LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug aus der Ausgabe 42Pfarrer Andreas Dohrn ist kein gewöhnlicher Vertreter seiner Zunft. Der geistliche Vorsteher der Peterskirchgemeinde in Zentrum-Süd ging vor zwei Jahren mit „seinem“ Kirchenvorstand voran und vermietete eine Wohnung im Pfarrhaus an eine 13-köpfige syrische Familie. Daraus entstand die „Kontaktstelle Wohnen“, über die zurzeit über 500 Flüchtlinge Wohnungen in Leipzig suchen. Demnächst zieht das Projekt auch nach Borna und will sich darüber hinaus anderen Menschen in Wohnungsnot widmen. Ein Gespräch über kaputte WGs, überforderte Ämter und die „Klopperhammerthemen“ in dieser Stadt.

Herr Dohrn, Anfang März feierte die „Kontaktstelle Wohnen“ ihr einjähriges. Mittlerweile hat die Robert-Bosch-Stiftung dieses Projekt als Modellprojekt geadelt, was sich bundesweit umsetzen lässt. Alles begann nur wegen einer zerstrittenen Studenten-WG.

Ja, die hat sich im Januar 2015 im Pfarrhaus direkt „selbst auseinandergenommen“, die waren plötzlich so zerstritten, dass sie in wenigen Tagen sofort alle auszogen. Gleichzeitig war die Stimmung in der Stadt angespannt, die erste Legida-Demo war vorbei, eine zweite sollte kommen. Der Kirchenvorstand tagte und legte fest: „Wir wollen ein Zeichen setzen!“ Also entschieden wir, die Wohnung an Geflüchtete zu vermieten. Am nächsten Tag rief ich beim Sozialamt an: „Wir hätten da eine große Wohnung und haben sie nicht ‘ne Familie?“

Die Frau meinte, sie hätte direkt eine und zwar eine 13-köpfige. O-Ton: „Das sind Muslime, ob die in ein Pfarrhaus einziehen?“ Ich sagte dann: „Ich habe kein Buch in meinem Arbeitszimmer in dem steht, dass das nicht geht.“ Am Ende dauerte es ein halbes Jahr bis sie einzogen und mit religiösen Differenzen hat das nichts zu tun. Die IHK schickte uns sieben Jugendliche unter 25, die die Wohnung herrichtete. Die Stimmung unter ihnen wechselte zwischen Sozialromantik und „Fak Ju Göthe III“. Das war sehr spannend.

Das war quasi die erste syrische Familie, die Sie vermittelt haben. Mittlerweile ist die Datenbank der Kontaktstelle mit über 500 Wohnungssuchenden gut gefüllt …

Dieses Projekt regte bei uns die Frage an: Geht das nicht auch außerhalb der Gemeinde? Es gibt doch Taufpaten, warum nicht auch Wohnpaten? Die damalige Chefin der Grundschule des Evangelischen Schulzentrums schickte im Elternvertreter-Verteiler rum, dass Wohnungspaten gesucht werden. Daraufhin meldete sich ein IT-Programmierer. Der wollte helfen und baute uns eine Datenbank für Geflüchtete, Vermieter und Wohnungspaten.

Im Oktober bekamen wir die ersten zehn, zwölf Wohnungen, unter anderem auch von einer großen Immobilienfirma, die uns Wohnungen zur Verfügung stellte. In die erste Whg zog ein syrisches Paar, in der der Mann Facebook-affin war. Es gibt acht neue Plattformen für Syrer. Dort machte er das publik. Eines Tages kamen über Nacht 163 E-Mails statt 15. Meldungen aus Oberammergau, Kiel. Bis November hatten wir eine vierstellige Zahl von Suchenden.

Und die mussten alle betreut werden. Wie muss man sich denn Wohnungspatenschaften vorstellen?

Die Wohnungspaten arbeiten ehrenamtlich bei uns. Wir schauen, welcher Geflüchtete und welcher Wohnungspate zusammenpassen. Geflüchtete Familien mit kleinen Kindern passen gut zu Familien mit kleinen Kindern, denn die kennen sich mit Kita, Spielplätzen und Grundschulen aus. Sowas würde ich in Damaskus ja auch nicht wissen.

Die Paten sind geschult und wir haben ein Handbuch erstellt. Wohnungspate und Familie lernen sich kennen, dann wird nach Wohnungen gesucht, werden Wohnungen besichtigt. Die Paten sorgen dafür, dass die Geflüchteten auf Augenhöhe bei den Besichtigungen mit Vermieter und anderen Konkurrenten sind. Dann geht es um Hilfe beim Mietvertrag, Erstausstattung, Einzug, erstes Vorstellen im Haus.

Die grünen, blauen und braunen Mülltonnen müssen ja auch erklärt werden, der Gaszähler, Wasseruhren und so weiter. Die Patenschaften dauerten anfänglich acht Wochen, inzwischen länger. Das ist zurzeit so lang, weil die Wohnungsrecherche so aufwendig ist. Manchmal bleiben die Kontakte bestehen und manchmal nutzen Wohnungspaten direkt die gemachten Erfahrungen für die nächsten Wohnungen.

Aber 500 Suchende können doch nicht nur von Ehrenamtlichen betreut werden …

Das stimmt. Ab einer gewissen Zahl Ehrenamtlicher braucht es Hauptamtliche, die alles koordinieren. Mittlerweile haben wir neun Teammitglieder, die diese rund 500 Geflüchteten betreuen und es gibt grob 100 Wohnungspatenschaften. Im Monat finden 15 Umzüge statt. Wir haben zwei Hauptamtliche in unserem Team, die geflüchtet sind. Das hat uns in vielen Dingen geholfen, die Augen zu öffnen. Die kannten das Ganze von innen.

Die sagten uns beispielsweise, dass man, wenn man auf einer bestimmten Stufe im Asylverfahren ist, kein eigenes Konto eröffnen kann. Das ist natürlich ein ziemliches Problem. Die Wohnungen bezahlt zunächst entweder das Sozialamt oder das Jobcenter. Das bedeutet: Wir suchen Wohnungen, deren Kaltmiete und Nebenkosten den „Kosten der Unterkunft“ entsprechen. Es ist in Deutschland genau geregelt, wie viel Wohnraum jedem zusteht.

Vier Personen kriegen 90 Quadratmeter bezahlt. Wir sprachen mit dem Jobcenter, weil die Prüfung, ob der Mietpreis der Wohnung für Flüchtlinge angemessen ist, mehrere Wochen dauerte und das ein Nachteil für uns bedeutete. Das ließ sich regeln. Der Wohnungsmarkt hat dennoch seine Tücken: Eine Wohnungsbesichtigung binnen 24 Stunden, wie sie die Dynamik des Leipziger Wohnungsmarkts teilweise verlangt, ist mit Ehrenamtlichen nicht möglich. Dafür brauchen wir die Hauptamtlichen ebenfalls.

Ihre Wohnungspaten werden mit Sicherheit so ihre Erfahrungen gemacht haben …

Natürlich. Der klassische Fall ist, dass die Paten den Besichtigungstermin kriegen würden und wenn sie dann sagen, es wäre für Geflüchtete, dann ist der Termin weg. Das nehmen die Paten natürlich persönlich, aber es ist ja systemisch. Manchmal muss auch der Pfarrer anrufen, um auf höherer Ebene zu kommunizieren. Ich bin mit einer obdachlosen syrischen Familie durch die Ämter gezogen. Da erlebt man natürlich Mitarbeiter mit unterschiedlicher Performance. Im Nachhinein betrachtet, könnte folgende Deutung weiterhelfen: Anfangs war die Zahl der Herausforderungen für einige Akteure im Stadtschild eigentlich zu groß.

In der Arbeit mit Geflüchteten haben sich dagegen im letzten Vierteljahr 15-20 Organisationen herauskristallisiert, die so ein enormes Know-How in der Flüchtlingsfrage angehäuft haben, dass wir nun dieses Wissen bündeln werden. Unter Anleitung der „Stiftung Bürger für Leipzig“ treffen wir uns regelmäßig in der Volkshochschule und tauschen uns zurzeit zum Beispiel zur Frage „Wie kann Bildung für minderjährige Flüchtlinge gelingen?“ aus: „Wie können wir da helfen, was kann jede Organisation bieten?“

Eine Doktorandin untersucht aktuell, was beim ehrenamtlichen Engagement in Leipzig für Geflüchtete die besondere Qualität ausmacht. Mittlerweile gibt es viele kleine Plattformen wie timmytransport und ankommen.eu, die Umzüge oder Erstausstattung organisieren. Die „Kontaktstelle Wohnen“ ist demnächst mit Angeboten in Borna präsent, weil es diese Art von Angebot dort bisher so nicht gibt.

Als Pfarrer kommen Sie mit verschiedensten Menschen in Kontakt, auch mit anderen, die in Wohnungsnot sind. Wäre das nicht ein Ansatz, auch hier tätig zu werden und dieses Projekt zu übertragen?

Auf jeden Fall. Know-How-Transfer ist neben der Betreuung der 100 Wohnungspatenschaften die zweite Sache, die zurzeit parallel läuft. Die Bertelsmann Stiftung hat eine Studie herausgegeben aus der hervorgeht wie weit arme Familien aus der Stadt herausziehen müssen, um eine Chance auf eine bezahlbare Wohnung zu haben. In Frankfurt sind das rund 30 km. Wenn der Zuzug und der Wohnungsbau in Leipzig so bleiben, wird es die Leute auch aufs Land entlang des S-Bahn-Netzes ziehen.

An welche Gruppen in Wohnungsnot denken Sie?

Menschen kurz vor einer Räumungsklage, arme Familien, Alleinerziehende, Menschen, die aus dem Gefängnis kommen, Studenten, Senioren in Grundsicherung. In Leipzig gibt es ungefähr 12 bis 14 Gruppen, die mehr oder weniger in Wohnungsnot sind. Dabei geht es um bezahlbaren Wohnraum in angemessener Größe. In Grünau-Mitte kriegen mehr als die Hälfte der unter 15-Jährigen Sozialgeld. Das ist also in gewisser Art ein Ballungsgebiet und das ist kein Zufall.

Der Wohnungsmarkt ist ein wichtiger Faktor bei der Ausgrenzung von Menschen und die Frage ist: Welchen Grad der Ausgrenzung wollen wir als Stadtgesellschaft zulassen und wo ist die Grenze erreicht, weil alles was darüber geht zu gesellschaftlichem Dynamit wird.

Sie sprechen über Gentrifizierungsprozesse in der Stadt…

In Leipzig ist die Zahl von vertraglich gesicherten Sozialwohnungen viel zu gering. Die Frage ist nun: Welche Akteure braucht man, um Bestandshäuser aufzukaufen, so dass dort der Mietsatz unter 5 Euro bleibt? Der Markt für beispielsweise Wohnungen mit 45 Quadratmeter und weniger ist eng besetzt: Studenten, Alleinerziehende, alleinstehende Rentner, alleinstehende Flüchtlinge.

Aber das Angebot ist nicht da. Also gehen wir auf Akteure zu. Das Leitbild einer inklusiven Stadt muss uns alle tragen, das heißt, dass man weder über Bildung, noch über Arbeit noch über Wohnung ausgeschlossen wird.

Pfarrer Andreas Dohrn Foto: privat
Pfarrer Andreas Dohrn. Foto: privat

Sehen Sie diese akute Gefahr in Leipzig?

Oh ja. Im Erzgebirge, wo ich zuvor Pfarrer war, waren die wesentlichen gesellschaftlichen Ausgrenzungsprozesse im Bereich von „Bildung“ und „Arbeitsmarkt“ festzustellen. Je länger ich in Leipzig bin, desto mehr denke ich, dass die größte Ausgrenzungsmöglichkeit des 21. Jahrhundert der Wohnungsmarkt ist. Danach wird sich die Gesellschaft zukünftig noch mehr sortieren. Dass zu verhindern ist schwer, denn das alte Leipziger Spiel geht: „Ich weiß, dass ihr da drüben doof seid“ und das verhindert konstruktives Arbeiten.

Man braucht aber die großen Akteure, wie LWB, Stadtbau AG etc. Ihr Know-How in der Wohnungswirtschaft ist wichtig. Wie können wir beispielsweise Renovierungsmodelle gestalten, um mehr Wohnungen in diesem Mietsegment zu haben? Um den Kampf gegen die Gentrifizierung zu führen, muss man analytische Modelle von Gentrifizierung und Segregierung verstehen, und miteinander diskutieren. Die Anzahl der pragmatischen, gemeinsamen Lösungen wird gleichzeitig unterschätzt. Es braucht die Vernetzung der 100 Stärksten im Stadtschild. Wenn ich mir die Stadtgesellschaft wie eine Fußballmannschaft vorstelle, dann reicht es nicht, dass der rechte und der linke Verteidiger Pressing spielen.

Es müssen alle elf Pressing spielen und den Wohnungsmarkt bearbeiten. Dafür muss ich mir mal die Blöße geben und mit jemandem zusammenspielen mit dem ich politisch nicht die größte Schnittmenge habe. Wenn derjenige aber an der Stelle ein Teil der Lösung ist, dann ist es meine Pflicht, hier mit ihm zusammenzuarbeiten. Es ist wichtig, die Schnittmenge zu finden.

In den kommenden Jahren wird sich ein großes Gebiet im Zuständigkeitsbereich ihrer Gemeinde entwickeln. Könnte das Bauprojekt Bayerischer Bahnhof nicht ein wunderbares Modellprojekt für einen inklusiven Stadtteil sein?

Dafür braucht man die Wohnungsmarkt-Akteure wie die „Stadtbau AG“ als Bauherrin und die „Stadt Leipzig“ als Rahmengeberin. Am Bayrischen Bahnhof könnte auch die Zivilgesellschaft wie z. B. der Verein „Messemagistrale“ und die Peterskichgemeinde mitmachen. Wenn diese Akteure zusammenspielen, wird das ein richtig gutes Spielfeld.

Hier können alle beweisen, dass es nicht nur Einbahnstraßen gibt, sondern auch Verbindungswege. Es gibt schon Modellprojekte, in denen kirchliche Akteure zum Gelingen von Stadtquartieren beitragen, zum Beispiel kirche-findet-stadt.de.

Sie sprachen mit Gentrifizierung und sozialer Ungleichheit zwei wesentliche Problemfelder unserer Zeit an. Beides sind auch Ausgrenzungsfaktoren für soziale Teilhabe. Das ist bekannt. Aber wo wollen Sie gerade bei sozialer Ungleichheit Lösungen herzaubern?

Es braucht viele Stellschrauben, damit starke Schulen und Familien Akzente setzen können. Im Sozialatlas der Stadt Leipzig werden die Leipziger Regionen ersichtlich, wo mehr als 20 Prozent der Schüler eines Jahrgangs ohne Schulabschluss abgehen. Das darf doch nicht sein. Schwer einzuschätzen ist für mich, ob die Stadträtinnen und Stadträte entlang von Wirkungsketten optimale Ergebnisse erzielen. Da denke ich: „Ihr müsst die Leitlinien vorgeben und parlamentarisch darum ringen, welche Lösungsbausteine es für welche Themen gibt.“

Dafür bedarf es klare Analytiken und Lebenslagekonzepte. Da erhoffen sich Akteure aus der Zivilgesellschaft, dass Fraktionen auch parteiübergreifend an Wirkungsketten entlang arbeiten. Sie müssen der Stadtgesellschaft vormachen, wie ein Miteinander geht. Es braucht eine neue Sorte von Vertrauen und Bereitschaft, sich thematisch den Klöpsen zu stellen. Es gibt fünf bis zehn „Klopperhammerthemen“ für unsere Stadt und da erwarte ich, dass wir Themen auf Stelle 103 der Agenda auch dort lassen.

Diese Hammer-Themen sind die Stellschrauben um die sich viele andere Dinge entwickeln würden. Wohnen gehört genau in die Top-10-Liste rein.

Wer sollte das Zugpferd der Stadt sein – der Stadtrat oder die zahlreichen angesprochenen tüchtigen Organisationen?

Wir brauchen die Leadership-Qualität aus allen gesellschaftlichen Bereichen: Stadt/Stadtrat, Wirtschaft, Zivilgesellschaft. Unsicher bin ich was die unterschiedliche Performance von diversen Akteuren für Folgen hat. Zwischen den Akteuren und innerhalb der Akteure finden sich inzwischen so unterschiedliche Levelstrukturen, dass ein Teil der Personen gar nicht mehr mitkommt beziehungsweise manche auf halben Wege aussteigen.

Und das ist ein Problem: In Zeiten des Populismus sind gemeinsame Antworten schwerer, da die Komplexität von Lösungen zunimmt. Es ist aber wichtig, dass Leute führen und sich aus dem Fenster lehnen. Die beiden jüngsten Anschläge auf das Linxxnet hatten das Ziel, uns als Zivilgesellschaft insgesamt einzuschüchtern. Dieses Ziel wurde verfehlt, in den letzten Tagen passiert eher das Gegenteil: Wir werden immer weiter Pressing spielen und die Räume nicht hergeben.

Wir konzentrieren uns auf Menschlichkeit und lassen uns nicht auf andere Felder locken, wo man das, wofür man steht, thematisch gar nicht mehr darstellen kann. Es ist die Stärke der Leipziger Stadtgesellschaft, dass hier Bürgerinnen und Bürger unterstützt werden von einem Netzwerk aus geschätzt 1.500-2.000 Menschen, die über Brücken hinweg gemeinsam analysieren und handeln. Sie handeln früh und machen Räume auf, für Leute, die mitmachen.

www.kontaktstelle-wohnen.de
www.peterskirche-leipzig.de/
www.ankommen.eu

Dieser Artikel erschien am 21.04.17 in der aktuellen Ausgabe 42 der LEIPZIGER ZEITUNG. An dieser Stelle zum Nachlesen auch für L-IZ.de-Leser. Dieses und weitere Themen finden sich in der aktuellen LZ-Ausgabe, welche neben den normalen Leipziger Presseshops hier im Szeneverkauf zu kaufen ist.

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