Mit „Platzhirsch“ Michael Ernst durchs Gondwanaland (2): Der extrem schreckhafte Dik Dik

Mit dem Gondwanaland hat sich der Zoo Leipzig auch viel anspruchsvolle Arbeit ins Haus geholt. Hutzelige Zwergantilopen mit dem drolligen Namen Dik Dik sind für die Tierpfleger durch ihre Schreckhaftigkeit eine echte Herausforderung, und auch der sonderbare Schabrackentapir braucht eine gewisse Spezialbehandlung.
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Seit dem Sommer haben 40 exotische Tierarten ihr neues Reich in einer riesigen Tropenhalle an der Pfaffendorfer Straße erobert. Die wenigsten Tiere waren „Einheimische“, die meisten wurden aus anderen Tierparks und Zoos nach Leipzig gelotst. Jedes einzelne Tier musste an die neue Umgebung gewöhnt werden – ganz individuell

Eine Zeit lang sind Michael Ernst und seine Kollegen immer mit dem Schlüsselbund klappernd durch ein Gehege im Gondwanaland gezogen. Nicht, weil sie jemanden er- oder verschrecken sollten, sondern weil sie, im Gegenteil, bestimmte Tiere an sich gewöhnen wollten.

„Dik Diks sind extrem schreckhaft und dadurch auch eine sehr anspruchsvolle Tierart“, erklärt Michael Ernst die etwas ungewöhnliche Beschäftigung. Doch um die hutzeligen Zwergantilopen, die nicht größer als ein Marmeladeneimer werden, durch Heranschleichen erst recht zu verschrecken, probierte es sein Team mit dieser Variante. „Ins Gehege zu schleichen, um sie nicht zu verschrecken, wäre das Schlechteste, was man machen könnte. Die Hören uns sowieso, auch wenn wir uns nicht mal selbst hören.“ Von daher sei es wichtig, „den Geräuschpegel ganz langsam zu steigern. Wenn ich auf die Scheu der Tiere Rücksicht nehme und irgendwann fällt mir der Eimer aus der Hand, dann springen die an die Decke und sind tot“.Die Schreckhaftigkeit dieser Tierart hat einen ganz logischen Grund: In ihrer Heimat, etwa in Kenia, Tansania oder Uganda bilden die Zwerge fast das Schlusslicht der Nahrungskette. „Von der Riesenschlange bis zum Leopard werden die von jedem Tier gefressen“, weiß Ernst. Was bleibt den Dik Diks, die sich übrigens unter anderem noch in Günther-Dik-Dik oder Kirk-Dik-Dik unterscheiden lassen, also anderes übrig, als extrem wachsam zu sein? Allerdings folgt aus der Wachsamkeit und einem eventuellen Versteckspiel auch gern mal ein Knochenbruch ob der ungünstigen Haltung. „Es bedarf also ziemlich viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Tieren. Man muss sie an den Tagesablauf gewöhnen und beibringen, dass nicht jedes Geräusch schlimm ist.“

Derzeit lebt ein Pärchen im Gondwanaland. Hoffnung auf noch mehr Dik Diks besteht. „Die sind im besten Alter“. Ob sie wohl ein „Bitte nicht stören“-Schild haben?Zu 98 Prozent ernähren sich die Zwergantilopen übrigens von Obst oder Gemüse. Das muss allerdings auf die Maulgröße zugeschnitten sein.

Ebenfalls nicht gerade zeigefreudig sind die beiden Schabrackentapire in der Tropenerlebniswelt. Heutzutage ist Schabracke in unseren Breitengraden nur noch als Despektierlichkeit in Richtung älterer, gebrechlicher Frauen üblich, eigentlich ist und war es eine Bezeichnung für eine verzierte Satteldecke. Wer einen der Schabrackentapire im Gondwanaland schon einmal gesehen hat, weiß, warum der seinen Namen trägt. Sein Rücken sieht so aus, als wenn er seinen Reiter verloren hätte, die Decke aber noch drauf ist. Dass der Reiter durch einen Lanzenstoß abhanden gekommen ist, ist allerdings bei Schabrackentapiren unwahrscheinlich. Die leben eher in Thailand, Vietnam, Laos, Kambodscha oder Myanmar – wenn sie leben, denn der größte aller Tapire ist auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten, geführt von der Weltnaturschutzunion, ganz oben zu finden – Rubrik „stark gefährdet“.

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„Aber die Leute in den Ländern akzeptieren das nicht. Es werden weiter Ölplantagen gebaut. Und wo eine Plantage ist, kann kein Tapir sein“, so Michael Ernst. Tapire gibt es im Leipziger Zoo erst seit dem Bau der Tropenerlebniswelt, sie kamen aus dem englischen Zoo von Port Lympne und aus dem Tierpark Nürnberg. Die Eingewöhnung war relativ kompliziert, so Ernst. „Das sind relativ helle Tiere, bei denen man sich etwas einfallen lassen muss. Wir haben vieles probiert, es hat nicht immer gleich geklappt, aber nun läuft es.“

Wie Pferde regeln die Schabrackentapire ihre Verdauung zu einem Großteil über den enormen Blinddarm. „Da alles was süß ist, die Mikroorganismen dort zerstört, füttern wir deutlich mehr Gemüse als Obst.“ Fleisch interessiert die Pflanzenfresser herzlich wenig. Gemüse ist ihr Fleisch. Es darf aber auch Gras oder Laub sein. Seitdem das Tapirmännchen da ist, ist auch das Weibchen nicht mehr so aufgeregt. Seit eh und je durchstreifen die männlichen Tiere die festen Gebiete der Weibchen, die sonst von ihnen ordentlich verteidigt werden.

Apropos Durchstreifen: Der Weg führt weiter – zu einem grünen, langen Lulatsch in der Waagerechten mit einem langgezogenen Maul …


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