Ein Buß- und Bettag mal ganz anders: „anders wachsen“ am 21. November in Thomas- und Nikolaikirche

Am 21. November werden viele Leipziger nicht in den Federn liegen bleiben, auch wenn es der Buß- und Bettag ist. Viele werden sich beeilen, dass sie rechtzeitig einen Platz in der Thomaskirche ergattern. Dort beginnt um 9:30 Uhr der Eröffnungsgottesdienst mit Margot Käßmann. Der Gottesdienst ist der Auftakt für einen ganzen Tag unter dem Motto "anders wachsen".
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Kein wirklich ganz neues Thema. Auch nicht für die Evangelische Kirche in Leipzig. Daran erinnerte am Donnerstag beim Pressetermin für diesen ganz besonderen Buß- und Bettag Christian Führer, einst Pfarrer an der Nikolaikirche, jetzt Unterstützer der christlichen Leipziger Initiative „anders wachsen“, die sich im März 2011 gegründet hat. Denn die Bewahrung der Schöpfung war schon, erinnert er sich, Teil der Friedensdekade 1980. Jener Friedensdekade, die den Veränderungsprozess in der DDR angestoßen hat und am Ende die halbe Revolution von 1989 zur Folge hatte. Die andere Hälfte fehlt noch, der zweite Teil der Revolution, wie es Christian Führer nennt: die Schaffung einer solidarischen Ökonomie.

Denn bei einem ist man sich auch in der evangelischen Kirche längst einig: Die reine Marktwirtschaft wird die anstehenden Probleme nicht lösen. Die Grenzen des Wachstums, wie es einst der „Club of Rome“ formulierte (vor 40 Jahren!) sind erreicht, wenn nicht gar überschritten. Die Finanzkrise, die Klimakrise, die Energiekrise und die zunehmenden sozialen und kriegerischen Spannungen erzählen von einer Welt, die gerade dabei ist, ihre letzten Ressourcen zu plündern. Das grenzenlose Wirtschaftswachstum überfordert den Planeten und die Menschen.

Mittlerweile beschäftigt sich nicht nur die Politik mit der Denkfalle „Wachstum“. Die L-IZ hat über diverse Veranstaltungen von Daniela Kolbe, SPD, Vorsitzende der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ berichtet. Regelmäßig gibt es auch Berichte über all die Vereine und Initiativen, die in Leipzig versuchen, neue Konzepte für ein nachhaltiges Miteinander zu entwickeln. Bis hin zum so zäh sich gestaltenden Agenda-Prozess.

Der im März 2011 gegründete christliche Initiativkreis „anders wachsen“ arbeitet auf dem selben Gebiet, hat sich ganz speziell vorgenommen, zum Thema „Wirtschaft braucht Alternativen zum Wachstum“ eine breite Öffentlichkeitskampagne der Evangelischen Kirche auszulösen. Einen ersten Erfolg gibt es: 2014 will die Kirche das Thema breit thematisieren. Am 2. Dezember will die Initiative die von ihr gesammelten Unterschriften unter die Petition „anders wachsen“ an den sächsischen Landesbischof Jochen Bohl übergeben. In der Leipziger Thomaskirche natürlich. Noch läuft die Unterschriftenaktion, kann jeder, der das Anliegen unterstützt, mitmachen. Rund 1.100 Unterschriften wurden online eingesammelt.

Das Anliegen: „Ich bitte den Rat und die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sich des Themas ‚Wirtschaft braucht Alternativen zum Wachstum‘ anzunehmen, der falschen Vorstellung vom grenzenlosen Wirtschaftswachstum zu widersprechen, von den Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ein Ende des Zwangs zum Wirtschaftswachstum zu fordern und dazu eine breite Öffentlichkeitskampagne durchzuführen.“
Denn immer so weiter kann es nicht gehen. Nicht nur, weil die Ressourcen endlich sind und „der Markt“ gar nichts auf humane Weise regelt. Im Gegenteil: Wo er unreguliert wirken kann, klaffen die Widersprüche auf, geht es fast nur noch um Renditen, bleiben nicht nur gesellschaftliche Solidarität und Umwelt auf der Strecke, gehen auch Infrastrukturen kaputt, versinken Staaten und Städte in Schulden. Die Kehrseite des reinen Marktes ist finster. Und nicht nur all jene, die dann von Armut oder Ausgrenzung betroffen sind, leiden. Es leiden auch alle, die noch „im Rennen sind“. Sie leiden unter Stress und Erfolgsdruck, unter dem Verlust von Freiräumen und Selbstverwirklichung, Verzicht auf Familienleben, soziale und kulturelle Kontakte. Die Maschine funktioniert auch deshalb, weil selbst ihre „Gewinner“ nur noch Getriebene sind. Getrieben von einem Erfolgs- und Gewinndruck, der keine Aus-Zeiten mehr kennt und ein Nicht-mehr-Funktionieren nicht akzeptiert.

Aber so lange nicht große gesellschaftliche Institutionen wie die Kirche gegenhalten und ein anderes Verständnis für Wachstum fordern, ändert sich nichts, entschuldigen sich – selbst getriebene – Politiker mit „Sachzwängen“ und „Alternativlosigkeiten“.

Die Veränderung muss von unten kommen. Von all jenen, die sich für ein anderes, menschliches und zukunftsfähiges Wachstum engagieren. Thomaspfarrer Christian Wolff: „Veränderungen passieren ja nur durch Beteiligung.“

Der 21. November wird Viele zusammen führen, die sich in Leipzig schon engagieren. Der Gottesdienst mit Margot Käßmann, Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Reformationsjubiläum 2017, um 9:30 Uhr ist nur der Auftakt dieses Buß- und Bettages. Um 11 Uhr gibt es einen Imbiss und einen „Markt der Initiativen“, die bei den nachmittäglichen Workshops mit dabei sind.

Viele Interessierte werden vielleicht sogar erst nach dem Gottesdienst zur Thomaskirche strömen, weil sie ihren Gottesdienst in der Heimatkirchgemeinde feiern oder zwar nicht gläubig sind, das Anliegen aber von Herzen teilen, das dann auch um 11:55 Uhr zum Thema einer Podiumsdiskussion wird: „Alternativen zum Wirtschaftswachstum?“

Ein Gespräch, das von Daniela Kolbe in der Thomaskirche moderiert wird – sie steckt ja nun durch die Arbeit in der Enquete-Kommission so tief im Thema wie wohl kein zweiter in Leipzig. Sie diskutiert mit zwei Forschern, die sich mit den Alternativen zum bisher propagierten Wachstum wissenschaftlich beschäftigen – mit durchaus unterschiedlichen Ansätzen: Prof. Dr. Ulrich Brand aus Wien und Prof. Dr. Niko Paech aus Oldenburg. Denn natürlich kommt nach der Einsicht, dass es so nicht mehr weiter geht, die Frage: Ja, wie ändern wir das? Wie schaffen wir uns selbst eine andere Welt?

Diskutiert wird darüber dann – ab 13:30 Uhr – in fünf verschiedenen Workshops. Die finden – je nach Zuspruch der Teilnehmer – in den verschiedenen verfügbaren Räumen der Thomasgemeinde statt. Für manchen Interessierten wird es eine Qual mit der Wahl. Denn aufregend ist jeder einzelne.

Im ersten geht es um „Raus aus der Sackgasse – Entwurf einer alternativen Ökonomie“.

Im zweiten Workshop geht es um „Geld ohne Zinsen – dem Wachstumszwang entgehen“.

Im dritten Workshop geht es um einen anderen „Lebensstil – eine Ökonomie des Genug“.

Im fünften geht es um „Wachstum in Nord-Süd-Perspektive – öko-soziale Globalisierung“ – unter anderem mit einem Referenten aus der Demokratischen Republik Kongo. Auch die so christlichen Mitteleuropäer vergessen ja oft, dass ihr Wohlstand nach wie vor auf der Ausplünderung der Ressourcen in den Ländern der einstmals sogenannten „Dritten Welt“ beruht. Dritte Welt jetzt genau so gemeint, wie es da steht: Als europäische Verachtung für den ausgeplünderten Teil der Erde. Das hat sich ja nicht geändert, bloß weil der Kolonialismus zu Ende ging. Der wurde längst durch einen Neo-Kolonialismus ersetzt, der dafür sorgt, dass die Staaten des Westens ihre Rohstoffe weiter für Peanuts bekommen. Dafür liefern sie – und die Bundesrepublik mitten drin – teures Kriegsgerät an alle dort unten stellvertretend wütenden Kriegsparteien.

Richtig spannend ist auch Workshop Nummer 4: „Frömmigkeit – eine Spiritualität der Verantwortung“. Klingt tiefreligiös, dürfte aber auch alle ansprechen, die längst das Gefühl haben, dass wir unsere Erde und ihre Schönheit nur bewahren, wenn wir sie wieder achten lernen. Was den Kreis schließt zur „Bewahrung der Schöpfung“ und zu Christian Führers Erinnerung daran, dass die Revolution von 1989 unvollendet ist, dass es auch eine solidarische Ökonomie braucht, damit wir eine solidarische Gesellschaft bekommen.

Unter „Links“ findet man auf der Website die Initiativen, die sich schon seit geraumer Zeit mit anderen Wegen zu einer neuen Art der Wirtschaft, der Teilhabe und des Umgangs mit der Welt und uns selbst beschäftigen – von der Akademie Solidarische Ökonomie bis zum Konzeptwerk Neue Ökonomie.

Die Ergebnisse der Workshops werden am 21. November um 16 Uhr in der Thomaskirche in Abschlussstatements noch einmal aufgegriffen. Und um 17 Uhr endet dieser besondere Buß- und Bettag in der Nikolaikirche mit dem Abschlussgottesdienst. Da wird auch eine Aktion des ATTAC-Netzwerks eine Rolle spielen, die auch mit einer solidarischen Gemeinschaft zu tun hat: die „Krötenwanderung“.

Alle Informationen zum Thementag „anders wachsen“ findet man unter:
www.anders-wachsen.de

Die Attac-„Krötenwanderung“ findt man hier:
www.attac.de/aktuell/bankwechsel

Die geharnischte Rede von Bundespräsident Joachim Gauck beim SZ-Unternehmerteffen findet man hier:
www.sueddeutsche.de/wirtschaft/gauck-rede-beim-sz-fuehrungstreffen-freies-unternehmertum-braucht-grenzen-1.1523826


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