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„Wir sind keine Gegenbewegung – wir sind für etwas“: Die Aktionsgruppe „Essenz“ im langen L-IZ – Interview (Teil 2)

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    Reicht es eigentlich, zu kritisieren oder "mal darüber zu reden", wenn man heutige Fragen und Probleme doch besser anpacken könnte? Sicher, ganz so einfach ist das dann doch nicht, eine Haltung zu bestimmten Fragen unserer Zeit kommt nicht vom Himmel gefallen. Doch da wo sich so mancher einfach mal gegen etwas entscheidet, wollen die Macher bei der Aktionsgruppe positive Signale setzen, Lösungen nicht nur besprechen, sondern umsetzen. Von jungen Menschen, die längst ihre Welt (er)leben, viel verstanden und noch eine Menge vor haben im zweiten Teil des langen L-IZ - Interviews mit Vertretern von "Essenz".

    Und so haben sie sich informiert und begonnen, Bücher für Asylbewerber zu sammeln, weitere Aktionen zu planen und konkret auf das einzuwirken, was ihnen begegnet, was sie stört und was sie ändern wollen. Auch wenn es manchmal komplex, global und dann auf einmal doch wieder lokal erscheint.

    Wie empfindest Du die Atmosphäre an und um das derzeitige Asylbewerberheim in der Torgauer Straße?

    Chris: Das ist das reinste Industriegebiet. Also ein Riesenzaun drum herum, schön weit weg.

    Also geht es wohl so nicht. Bei Euch bekommt man das Gefühl – Mensch, dass können wir doch besser hinbekommen.

    Niklas: Ja, es muss einfach diese Angst verschwinden, die für mich daher kommt, weil sie einfach diese Menschen noch gar nicht kennen. Dass muss doch hinzubekommen sein?

    Über Angst möchte ich durchaus noch ein bisschen reden, aber was glaubst Du noch?

    Niklas
    : Na, hier ist so ein Gefühl entstanden, als ob da 20.000 Leute neu nach Wahren kämen, die völlig bekloppt sind. Dabei reden wir über maximal 70 und jetzt sogar noch weniger Menschen. Das Problem wäre wohl schon bedeutend kleiner, wenn man zum Beispiel als Rentner einfach einen Kuchen backt, hingeht und mal Hallo sagt. Kleine Gesten eigentlich, die am Anfang vollkommen reichen. Stattdessen stehen die Wahrener da zu Hunderten auf der Straße und sagen, die Drogenkriminalität steigt an und auch noch mit einer Grundschule und einer Gefahr für die Kinder zu argumentieren.

    Da sind wir also beim Thema Angst. Was glaubt Ihr, wovor hier lebende Menschen Angst haben können, wenn andere Menschen Ihre „Heimatscholle“ verlassen müssen, schwierigste Wege auf sich nehmen, riskieren zu ertrinken oder im Gefängnis zu landen, um Europa zu erreichen und hier her kommen? Menschen also, die oft schwere Zeiten hinter sich haben und durchaus aus anderen Kulturen kommen. Religion wäre hier ein Stichwort.

    Chris: Keine leichte Frage. Aber ich war zum Beispiel jetzt im Sommer drei Wochen in Uganda, in Campala. Da habe ich die Erfahrung gemacht, dass meine dortigen Verwandten zum Beispiel christlich erzogen wurden und sie leben da mitten unter praktizierenden Muslimen. Also mit Gebet, Ramadan und so weiter. Da geht man zu Besuch hin, isst miteinander und zwei Straßen weiter hört man zum Beispiel ein Gebet über Lautsprecheranlagen. Dass zum Beispiel, damit die, die zu alt sind, um in die Moschee zu gehen, es auch hören können. Und es spielt dort überhaupt keine Rolle, es ist einfach eine Frage der Gewöhnung aneinander, dem Kennenlernen, weil man ständig in Berührung, in Kontakt miteinander ist.

    Als ich dann zurück in Deutschland war, ist mir das erste Mal aufgefallen, dass in Deutschland wesentlich mehr „Platz“ zwischen den Menschen ist“. Also zum Beispiel bei den Höflichkeitsformen, es ist einfach distanzierter. Und die Geräusche sind andere. Bei den Videos zu den Wahrener Debatten zum Beispiel wurde das Argument gebracht, dass ja dann islamische Musik gespielt würde. Und davon fühlen wir uns dann schon belästigt – aber von den Unmengen an anderen Geräuschen einer Großstadt, wie Straßenbahnen, Autos, lärmende Menschenmengen nicht. Weil es eben gewohnte Töne sind. Ich glaube also, es ist eine Frage der Gewöhnung. Und deshalb stellt sich wirklich die Frage der Toleranz.

    Und da sind sie wieder, die Wahrener Bürger und Ihre Proteste. Ihr wollt sie besuchen – was wollt Ihr erreichen?

    Erst mal die aufgekommenen Fragen zu klären. Aber noch viel mehr, einfach zu zeigen – ja, wir sind vor Ort, wir sind da und wir möchten mit euch reden. Wir sind keine „Gegenbewegung“ – wir sind für etwas. Wir wollen also einfach auch den Kontakt mit den Leipzigern, in dem Fall mit den Wahrener Bürgern suchen. Und dabei wollen wir etwas Positives erreichen – diese „Dagegendebatten“ bringen nichts.

    Judith: Ich denke, dass man über die Argumente reden muss um die Bürgerinitiative dann vom Gegenteil zu überzeugen. Davon, dass eine „Gegenbewegung“ gegen die Unterbringung von Asylbewerbern zum Beispiel in der Pittlerstraße nichts bringt. Diese Menschen brauchen etwas wo sie wohnen können und das Asylbewerberheim kommt eben nun auch da hin. Ob sie das so wollen oder nicht – es kommt.

    Da ist es einfach destruktiv, sich dagegen so zu wehren, statt eben den Asylbewerbern tolerant gegenüber zu treten, um dort ein gute Zusammenleben zu schaffen. Und dass will ja die Bürgerinitiative scheinbar auch?

    Niklas: Wir wollen da ja nicht nur hingehen und reden. Wir haben da auch eine klare Position. Wir wollen einfach auch zeigen, dass wir schon so viele Freunde mit Wurzeln in anderen Ländern mit anderen Kulturen und Religionen in unseren Freundeskreisen haben und wie wir schon längst zusammen leben.
    Nun kann es ja sein, dass ihr einfach aufgrund dieser Situation, vielleicht auch aufgrund Eures Alters schon wieder ganz andere Haltungen zu diesen Themen habt? Offensichtlich gehört für Euch das, wovor andere Angst haben, längst zum Alltag.

    Judith: Das mag sein. Aber ich denke, dass man mit 60, 70 Jahren trotzdem nicht intolerant oder einfach doof sein muss. Man kann auch dann noch wenigstens probieren, den eigenen Horizont bei all der schon vorhandenen Lebenserfahrung zu erweitern. Es sind doch nun auch nicht „ganz andere Menschen“ als wir. So wie die Asylbewerber auch nicht. Es kann also einfach grundsätzlich nicht sein, dass man sich gegen eine Gruppierung wehrt, dass gilt für alle. Und ich glaube, da ist auch keine Altersgrenze gesetzt.

    Chris: Dabei ist es auch vollkommen ok, dass sich auch die Wahrener eine eigene Meinung bilden – aber man muss eben auch damit rechnen, dass die eigene Meinung auch kritisiert wird. Es ist so typisch irgendwie, dass jeder sagt – ich habe eine Meinung und nur diese zählt und auch nicht anfechtbar ist. Das ist nicht so. Und deshalb werden wir miteinander reden müssen.

    Und natürlich wollen wir versuchen, den aus unserer Sicht positiveren Umgang mit diesem Thema darzustellen.

    Nun ist die Bürgerinitiative der Meinung, ihr Umgang wäre mit dem Ruf nach einer vollständig dezentralen Unterbringung – also in einzelnen Wohnungen in Leipzig – durchaus der positive und ideale Weg. Etwas, was derzeit jedoch von der Stadt Leipzig noch nicht in Gänze leistbar scheint – es hängt scheinbar an den Möglichkeiten und vielleicht auch am Geld?

    Niklas: Es kann nicht die Lösung sein, dass diese Argumente, die dann offenbar vorgeschoben werden, dazu führen, dass sich gar nichts mehr bewegt. Dass ist wie in der Bildungsdebatte, wo es immer heißt, wir brauchen immer erst mal mehr Geld. Das ist auch da sicher nie falsch – aber es muss eben auch der Wille von den Lehrern, den Schülern und den Direktoren da sein, das Beste aus allem zu machen und sich zu bilden. Nicht nur Geld ist wichtig um sich zu bilden. Wirkliche Bildung braucht nen schönen Raum und einen guten Lehrer.

    Und es stimmt einfach auch bei der Frage der Unterbringung von Asylbewerbern nicht, zu sagen, es ist ja nicht genug Geld da, dass wir es hinbekommen uns mit Asylbewerbern verstehen. Das ist Quatsch. Natürlich wissen wir auch, dass dies alles noch größere Zusammenhänge hat. Wir Europäer verkaufen zum Beispiel im Senegal Essen zu einem Drittel der dort üblichen Preise. Die Bauern können ihr Zeug nicht verkaufen und müssen fliehen. Wir verursachen da Elend, oft genug Kriege mit und dann wundern wir uns, wenn Menschen nach Europa wollen? Die Verantwortung fängt also natürlich viel früher an und wir haben sie alle.

    Aber all das bringt einen in einer konkreten Situation wie der in Leipzig und die Frage der Asylbewerberunterbringung eben zunächst nicht weiter. Und soziales Miteinander ist nicht immer nur eine Frage von Geld. Es ist für mich also eine klare Ausrede.

    Chris: Es ist einfach so, dass sich große Probleme aus kleineren zusammensetzen. Also können wir uns als Gruppe nur dafür einsetzen, dass es nicht sein kann, dass man bei einem lokalen „Konflikt“ nicht miteinander kommuniziert. Denn wenn es schon da nicht hinhaut, dann funktioniert das Große auch nicht. Das ist wohl auch der Hauptgrund, warum sich in der Gruppe „Essenz“ Lehrer, Schüler und Studenten zusammengefunden haben – weshalb wir das Ganze auch überhaupt machen.

    Weiter gehts in Kürze mit Teil 3 im langen L-IZ – Interview mit der Aktionsgruppe „Essenz“.

    Wer die Gruppe unterstützen oder mitmachen möchte, findet sie hier im Netz:
    www.essenzleipzig.tumblr.com/

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