Girls‘ Day und Boys‘ Day in Leipzig: Die Verwirrung der hohen Politik über die Ursache der „falschen“ Berufswahl

Am Donnerstag, 14. April, beteiligt sich Leipzig zum nunmehr neunten Mal am bundesweiten Girls' Day. Diesmal geisterhaft begleitet von einem ebenfalls bundesweit ausgerufenen Boys' Day, zu dem Jugendamtsleiter Dr. Siegfried Haller eine eigene burschikose Einladung ausgesprochen hat. Das ursprüngliche Anliegen des Girls' Days droht einfach abzusaufen.
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In 66 Veranstaltungen können und sollen in diesem Jahr 874 Mädchen ihre Scheu vor technischen Berufen ablegen und ihr handwerkliches Geschick oder ihre naturwissenschaftlichen Begabungen ausprobieren.

Die bundesweite Aktion Girls‘ Day sensibilisiert seit zehn Jahren Eltern, Lehrkräfte und Unternehmen dafür, die Potentiale von Mädchen und jungen Frauen wertzuschätzen, um eingebürgerte Vorurteile verändern zu können.

„Die sogenannten typischen Frauenberufe bieten meist wenig Weiterbildungs- oder Aufstiegsmöglichkeiten, und die Entlohnung ist bei vergleichbaren Anforderungen schlechter als in typischen Männerberufen“, kommentiert Leipzigs Gleichstellungsbeauftragte Genka Lapön das Grundproblem, das Jahr um Jahr auch von neuen Statistiken untermauert wird. „Unsere Gesellschaft ist nach wie vor von Geschlechterstereotypen und Rollenklischees geprägt. Ein Verstoß gegen diese Vorstellungen ist immer noch mit Verlust von Sozialprestige verbunden.“

Sie weist auch darauf hin, dass die Berufsorientierung in einer kritischen Phase der Identitätsfindung sowohl der Jungen als auch der Mädchen stattfindet. Genka Lapön: „Deshalb ist die Bereitschaft, von den Geschlechternormen abzuweichen, relativ gering. Wenn ein Mädchen Friseurin werden will, hat sie ihre weibliche Identität unterstrichen. Wenn ein Junge Friseur werden will, hat er seine männliche Identität in Frage gestellt. Jungen streben in ihrer Berufswahl intuitiv Berufe mit gehobenem Sozialprestige an. Jene jungen Frauen, die einen interessanten Beruf mit guter Bezahlung und Aufstiegsmöglichkeiten wollen, entscheiden sich in der Regel gegen einen sogenannten Frauenberuf, eine Entscheidung, die von den Eltern maßgeblich beeinflusst wird.“

Am 14. April öffnen deshalb vor allem technische Unternehmen, Betriebe mit technischen Abteilungen und Ausbildungen, Hochschulen und Forschungszentren in ganz Deutschland ihre Türen für Mädchen ab der Klasse 5. Die Mädchen lernen am Girls‘ Day Ausbildungsberufe und Studiengänge in Technik, IT, Handwerk und Naturwissenschaften kennen, in denen Frauen bisher eher selten vertreten sind. In einigen Angeboten begegnen sie auch weiblichen Vorbildern in Führungspositionen aus Wirtschaft oder Politik. Der Girls‘ Day ist das größte Berufsorientierungsprojekt für Schülerinnen.Seit ein paar Jahren hat sich dazu als Pendant die Idee eines Boys‘ Day entwickelt. Denn scheinbar scheint ja bei der Karrierewahl der Jungen alles paletti. Doch auch Jungen haben ihre Schwierigkeiten mit dem Berufseinstieg. Auch Leipziger Unternehmen können davon ein Lied singen. Oft fehlt ihnen die Motivation, oft die nötige Leistungsbereitschaft. Und der Verdacht, auch sie könnten – vom Geschlechternormen irritiert – die falschen Berufe ergreifen.

Doch während der Girls‘ Day bislang durch seine Alleinstellung auf ein gesellschaftlich noch immer nicht gelöstes Problem aufmerksam macht, nimmt der nun zeitgleich arrangierte Boys‘ Day dem nicht nur die Schärfe. Er droht auch die Botschaft zu verwässern. Etwa wenn der Leiter des Amtes für Jugend, Familie und Bildung, Dr. Siegfried Haller, anlässlich des Boys‘ Days am 14. April interessierte Schüler einlädt, ihn einen Tag lang zu begleiten und seine Arbeit kennen zu lernen.

Es steht zwar außer Frage, dass die meisten Stellen in seinem Amt von Frauen besetzt sind. Aber als Amtsleiter erfüllt auch Siegfried Haller die gängigen Muster von mit Männern besetzten Leitungspositionen in öffentlichen Verwaltungen.

Und ob ein Boys‘ Day, bei dem Jungen „in für sie vermeintlich untypische Berufe aus dem kaufmännischen, sozialen, erzieherischen oder pflegerischen Bereich ’schnuppern‘ können“, Sinn macht, wenn gleichzeitig auch in klassisch männlichen Berufszweigen der Bedarf nach ausbildbarem Nachwuchs dramatisch steigt, darf wohl bezweifelt werden.

Die Formulierung mit dem „vermeintlich untypisch“ stammt übrigens aus der Pressemitteilung der Verwaltung selbst. Sie verrät mehr als deutlich, welche Verwirrung um das Thema auch bis in die Verwaltungsspitze hinein besteht. Bis hin zu der Frage, warum Jungen bestimmte Karrieren bevorzugen und warum Mädchen fast automatisch in den anderen landen – die weniger dadurch ausgezeichnet sind, dass sie „typisch weiblich“ sind, sondern durch ihre prekären Verdienst- und Aufstiegschancen. Und wenn jetzt auch noch in Gesundheits-, Erziehungs- und Pflegeberufen das (weibliche) Personal knapp wird, lässt sich das mit einem Umlenken von Jungen in diese Berufe ganz gewiss nicht lösen.

Es sei denn, hier halten bald „typisch männliche“ Bezahl- und Karrieremodelle Einzug und die angebotenen Tätigkeiten werden deutlich familienfreundlicher gestaltet.

Bis diese Botschaft die männlichen Entscheider erreicht, wird ein Girls‘ Day zumindest symbolisch notwendig bleiben. Ein Boys‘ Day bleibt dabei vorerst nichts als ein Feigenblatt.

Wer mag, kann sich trotzdem noch auf den letzten Drücker orientieren unter: www.girls-day.de und www.boys-day.de

Und für alle, die Förderangebote von der Schule in den Beruf suchen: www.uebergangsmanagement-leipzig.de


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