das ist etwas, das einem unwahrscheinlich den Bauch pinselt und wo wir froh sein können, dass wir alle lang genug Musik machen, um nicht abzuheben und durchzudrehen.

Und dass wir alle Familie haben, die uns dann entsprechend einnorden, wenn wir doch mal zu sehr abheben. Wir haben letztes Jahr im Gewandhaus gespielt, das sind so Sachen … da jetzt zu sagen, das Highfield wäre das Highlight gewesen, das würde den anderen Sachen nicht gerecht werden.

Manchmal ist ja auch nicht das größte Konzert das Highlight sondern das, wo die Leute gut drauf sind. Aber die sind auch da ganz schön abgegangen wie man im Video sehen kann.

Ja, ich wüsste jetzt nicht, dass wir mal ein Konzert hatten, dass schlecht ankam. Wir hatten auch in Leipzig ein kleines privates Wohnzimmerkonzert, bei dem nur 100 Leute waren, und das war auch phänomenal. Wenn dann der Schweiß anfängt, von der Decke zu tropfen, das ist genauso cool und vielleicht auch noch emotionaler als die großen Sachen.

100 KILO HERZ // NICHTS IST ANDERS (Official Music Video)

Wieviele Konzerte spielt Ihr denn so im Jahr?

Das ist durch Corona jetzt natürlich etwas schwierig, aber ich denke, dass wir so ein Pensum von 40 bis 50 Konzerten haben im Jahr. Die wir spielen könnten. Ist natürlich auch die Frage, wie viel man davon wahrnehmen sollte, irgendwann fängt man ja auch mal an, sich zu überspielen, dass man einfach zu viel macht. Ich glaube, an dem Punkt sind wir jetzt gerade auch.

Wir spielen unsere Tour noch zu Ende, das letzte Konzert ist im Januar in Husum. Und dann ist bei uns auch tatsächlich mal eine minimale Auszeit geplant. Mal kurz wieder erden und runterkommen, neue Kraft tanken. Und dann auch ein neues Album zu produzieren.

Ihr habt ja aktuell wie einige andere auch mit einem Outcall zu kämpfen, werdet für Euren Umgang damit aber sehr oft gelobt. Also man hat Euch schon abgenommen, dass Ihr das ehrlich meint.

Das ist auch komplett aufrichtig und ehrlich gemeint. Dass wir uns von dem Gitarristen trennen, war von Anfang an klar für uns, nachdem uns überhaupt nur der erste Bruchstein bekannt wurde. Und so schwierig das ist, ich finde es wichtig, dass darüber diskutiert wird. Und wenn es der Sache nützt, dann nehmen wir das gerne in Kauf.

Prinzipiell ist es so, dass wir das nachvollziehen können und den Betroffenen auch uneingeschränkt glauben. Dass die Informationen zu dem Vorfall glaubwürdig sind, stand für uns immer außer Frage. Wir haben nur den Fehler gemacht, damals nicht selber damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Und ich will das jetzt auch gar nicht bewerten, ob wir das jetzt richtig machen oder nicht, es wird immer für die einen cool sein und für die anderen ist es immer noch falsch.

Da den richtigen Weg zu finden, ist schwer. Aber wie schon gesagt, es ist wichtig, dass endlich über das Thema gesprochen wird und endlich im Fokus ist. Wir haben die letzten Jahre auch immer versucht, Bands mit Flinta-Personen dabeizuhaben und bei unseren eigenen Festivals ein ausgeglichenes Line-up zu haben, wo nicht nur Männer auf der Bühne stehen. Das war uns immer wichtig als Band, und wenn das jetzt dazu beiträgt, dieses Thema wieder mehr in den Fokus zu rücken, dann tun wir als Band alles, was dazu notwendig ist.

Ihr kommt ja aus der Punkszene, ist das heute noch noch richtiger Punk, wie man ihn von früher kennt? Es scheint sich alles zu verändern.

Absolut. Ich meine, ich bin jetzt aus unserer Band derjenige, der nie tiefer in der Punkszene drin war, ich will mir jetzt nicht anmaßen, ein richtiger Punk gewesen zu sein. Für mich war Punk immer, Sachen tun zu können, auf die ich Lust hab und das nicht irgendwie zu hinterfragen. Dann war irgendwann auch die Musik cool, bei mir ging es dann los mit den Toten Hosen und den Ärzten, also dieser übliche Einstieg.

100 Kilo Herz – Die Guten – live @ Dreck und Glitzer Open Air 2021

Ich bin froh, dass wir noch so eine musikalische Bewegung haben, so eine Subkultur, die sich auch aktuell stark macht. Leipzig ist ja da eine Hochburg, was das politische betrifft. Das linke Fähnchen hier im Osten, was noch die Fahne hochhält. Uns war es auch immer wichtig, auch aus Leipzig herauszugehen. Also gerade wenn du im Erzgebirge spielst, so im Hinterland – das ist echt gruselig, was man da manchmal erlebt.

Habt Ihr da denn auch viel Publikum auf den Konzerten?

Die sind tatsächlich immer sehr gut besucht, nach wie vor. Die Szene ist da auch noch sehr stark, keine Frage. Wenn ich da an so Läden denke wie das Café Taktlos, was die da für eine Jugendarbeit leisten, das kann man gar nicht hoch genug bewerten. Die Alte Brauerei in Annaberg-Buchholz genauso oder die Chemiefabrik in Dresden, das Jugendhaus Riesa. Und was es da nicht alles noch gibt.

Das ist so elementar und wichtig, dass die da wirklich noch versuchen, die Jugend im positiven Sinne zu beeinflussen. Das Schlimme oder Konträre ist – reist du in die alten Bundesländer, die können das nicht nachvollziehen, was hier abgeht.

Könnt ihr eigentlich von Eurer Musik leben?

Ne, gar nicht. Wir haben noch nicht einen Cent mit dieser Musik verdient. Das ist für uns nach wie vor ein leidenschaftliches Hobby. Es ist nicht so, dass dabei nichts rumkommt, aber alles, was wir da an Geld einnehmen, das fließt eins zu eins wieder in die Band zurück. Für Bühnenaufbauten oder die Vorproduktion für das nächste Album und solche Geschichten. Werbung kostet unendlich viel Geld.

Und auch wenn wir dieses Jahr viel spielen, die Verträge, die wir gemacht haben, sind zum Teil von 2020 mit den damaligen Basiskosten. Da haben wir noch kalkuliert, dass wir mit 50 Euro zum Konzert kommen, aber da muss man nur an die Tanksäule schauen: die Zeiten sind lange vorbei.

Die Kosten wurden nicht angepasst?

Nein, da passt sich nicht an, die Verträge sind alle die alten geblieben. Und du willst ja auch spielen, also spielen wir es auch. Aber die Kosten für so eine Show sind so nach oben gegangen, dass es mit Ach und Krach kostendeckend ist. Und was die Tonträger betrifft, das ist für uns aktuell noch ein komplettes Minusgeschäft. Damit verdient man heutzutage auch kein Geld mehr.

Habt Ihr denn mal vor, ausschließlich von der Musik zu leben? Verdienen Musiker damit eigentlich noch genug?

Das ist eine gute Frage. Wir haben da schon oft drüber nachgedacht, ob man den Mut haben sollte, volles Risiko zu gehen. Man träumt ja schon mal davon, was wäre wenn. Und wenn du dann mit Bands redest, die diesen Schritt gewagt haben oder auch wieder zurückgegangen sind – du musst halt wirklich deine Seele verkaufen, wenn du das machst. Dann kannst du dir nicht mehr aussuchen, welches Konzert du jetzt spielst, du musst spielen, damit du Geld verdienst.

Und wenn du z. B. Auf einem Konzert spielst, hinter dem du eigentlich nicht stehst oder für das du nicht brennst und mit voller Leidenschaft dabei bist, aber des Geldes wegen spielen musst – ich glaube, dann ist es auch verloren. Insofern sind wir froh, dass wir unabhängig sind und alle vernünftige Jobs haben, dass wir das Hobby damit vereinen können. Aber ich glaube, den Schritt zu wagen – da müsstest du schon auf ein Level kommen wie Die Ärzte, die Broilers oder Die Toten Hosen, um trotzdem noch entspannt und glaubwürdig deinen Job zu machen.

Auch wenn du dich bei den Texten oder Messages verbiegen müsstest, die du rüberbringen willst, weil du einen kommerziellen Partner hast, der dir irgendetwas diktieren will – ne, das wird nicht passieren. Das betrifft auch Agenturen oder Label – wenn die irgendwie wollen, dass man sich verbiegen soll, dann sind das nicht die richtigen Partner. Entweder die ziehen mit und beraten uns auf dem Weg, den wir gehen wollen, oder sie lassen es sein. Da haben wir zum Glück Partner, die uns da wirklich an die Hand nehmen und uns auf unserem Weg begleiten. Da sind wir auch froh, dass wir die haben.

Was habt ihr denn in der Zukunft als Band noch vor?

Also dieses Jahr kosten wir noch komplett live aus, wir sind ja bis auf vier oder fünf Wochen dieses Jahr jedes Wochenende unterwegs. Dann wollen wir Ende des Jahres anfangen, im Studio das neue Album aufzunehmen. Und wir bringen auf jeden Fall noch den Gewandhausauftritt auf Vinyl raus, da sind die Presszeiten sehr lang momentan. Wenn alles gut läuft, wird das im ersten Quartal 2023 fertig sein.

Das hat jetzt über ein Jahr gedauert, da scheint es Rohstoffengpässe zu geben. Und auch die Preise sind enorm gestiegen, Schallplatten werden demnächst richtig teuer werden. Und dann ist die Frage, wer gibt z.z. B.B. 30 Euro für eine Schallplatte aus? Die Inflation ist gerade eine riesige Baustelle für alle im Musikbusiness.

Dann gibt es für uns erst einmal eine kleine Auszeit, zumindest live. Und dann zur nächsten Festivalsaison auf jeden Fall wieder live dabei sein.

Ihr habt ja alle Familie, da macht Ihr Euch wahrscheinlich auch Gedanken, wie das alles weitergeht, oder? Klimakrise, Energiekrise, gestiegene Kosten …

Das ist natürlich immer ein Thema. Dass wir das alle im Geldbeutel spüren, was aktuell passiert, auf jeden Fall. Und was soll man zur Klimakrise noch sagen? Jetzt regieren die Grünen nach 16 Jahren CDU endlich mal mit und werden direkt für alles verantwortlich gemacht, was gerade passiert. Ich möchte da gerade auch mit niemandem tauschen in der Politik.

Gibt es denn noch irgendetwas, das du unbedingt mal sagen willst, wonach aber leider noch nie jemand gefragt hat?

Eigentlich nicht. Wir sind ja eine offene Band. Wenn wir etwas zu sagen haben, dann versuchen wir das durch unsere Texte zu machen, dafür haben wir unser Medium ja.

Wer schreibt denn bei Euch die Texte?

Die schreibt alle unser Sänger, der Rodi. Das kann er wirklich, das ist seine Passion. Gerade die persönlichen Texte kommen einfach so raus, bei den Texten, die politisch sind, holt er sich da auch noch Rückmeldung von Menschen, die sich mit manchen Sachen noch viel tiefer beschäftigen.

Und so fügt sich alles zusammen, du hast dann noch Musiker, die auch wirklich Ahnung haben von der Musiktheorie. Bei uns greift vieles ineinander, jeder hat so sein Aufgabengebiet, wo er richtig gut drin ist, und ich glaube, das ist das, was die Band ausmacht. Dass jeder so seine Nische hat und sich da austoben kann und soll.

Sänger Rodi auf der Highfield-Bühne. Foto: Sabine Eicker

Wenn ich überlege, wie das bei uns im Proberaum manchmal so abläuft, mit welcher leidenschaftlichen Diskussion, die dann oft auch laut und heftig wird. Wenn man sich danach hinsetzt und sagt, gut, dass wir uns so in den Haaren hatten, das Ergebnis, der Song ist jetzt cool so wie er ist. Dann hat es sich gelohnt.

Dann bleibt nur noch der Hinweis auf das nächste Konzert in Leipzig. Wann und wo findet das statt?

17.09.22 – Leipzig, Haus Auensee (verlegt von der Parkbühne im Clara-Zetkin-Park)

Dann danke ich Dir für das Gespräch.

Zu finden ist die Band samt Musik unter:

https://www.youtube.com/c/100KILOHERZ

https://www.100-kilo-herz.com/

https://www.facebook.com/100KiloHerzPunkrock/

https://www.instagram.com/100kiloherz/?hl=de

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar