Am heutigen Mittwoch, 16 Uhr, wenn es dämmert, wird er angeschaltet: der große Lichtkubus, den der französische Installationskünstler Philippe Morvan am Dienstag auf dem Augustusplatz gleich neben dem Mendebrunnen aufgebaut hat - ein leuchtender Gruß an die Buchmesse und an die Partnerstadt Leipzig.

Denn Leipzig und Lyon, die Heimatstadt des Lichtkünstlers, feiern in diesem Jahr das 30-jährige Bestehen ihrer Partnerschaft. Und auch wenn man über die Partnerschaft nicht allzu oft etwas hört, eines haben die beiden Großstädte mittlerweile gemeinsam: die Liebe zum Licht und zum Fest der Lichter. In Lyon hat diese “Fête des Lumières” schon eine Tradition von über 200 Jahren, hat möglicherweise seine Wurzeln in der Marienverehrung oder in Dankesfeiern nach dem Überstehen einer großen Pest. “So genau weiß man das nicht”, sagt der 46-jährige Künstler, der sich mit seinen Installationen seit 2009 am Lyoner Lichterfest beteiligt hat, das jedes Jahr am 8. Dezember stattfindet.

Und das Lyoner Lichterfest stand natürlich ein bisschen Pate bei der Geburt des Leipziger Lichtfestes, das in den letzten Jahren zum Leuchtzeichen für die Feier des 9. Oktober geworden ist, dem Tag, an dem 1989 die große Montagsdemonstration in Leipzig stattfand, die die Friedliche Revolution in der DDR ins Rollen brachte. 2009, zum 20. Jahrestag des Ereignisses, lud auch Leipzig mehrere Künstler ein, mit großen Lichtinstallationen den Ring zu bespielen.Die Idee, einen der französischen Lichtkünstler für einen Auftritt in Leipzig zu gewinnen, lag so weit ab nicht. Doch die Idee kam recht spät. Erst im Februar setzen sich die Verantwortlichen auf Anregung des LTM zusammen und überlegten, wie man das Licht aus Lyon und das Lesefest der Leipziger miteinander verbinden könnte. Im Gespräch war eine Präsentation, bei der etwa die Studenten des Deutschen Literaturinstituts zum Zuge gekommen wären. Es wurde heiß diskutiert über aktuelle Bezüge und gegenwärtige Autoren.

Am Ende gewann die verständliche Angst vor der Bürokratie und den Klauseln des Urheberrechts. Am Ende gewann ein Autor, dessen Rechte seit Reclams Zeiten frei sind und der – wie kaum ein anderer – eine immer noch lebendige Verbindung zu Leipzig hat: Johann Wolfgang Goethe, weiland Student in Leipzig und Autor eines Stückes, in dem Leipzig gelobt wird. Wenn auch auf recht froschige Art.Faust und Mephisto, die darin vorkommen, kannte Philippe Morvan schon. Das Goethe-Drama aber nicht. “Ich hab es ihm dann ganz schnell in die Hand gedrückt in einer französischen Übersetzung”, erklärt Thorsten Plate, bekannter Leipziger Gästeführer und bei der ganzen Geschichte als Übersetzer unverzichtbar. Und obwohl Morvan am liebsten skandinavische Krimis liest, hat ihn Goethe nicht enttäuscht. “Richtig spannend”, sagt er zu dem Drama, in dem es auch um des Pudels Kern geht.

Und so werden es auch die Leipziger erleben. Den Lichtkubus “8m3” aus 84 Leuchtelementen hat er so schon im letzten Jahr in Lyon zum Lichterfest gezeigt. “Aber da hab ich mit 84 Kindern zusammengearbeitet, deren Gabe das Schreiben nicht so sehr ist”, erzählt der Künstler. Es war also auch ein Projekt über Sprache, Kommunikation, Botschaften. Die Kinder durften ihre Sprüche, Rätsel, Ausrufe selbst typografisch gestaltet. Und so leuchteten ihre Worte dann in der Nacht von Lyon.

In Leipzig werden nur zwei zu Wort kommen: Faust und Mephistopheles. Sie werden mit den aufleuchtenden Sätzen aus ihrem Gespräch in Auerbachs Keller in Dialog treten und sich auch begegnen, verspricht der Künstler. Er hat die leuchtenden Sentenzen in einer 5-Minuten-Schleife programmiert.”Es gab zahlreiche Ideen, wie wir die berühmte Szene in Auerbachs Keller umsetzen können. Nun stellen wir Sätze von Faust und Mephisto gegenüber und das Licht- und Farbspiel wird für Bewegung auf dem Kubus sorgen, sodass die Aussagen zum Teil übereinander liegen, gegeneinander laufen oder im Schatten verschwinden. Nach Einbruch der Dunkelheit entfalten die Schriftbilder eine besondere Wirkung und ich freue mich über alle Besucher, die ab 18 Uhr auf den Augustusplatz kommen”, sagt Philippe Morvan.

Im Netz findet man ihn als Szenograf. Er begann seine Karriere am Théâtre National Populaire in Lyon und arbeitete unter anderem an der Opéra du Rhin in Straßburg, für Kinoproduktionen und Events. In den letzten Jahren konzentrierten sich seine Arbeiten auf Lichtkreationen im öffentlichen Raum.

Die Vorbereitung des Projektes wurde durch die Städte Leipzig und Lyon, die Leipziger Buchmesse und das Deutsche Literaturinstitut Leipzig sowie das Institut français intensiv begleitet. Das Novotel Leipzig unterstützte als Mitglied einer französischen Hotelgruppe aktiv das Projekt. Es lohnt sich also, während der Buchmesse in den Abendstunden einen Abstecher zum Augustusplatz zu machen. Der Kubus leuchtet vom 16. bis zum 20. März jeden Abend.

www.philippemorvan.com

www.fete-lumieres-lyon.com

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar