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Leipziger Freiheitsdenkmal: Zwölf Fragen an die Preisträger und eine Antwort

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    Bei etlichen Leipziger Bürgern und politischen Akteuren machte sich Ratlosigkeit breit, nachdem im Juli die Ergebnisse des Wettbewerbs für das Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal vorgestellt wurden. Eine Ratlosigkeit, die umso tiefer war, weil die Wettbewerbsverantwortlichen die Siegerergebnisse anfangs als großen Wurf anpriesen. Doch mittlerweile steht auch OBM Burkhard Jung dafür, dass keiner der drei Siegerentwürfe ohne gravierende Änderung verwirklicht werden kann.

    Damit reagierte er zwar auch auf die Vorstöße einiger Parteien, die schon eine Wiederholung des Wettbewerbs verlangten. Aber sichtbar ist auch: Alle drei mit Preisen ausgezeichneten Entwürfe brauchen Erklärungen, funktionieren nicht als selbstsprechendes Kunstwerk.

    Das wurde auch in der L-IZ mehrfach thematisiert. In der letzten Woche wandten sich deshalb Marc Weis und Martin De Mattia von der siegreichen Künstlergruppe M+M aus München an die L-IZ mit der Frage, ob man dazu in Dialog kommen könnte? – Warum nicht, sagte sich die L-IZ. Zeit wäre es. Und formulierte 12 Fragen, die versuchten, die Ursache herauszufinden, warum kein „sprechendes“ Kunstwerk entstand. Die beiden Münchner Künstler haben nicht direkt geantwortet. Deswegen wird das Ganze hier getrennt veröffentlicht – erst die Fragen, dann der Antwort-Text von M+M. Vielleicht ist das sogar die beste Form, sichtbar zu machen, warum Erwartungen und Umsetzung so deutlich auseinander driften.

    Unsere 12 Fragen:

    1. Ist ein solcher Entwurf überhaupt zu leisten bei der Vielzahl von Vorgaben, die in der Ausschreibung vom 9. Oktober 2011 vorgegeben worden sind? Ist es nicht sogar so, dass die Vielzahl von Vorgaben (Nationaldenkmal mit Leipziger Schwerpunkt, Ort der Erinnerung und Lösungsvorschlag für den Stadtraum …) die Chance, ein eindrucksvolles Denk-Mal zu schaffen, unmöglich gemacht haben?

    2. Als Beispielsatz aus der Ausschreibung: „Es soll individuell erfahrbar sein und sich zugleich im Leipziger Stadtraum in materieller Gestalt dauerhaft und präsent verorten.“ Haben sich die Ausschreiber da nicht überhoben und einen Anspruch gestellt, der künstlerischer Unverwechselbarkeit sogar zuwider läuft?

    3. Und wie gehen Sie mit solchen Sätzen aus der Ausschreibung um: „Das Denkmal soll sich in differenzierter und sensibler Art und Weise der Herausforderung stellen, die Friedliche Revolution als ein Kernstück des zustimmungsfähigen Stranges der deutschen Geschichte zu thematisieren und den tradierten und affirmativen Formen der Denkmalkunst früherer Epochen eine neue Formensprache entgegensetzen.“? Wer entscheidet eigentlich, welcher „Strang der deutschen Geschichte“ zustimmungsfähig ist – und welcher nicht? Und welcher Strang ist hier eigentlich gemeint? Finden Sie nicht, dass man auf solche Ansprüche nur mit Verklärung antworten kann?

    4. Und was ist mit dieser Erwartung, das Denkmal solle „den tradierten und affirmativen Formen der Denkmalkunst früherer Epochen eine neue Formensprache entgegensetzen“? So eine Vorgabe schließt ja eine konkrete Formensprache, die auch Traditionen der bildenden Kunst aufgreift, von vornherein aus? Ist das nicht genau der Grund, der dazu geführt hat, dass am Ende kein Wettbewerbsbeitrag wirklich zu einem eindrucksvollen Denk-Mal wurde?

    5. Kann man den im Lauf der Jahrtausende gewachsenen Formen- und Stilkanon einfach so ausschließen und so tun, als könne man einfach mal so eine „neue Formensprache“ erfinden? Ist das nicht völlig falsch verstandene „Moderne“?

    6. Und führt das eben nicht gerade dazu, dass die Entwürfe am Ende alle erklärt werden müssen, weil sogar das künstlerisch eigentlich selbstverständliche Arbeiten mit Stilen, Zitaten, Formen einfach ausgeschlossen wurde? Etwas, was Künstler aller Stilepochen immer gemacht haben, weil Kunst ja in erster Linie kein politisches Statement, sondern intensive Kommunikation mit dem Betrachter ist – und mit der ganzen schon existenten Kunst-Welt?

    7. Sie sprechen den Wilhelm-Leuschner-Platz als Ort der Beat-Demo 1965 an. Aber man findet sie nicht wirklich in Ihrem Entwurf. Der ist auch nach meinem Empfinden eher Pop. Sehen Sie da einen Ansatz, um den Entwurf wirklich deutlich greifbarer zu überarbeiten?

    8. Sie sprechen auch die stadträumliche Dimension an. Aber das Gefühl, dass diese bewältigt wurde, stellt sich beim Betrachter des Entwurfs nicht ein. Denn auch wenn das Forum als Idee dahinter steht, scheint es ein Forum, das sich aus dem Raum herausdreht – in diesem Fall sogar den Eingang zur Citytunnel-Station mit einschließt wie ein Fremdelement. Wäre eine klassische Raumarbeit mit den ursprünglichen Raumkanten und einem stärkeren visuellen Bezug auf die Stadtbibliothek, die ja nun einmal die Südkante des Platzes dominiert, nicht stärker und stringenter gewesen?

    9. Und warum glauben Sie, dass die Leipziger (oder wer sonst den Platz besucht) die mobilen Elemente mit nach Hause nehmen müssen, um sich als Handelnde für die Demokratie verantwortlich fühlen zu müssen? Ist das nicht eher wieder Demokratie als Konsumismus gedacht und trägt gerade die gegenteilige Botschaft in sich: Es ist leicht, sie mit nach Hause zu nehmen. Aber ihr müsst sie euch nicht täglich neu erkämpfen?

    10. Sie schreiben zwar: „Sowohl die mobilen Podeste als auch das Forum auf dem Leuschner Platz sind mögliche Handlungsfelder dafür. Sie sind nicht rein symbolisch zu lesen, was ‚Siebzigtausend‘ diametral von den meisten herkömmlichen Denkmälern unterscheidet.“ Was mit der Ausschreibung zwar korrespondiert – aber ist das nicht die eigentliche Denkfalle? So zu tun, als wäre das Gegenteil der „meisten herkömmlichen Denkmäler“ nun genau der richtige Ansatz – und nicht gerade der Weg in die Erklärungsnot?

    11. Sollten Denkmäler nicht eigentlich – egal wie alt sie sind – eine Botschaft vermitteln, die nicht extra erklärt werden muss?

    12. Und nun mal ehrlich: Hat Leipzig überhaupt die Chance, ein Denkmal zu bekommen, das ohne Erklärungstafel auskommt? Oder sollte der Wettbewerb – ohne einige der vorgegebenen Raster, die eigentlich nur kunstwissenschaftliche Vorurteile sind, neu ausgeschrieben werden?Die Antwort von M+M und ANNABAU:

    Vielen Dank für Ihre Mail. Eine Vielzahl Ihrer Fragen nimmt Bezug auf die Ausschreibung und auf deren komplexen Anforderungen mit einer Fülle von Kriterien. Diese können sicher allein die Verfasser der Ausschreibung befriedigend beantworten. Dennoch werden wir versuchen auf einige Punkte einzugehen.

    Wir denken, dass alle Künstler und Architekten, die an dem Wettbewerb teilgenommen haben, in den Zielrichtungen des Wettbewerbs Überschneidungen mit dem eigenen Arbeitsansatz und Interessen sahen. Und auch umgekehrt beruhte die Auswahl der Teilnehmer sicher auf einigen dieser Kriterien, zu denen auch der Anspruch nach einer „neuen Formensprache“ zählte.

    Natürlich haben sich alle Eingeladenen mit der Ausschreibung befasst und wurden zudem in einem zweitägigen Kolloquium mit den Überlegungen und vorangegangenen Diskussionen vertraut gemacht. Die Ausarbeitung einer Konzeption erfolgte bei den Teilnehmern dann aber jeweils nach den eigenen Vorstellungen und – entsprechend dem individuellen künstlerischen Ansatz – in einem gewissen Freiraum. Die verschiedenen Einreichungen sind so unterschiedlich wie das Profil der Teilnehmer selbst. Sie sind somit auch Ausdruck der künstlerischen Freiheit, die jeder – bei aller Notwendigkeit auf gewisse thematische und faktische Anforderungen zu reagieren – für sich beansprucht. Das passt in diesem Fall auch auf das Thema des Denkmals selbst. Ein solcher künstlerischer Wettbewerb ist kein stures Abarbeiten eines Kriterienkatalogs. Deshalb ist es sicher sinnvoll, von den vielfältigen, oft kontroversen Erwartungshaltungen ein wenig Abstand zu nehmen zugunsten eines unvoreingenommenen Umgangs mit den Wettbewerbsergebnissen an sich. Denn wir glauben, dass die eingereichten Vorschläge auf ihre Art oft durchaus „gelungen“ und „unverwechselbar“ sind.

    Es stimmt, dass ein Entwurf wie „Siebzigtausend“, der bislang allein aufgrund von Modellen und Teilmodellen abgebildet wurde, durchaus noch vermittelt werden muss. Das heißt aber nicht, dass er in realisierter Form und Ausdehnung nicht unmittelbar begriffen und angenommen werden wird.

    Ein wichtiger Aspekt in der Diskussion ist bisher oft auf der Strecke geblieben: Die beiden Komponenten von „Siebzigtausend“, d.h. das Farbfeld als Forum auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz und die mobilen Podeste, leben von den Bürgern, die sich auf sie einlassen und sie nutzen.

    Gerade auf dem Forum, d.h. dem großen Farbfeld selbst wird durch Veranstaltungen auch konkret zu den Ereignissen der friedlichen Revolution und zu den Themen der Freiheit und Einheit Bezug genommen werden. Konzerte, als Teil der Aktivitäten auf dem Forum, sollen auch an die Beat-Demo und deren Auflösung 1965 erinnern. Die Reihe der Veranstaltungen soll von Bürgern initiiert werden können. Dafür ist im Konzept bereits eine Anschubfinanzierung bereitgestellt.

    Die Podeste hingegen werden immer mit dem riesigen Farbfeld als ihrem Ursprungsort zusammen gelesen werden. Hier waren sie zunächst alle versammelt. Diese innere Verbindung zwischen den Komponenten bleibt bestehen, auch wenn die Podeste von den einzelnen Bürgern zum größten Teil
    mitgenommen werden. Wo immer sie auch landen, es sind eben keine inhaltslosen minimalistischen Möbel. Sie verzahnen den Platz mit dem gesamten Stadtraum. Vor allem aber verweisen sie, wo immer sie auftauchen, latent auf die Möglichkeit, die eigene Stimme zu erheben, Zivilcourage zu zeigen und dies mit einer potentiell anwachsenden Zahl anderer.

    Kurz zu der „stadträumlichen Dimension“: Die Lage des Rechteckes wurde mit Sorgfalt gewählt. Durch die freie Platzierung im städtischen Raum wird betont, dass es sich nicht um einen üblichen Stadtplatz handelt sondern um ein Element von herausragender Bedeutung.

    Die Stadtbibliothek im Süden, das Rathaus im Norden, die künftige Kirche im Westen, die neue Bebauungskante im Osten sowie die Eingänge zu den S-Bahnhöfen geben alle verschiedenen Richtungen vor. Unsere bewusste Wahl war es, keine dieser Richtungen aufzunehmen sondern dem Denkmal eine eigene selbstbewusste und unabhängige Platzierung im Stadtraum zu geben. Dadurch tritt das Denkmal auf besondere Weise mit den umgebenden Gebäuden im Dialog.

    Wir hoffen, Ihnen mit diesen Zeilen zumindest einige Antworten auf Ihre Fragen geben zu können und bedanken uns sehr herzlich für Ihr Interesse.

    Mit freundlichen Grüßen

    M+M und ANNABAU

    www.mm-art.de

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