Gleichstellung von Mann und Frau in Leipzig: Ein Bericht mit Fortschritten und Rückschlägen

Die Gleichstellung von Mann und Frau ist nicht nur ein abstrakter Begriff. Er lässt sich an Indikatoren wie Einkommen, Bildungschancen oder auch den geschlechterspezifischen Lebenssituationen fest machen. Wo genau die Unterschiede hier in Leipzig liegen, ist im neuen Situationsbericht "Frauen und Männer in Leipzig 2011" nachzulesen.
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Die umfangreiche Studie, die am 13. Februar vorgestellt wurde, haben das Referat für Gleichstellung von Frau und Mann und das Amt für Statistik und Wahlen der Stadt Leipzig zusammen mit wissenschaftlichen Institutionen und Unternehmen erarbeitet. Insgesamt seien durchweg Fortschritte auf dem Weg der Gleichstellung zu konstatieren, allerdings gebe es vielerorts noch Nachholbedarf bei der Vertretung von Frauen in Leitungsgremien und bei einem angemessenen Kinderbetreuungsangebot, erklärte Verwaltungsbürgermeister Andreas Müller bei der Vorstellung des Berichtes.

„Berichte bewegen nicht die Welt, helfen aber die Gedanken zu ordnen“, leitete Genka Lapön, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Leipzig, die Thematik ein. Denn um handeln zu können, müsse erst der Bedarf ermittelt werden. Und das geht am besten anhand von statistischen Daten zu Demografie, Bildung, Arbeitsmarkt und zur Lebenssituation von Leipzigerinnen und Leipzigern verschiedener Altersstufen. Denn auf die Verhältnisse müsse man gucken, erklärte Lapön.
„Manches Altbekannte hat sich bestätigt, aber es gab auch Überraschendes“, sagte Andrea Schultz vom Amt für Wahlen und Statistik. Ein Verhältnis offenbart der Bericht ganz deutlich: „Leipzig ist mehrheitlich weiblich.“ Allerdings sei in der Altersgruppe der 30 bis 50-Jährigen ein Frauendefizit zu verzeichnen, was sich aber durch einen merklichen Überschuss an Seniorinnen ab 70 wieder ausgleiche.

Bekannt ist: Die Lebenserwartung beider Geschlechter steigt. Und auch bekannt ist, dass Frauen durch ihre gesündere Lebensweise länger leben als Männer. Im Schnitt mache das in Leipzig sechs Jahre aus. Dieser Wert gleiche sich aber langsam an, 1995 seien es noch acht Jahre Differenz gewesen. Experten vermuten, dass sich zwar die Gesundheitssituation von Männern verbessert habe. Im Gegenzug hätten sich aber Frauen den männlichen Rauch- und Trinkgewohnheiten und riskanteren Verhaltensweisen angepasst.

Auch nicht neu ist, dass sich die Einkommen von erwerbstätigen Männern und Frauen immer noch signifikant unterscheiden. Die Studie hat ermittelt, dass sich die Einkommenssituation von Leipzigerinnen sogar verschlechtert hat – und das überraschte sehr. Haben 2009 Männer im Schnitt 14 Prozent mehr verdient als Frauen, so stieg diese Zahl 2010 um drei Prozentpunkte an. Grund dafür könnte die höhere männliche Partizipation am Aufschwung des Leipziger Arbeitsmarktes sein, meinte Schultz. Ob die Einkommen 2011 noch weiter auseinander driften, sei in rund einem Monat nach der nächsten Bürgerumfrage absehbar.
Erstmals wurde eine Innenansicht von ausgewählten Leipziger Hochschulen, wissenschaftlichen Einrichtungen sowie Kammern und Unternehmen erstellt. „Es gab bis jetzt kein Bericht, der in die Häuser geschaut hat, wie sieht es dort konkret aus“, so Genka Lapön. Die Beiträge dieser Institutionen und Firmen thematisieren den Handlungsbedarf in Sachen Gleichstellung und die Umsetzung aktueller Projekte.

„Eigentlich müsste Chancengleichheit an den Leipziger Hochschulen kein Thema mehr sein, haben wir doch jetzt drei Rektorinnen,“ scherzte Andrea Müller, Gleichstellungsbeauftragte der Hochschule für Technik, Wissenschaft und Kunst. Wenn man sich aber das Beispiel HTWK ansieht, dann wird schnell klar, dass hier noch großer Handlungsbedarf besteht. In der eher technisch orientierten Hochschule ist das Hauptproblem die Gewinnung von Studentinnen. Und auch auf der Professoren-Ebene stimmt das Verhältnis nicht: 143 weibliche stehen 749 männlichen Lehrenden gegenüber. Das könne aber nur mit einer gezielten Nachwuchsförderung und einem unterstützenden Angebot für Familien bewältigt werden.

„Familienfreundlichkeit ist eines der großen Themen in der Sprechstunde“, berichtete auch Georg Teichert. An der Uni Leipzig seien nach Teicherts Aussage erste Erfolge sichtbar. Der Frauenanteil sei nachweislich gestiegen und „es wird immer leichter Prüfungszeiten zu verschieben. Und die Mittel sind leichter zu beantragen.“ Teichert ist seit Oktober 2010 Gleichstellungsbeauftragter der Universität Leipzig und mit seinem Geschlecht ziemlich allein auf weiter Flur. Dass er als Mann diese Stelle angetreten durfte, ist nicht selbstverständlich. Denn das Bundesgleichstellungsgesetz schreibt diese Aufgabe eigentlich Frauen zu.

Als gutes Beispiel aus der Leipziger Wirtschaft ist das IT-Unternehmen GET AG zu nennen. 18 Mitarbeiterinnen stünden 25 Mitarbeitern gegenüber – was eine ziemlich ansehnliche Quote für diese eher männerdominierte Branche darstellt. Cornelia Weber, Leiterin der Personalabteilung, erläuterte, dass beispielweise Telearbeitsplätze eingerichtet wurden, um in Zeiten des Fachkräftemangels die Arbeitnehmer zu halten. „Die Maßnahmen sind genderunspezifisch. Sie entstehen aus dem Bedarf heraus“, so Weber.

Nachdem der Situationsbericht „Frauen und Männer in Leipzig 2011“ vorgestellt worden war, gab es noch mit den anwesenden Gleichstellungsverantwortlichen der am Bericht mitwirkenden Institutionen und Unternehmen eine Ideensammlung, welche Hilfen von Seiten der Kommune kommen könnten. Hier habe sich vor allem der Wunsch nach einer besseren Kinderbetreuung herauskristallisiert, fasste die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Genka Lapön, die Gesprächsergebnisse zusammen.

„Kleine Handwerksbetriebe wollen gerne eine Notfallbetreuung. Und wissenschaftliche Einrichtungen eine Kurzzeitbetreuung für den Nachwuchs, wenn zum Beispiel Professorinnen zu einer Tagung eingeladen werden“, beschrieb Lapön die Ideen. Ein weiterer wichtiger Punkt: Es sollten mehr unterstützende Angebote bei der Pflege von Angehörigen bereitgestellt werden. „Wenn sich Leipzig als Standort für Wissenschaft und Forschung sieht, müssen auch die Rahmenbedingungen geschaffen werden.“

Um genau solche Rahmenbedingungen geht es in der nächsten Ratsversammlung am 29. Februar. Da wird der Stadtrat im Antrag der Links-Fraktion aufgefordert, der Unterzeichnung der „europäischen Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern auf lokaler Ebene“ zuzustimmen. Mit diesem Papier „verpflichtet sich die Kommune, innerhalb von zwei Jahren einen Gleichstellungs-Aktionsplan aufzustellen“.

Link zum Situationsbericht „Frauen und Männer in Leipzig 2011“:
www.leipzig.de/statistik

Link zum Bundesgleichstellungsgesetz:
www.bmfsfj.de


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