Toleranz als Schlüsselqualifikation im 21. Jahrhundert: Leipziger Tag der Stadtgeschichte 2012 zum Thema „Stadt und Glauben“

Um "Stadt und Glauben" geht es beim diesjährigen "Tag der Stadtgeschichte". Zwischen dem 15. und 18. November 2012 zeigen Vorträge, Diskussionen und Exkursionen Leipzigs religiöse Traditionen und die heutige multikulturelle Wirklichkeit. Toleranz nennt Leipzigs Superintendent Martin Henker im L-IZ-Interview "eine Schlüsselqualifikation im 21. Jahrhundert".
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Herr Superintendent, der diesjährige Leipziger „Tag der Stadtgeschichte“ mit Veranstaltungen vom 15. bis 18. November 2012 steht unter der Überschrift „Stadt und Glauben“. Wie gläubig ist denn das heutige Leipzig eigentlich – noch?

Wenn Sie nach den Zahlen der Kirchenmitgliedschaft fragen, dann sprechen wir über zirka 15 bis 16 Prozent. Immer noch die mit deutlichem Abstand größte Gruppe in einer sie verbindenden Organisation und Struktur der ganzen Stadt. Wenn ich die Sehnsucht unserer Zeit nach Rückbindung – Religion – und transzendenter Vergewisserung in den Ungewissheiten und Brüchen und Gefährdungen des Lebens einbeziehe, dürfte die Prozentzahl um einiges größer sein.

800 Jahre Thomana in diesem Jahr gaben nicht nur den Anstoß für die Themenwahl des diesjährigen Tages der Stadtgeschichte. Das Jubiläum des Thomanerchores war auch einer der Ankerpunkte des Themenjahres „Reformation und Musik“ der evangelischen Kirchen auf dem Weg zum großen Reformationsjubiläum 2017. Welche Anstöße gingen denn aus Ihrer Sicht in der Geschichte in Glaubensdingen von Leipzig aus?

Ich will mich auf vier markante Punkte beschränken: Zuerst nenne ich Johann Sebastian Bach und sein Wirken für die musica sacra. Dann erinnere ich an die Innengestaltung der Nikolaikirche, gebaute und gestaltete „Aufklärung“ – eine Erinnerung, die unsere Stadt braucht, damit auch weiterhin Toleranz und Vernunft das Leben in unserer Stadt bestimmen.

Schließlich sei auf das große Engagement der Kirche für soziale Fragen, vor allem in der Zeit der Industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verwiesen: Entstehung der Inneren Mission, Gründung des Diakonissenkrankenhauses, Gründung einer ganzen Reihe von Kindergärten. Wenn ich in der Biographie des damaligen Superintendenten, Oskar Pank, lese, denke ich: Unsere Probleme sind wahrlich nicht die größten und einmaligsten.

Und zuletzt will ich die Friedliche Revolution von 1989 nennen. Ohne die Kirchen, besonders die in der Nikolaikirche damals Verantwortlichen, wären die Entwicklungen in Leipzig möglicherweise ganz anders verlaufen.

Das kürzlich begonnene Themenjahr der Lutherdekade geht der Frage „Reformation und Toleranz“ nach. Für wie wesentlich halten Sie das Toleranzgebot in unserer Zeit?
Toleranz im Sinne von „Aushalten“, „Ertragen“ einer Ansicht, die nicht meiner eigenen entspricht, und nach Kommunikation mit dieser anderen Ansicht zu suchen, halte ich für eine Schlüsselqualifikation im 21. Jahrhundert. Ich muss mir meiner eigenen Positionen bewusst sein, sie im Diskurs mit anderen Positionen bewähren, wenn nötig auch verändern und zu ihr stehen.

Die komplexen Fragestellungen, die Unübersichtlichkeit des Lebens und unsere Angst zu scheitern, verführen wieder zu scheinbar einfachen Lösungen. Die Sehnsucht nach jemand, der mir klipp und klar sagt, war richtig und was falsch ist, der mir abnimmt, selbst abzuwägen und zu überlegen und zu entscheiden, wächst. Es gibt aber keinen anderen Weg, als dass wir uns der Mühe stellen, trotz Unterschieden nach Wegen zu suchen, wie wir miteinander leben können, zum Beispiel in unserer Stadt.

Toleranz wird im Idealfall durch ein Miteinander in respektierter Verschiedenheit ergänzt. Wie weit sind wir auf diesem Weg heute in Leipzig, das sich gern als weltoffene und tolerante Großstadt sieht?

Das Ziel einer weltoffenen und toleranten Großstadt beschreibt eine Aufgabe für uns alle, von der wir wohl – solange Gottes Reich noch nicht auf diese Erde endgültig angebrochen ist – gefordert bleiben. An den Diskussionen, wie und wo Asylbewerber in unserer Stadt wohnen sollen, ist leider sehr deutlich geworden, dass für ein Miteinander in respektierter Verschiedenheit noch sehr viel zu tun ist.

Der öffentliche Abendvortrag im Rahmen des „Tages der Stadtgeschichte“ am 15. November handelt von den Leipziger Kirchen seit 1968 und der Friedliche Revolution 1989/90. Welche Gedanken verbinden Sie mit dieser erst unveränderlich scheinenden und schlussendlich sehr bewegten Zeit?

Es war für mich persönlich die aufregendste und herausforderndste Zeit, die ich bisher erlebt habe. Dass es in den diffizilen Situationen dieser Wochen und den Möglichkeiten des Kippens von hochbrisanten Konstellationen nicht zu einem Gewaltausbruch und Blutvergießen gekommen ist, gehört für mich zu den Wundern, die ich erleben durfte.

Und es macht mich sehr dankbar und ein bisschen stolz, dass ich etwas Einmaliges miterleben und mitgestalten durfte: wie in einem Land, in dem 40 Jahre Lüge und Rechtlosigkeit geherrscht hatten, Demokratie, Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit einziehen. Es bleibt unsere Aufgabe, dies heute und in Zukunft Jugendlichen und Kindern weiter zu geben, damit sie das kostbare Gut der Freiheit wertschätzen und achten.

Vielen Dank für das Gespräch.

www.leipzig.de/stadtgeschichte

www.leipzig.de/imperia/md/content/10-9_stadtarchiv/faltblatt_tdst_2012_stadt_und_glauben_komprimiert.pdf

www.leipzig.de/de/buerger/bildung/geschichte/Tag-der-Stadtgeschichte-2012-24212.shtml


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