Kinder- und Jugendhilfereport 2011: Viele Zahlen – aber die Koppelung zum Sozialreport fehlt

240 Seiten dick ist der Leipziger "Kinder- und Jugendhilfereport 2011", Redaktionsschluss September 2012. Er widmet sich den Kindertagesstätten, der Tagespflege und den Hilfen zur Erziehung, der Kinder- und Jugendförderung und dem Jugendschutz, all dem also, was die Stadt so tut für den Nachwuchs. Und er zeigt auch am Rand, wie eng verquickt die Problemlagen mit der Armutssituation der Stadt sind.
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Obwohl die Armutslagen steigen und Familien zunehmende Probleme bei der Bewältigung ihrer Erziehungsaufgaben haben, werden weniger erzieherische Hilfen gewährt, stellt die Grünen-Stadträtin Katharina Krefft nach Lesen des dicken Wälzers fest. Dabei müsse sicher die aktuell geringe Zahl Jugendlicher in der Altersgruppe der 14- bis 17-Jährigen berücksichtigt werden. „Das aber macht noch dringender klar: mit den steigenden Kinderzahlen ist der Anspruch an wirksame Hilfe noch wichtiger! Wiederholte Aufnahmen in die Inobhutnahmestellen sind für uns ein Indikator für mangelnde Qualität bei Leistungsträgern“, stellt Katharina Krefft fest.

Der Kinder- und Jugendhilfereport beschreibe im Kapitel 4 „Erzieherische Hilfen und Inobhutnahmen“ die Verschärfung kritischer Familienkonstellationen durch den Anstieg sozialer, finanzieller und bildungsbezogener Armut. Beobachtet werden zunehmend komplexere und schwierigere Fälle. Gleichzeitig aber gehe die Hilfestellung insbesondere stationärer Hilfen zurück.

„Wir bestreiten nicht, dass ambulante Hilfen vor stationären Hilfen angezeigt sind, aber manchmal muss ein Kind besser aus dem Kontext herausgenommen und in einer Wohngruppe betreut werden“, sagt Katharina Krefft und sieht die Ursache für die Verstetigung mancher dieser Schicksale zu komplexeren Fällen in der zögerlichen Hilfestellung und der Qualität der Leistungserbringung.

Eine Hilfe müsse notwendig und geeignet sein. „Das Jugendhilfegesetz sieht berechtigterweise eine genaue Fallbetrachtung vor, ehe eingegriffen werden darf. Aber dann muss Hilfe auch konsequent gestattet werden“, fordert die sozialpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion. „Die richtige Hilfe zum frühen Zeitpunkt ist aus unserer Sicht die kostengünstigste. Der Fall der straffälligen Zwillinge, die seit ihrem 9. Lebensjahr betreut wurden, lässt vermuten, dass ungeeignete Hilfeinstrumente zu Fallkarrieren führt, die hier zu teurer Unterbringung außerhalb der Stadt führte. Nicht zu unterschätzen ist die Störung des sozialen Lebens durch solchermaßen vernachlässigte Kinder.“
Die Fraktion der Grünen würden auch vielfältige Beispiele erreichen, dass Hinweisen unzureichend nachgegangen, dass Sozialarbeitern offenbar zu wenig Raum für ihre Entscheidungen gegeben wurde und Anbieter unterschiedliche Qualität leisteten. „Die Verantwortung des ASD und des Amtsleiters Herrn Haller wurde durch uns immer wieder in den Gremien thematisiert. Die Änderung in der Leitung des ASD ist die richtige Konsequenz in der Aufarbeitung der bekanntgewordenen Fälle. Aber die Probleme liegen ganz klar auch in der Steuerung“, erklärt Katharina Krefft.

Andererseits ist auch unübersehbar, dass die Zahl der Inobhutnahmen insbesondere bei Jugendlichen seit 2008 deutlich gestiegen ist. Der Report gibt zwar detailliert Auskunft über das, was das Amt für Jugend, Familie und Bildung 2011 alles geleistet und abgerechnet hat.

Wer aber einen Maßstab dafür sucht, inwieweit das alles den Entwicklungen in Leipzig entspricht, der sucht diesen Maßstab vergeblich. Der kann sich dann noch den 150 Seiten dicken „Sozialreport 2011“ besorgen, wo auf Seite 34 zumindest mit einer Karte sichtbar gemacht wird, woher das alles kommt. Denn die sozialen Probleme von Kindern und Jugendlichen kommen ja nicht irgendwo her. In der Regel kommen die Kinder aus Familien, die unter der in Teilen Leipzigs manifesten Armut leiden. Zur Erinnerung: Die offizielle „Armutsgefährdungsquote“ lag in Leipzig 2010 bei 26,4 Prozent. Über 17.000 Kinder lebten in den so genannten Bedarfsgemeinschaften.

Der Anteil der Sozialgeldempfänger an den unter 15-Jährigen lag 2010 sogar bei 30,1 Prozent. Da kann man nicht von Armutsgefährdung sprechen. Diese Kinder waren arm. In drei Ortsteilen (Neustadt-Neuschönefeld, Volkmarsdorf und Grünau-Mitte) lag diese Quote sogar über 60 Prozent. In zehn weiteren Ortsteilen lag sie über 45 Prozent (darunter Lindenau, Paunsdorf, Kleinzschocher).

Da ist eigentlich offensichtlich, dass die „blinden Flecken“ dort auftauchen, wo die Hilfestrukturen der Stadt den Problemen vor Ort nicht angepasst sind.

Bürgermeister Prof. Thomas Fabian habe zwar weitere Maßnahmen angekündigt, bislang aber nichts vorgelegt, kritisiert die Grünen-Stadträtin. Von ihm genannte Termine (Oktober, Anfang Dezember) seien immer wieder verschoben worden. „In der Ratsversammlung erklärte er nun: Erstes Quartal 2013. Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat bereits im November eigene Vorschläge eingebracht“, so Krefft.

Der Kinder- und Jugendreport 2011 (4,7 MB): www.leipzig.de/imperia/md/content/51_jugendamt/broschueren_praesentationen/stadt_leipzig_kinder_und_jugendhilfereport_2011.pdf

Der Sozialreport 2011 (5,6 MB): www.leipzig.de/imperia/md/content/51_jugendamt/broschueren_praesentationen/stadt_leipzig_sozialreport-2011.pdf


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