Gastkommentar von Christian Wolff

Sächsische Grüße vom Gartenzaun: Zum Interview mit Antje Hermenau

Für alle LeserSie hat ein Buch geschrieben – Antje Hermenau, bis 2014 Landtags- und Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen, jetzt Geschäftsführerin der Freien Wähler in Sachsen. In den nächsten Tagen erscheint ihre Streitschrift „Ansichten aus der Mitte Europas. Wie Sachsen die Welt sehen“. Ob frau/man das Buch kaufen muss? Es bleibt jedem anheimgestellt.

Allerdings lässt mich das Interview zum Buch, das in der LVZ erschienen ist, daran zweifeln, ob 10 Euro gut angelegt sind (http://www.lvz.de/Region/Mitteldeutschland/Wer-offene-Grenzen-will-schafft-den-Sozialstaat-ab). Denn das Buch ist wahrscheinlich in genau dem Duktus geschrieben, wie das Interview von Hermenau geführt wird. Der geht ungefähr so:

  • Wir Sachsen wissen, was für uns gut ist. Da lassen wir uns von niemandem reinreden – schon gar nicht von den „Beutesachsen mit westdeutscher Sozialisation“. Zack – eigentlich darf ich gar nicht weiterschreiben …
  • Hermenau stellt zum gesellschaftlichen Zusammenleben fest: „Wir stehen als Gesellschaft an einem Scheideweg.“ Da wartet man natürlich auf einen Hinweis, welchen Weg wir denn wählen sollen. Hermenau verweist auf „Handwerksmeister, Menschen, die Unternehmen führen, Ärzte, Anwälte“ (damit ist ja Gesellschaft umfassend beschrieben!). Die haben Fragen und wenig Zeit – und die Politik antwortet ihnen nicht.
  • Natürlich ist Hermenau nicht ausländerfeindlich. Sie war mit einem Amerikaner verheiratet und hat sich um Geflüchtete gekümmert. Aber „Loofen musses!“ ist ihr Credo. Dazu gehört für Hermenau, dass die Sachsen „zu einem Menschenschlag, einer Region, einem Dialekt, einer Religion, einer Kultur gehören“. Da fragt sich natürlich derjenige, der nicht in Sachsen geboren wurde, aber seit Jahrzehnten hier lebt: Gehört er nun zu diesem „Menschenschlag“ oder doch nicht? Darf er Sachsen seine Heimat nennen, oder ist das schon übergriffig? Und: Was ist eigentlich die Religion der Sachsen?
  • Dann sind da noch die „offenen Grenzen“, die „den Sozialstaat zerbröseln lassen“. Von welchen Grenzen Hermenau spricht, ist nicht klar: „Denn mit offenen Grenzen ist ein Sozialstaat wie der deutsche, der weltweit mit am teuersten ist, nicht zu halten.“ Dass der Sozialstaat auch etwas mit Europa, also mit offenen Grenzen, zu tun hat, kommt bei Hermenau genauso wenig in Betracht wie die Tatsache, dass der Sozialstaat vor allem durch soziale Ungleichheit gefährdet ist.
  • Die Migration ist für Hermenau tatsächlich „die Mutter aller Probleme“ (Horst Seehofer): Der Sozialstaat verkraftet Geflüchtete ebenso wenig wie eine Grundrente. Schließlich versteigt sich Hermenau zu der Aufrechnung: „100 Milliarden Euro Integrationskosten (gehen) mit drauf. Mit dem Geld hätten wir heute leistungsstarkes Internet bis zu jeder Milchkanne durch finanziert gehabt.“ Ja, auch daran sind die Geflüchteten schuld.

Was in dem Interview deutlich wird: Hermenau bedient alle Stereotypen, die einen AfD- oder Pegida-Sympathisanten in seinen Vorurteilen bestätigen – verpackt in flotte Sprüche, garniert mit sächs’schen Kalauern: Politiker sind ziemlich unfähig; Geflüchtete verbrauchen das Geld, das uns Deutschen zusteht; sie lassen sich nicht integrieren und: „Wir sind doch keine Nazis“. Kein Wunder, dass sich gerade Letzteres wie ein roter Faden durch das Interview zieht. Ob es daran liegt, dass die ja intelligente Antje Hermenau im Unterbewussten sehr wohl spürt, welche Funktion ihre Äußerungen haben?

Jedenfalls ist auffällig, dass Hermenau kein Wort zu den Gefahren des Rechtsnationalismus, zu den Übergriffen auf Geflüchtete, zu den Erfolgen der Integrationsarbeit in Sachsen verliert.

Dafür müssen dann „Handwerker“ herhalten, die Hermenau gesteckt haben, wie arbeitsfaul und integrationsunwillig Geflüchtete sind. Hinter dem, was sie angeblich Hermenau berichtet haben „nach einem Tag hat der erste Rücken, spätestens in der nächsten Woche dann der Zweite, und den Dritten können sie vielleicht ausbilden“, verbergen sich die gleichen Plattheiten, mit denen schon vor 40 Jahren über erwerbslose Deutsche hergezogen wurde. Aber selbstverständlich: Antje Hermenau ist nicht ausländerfeindlich und nicht rechts. Solche Leute nennt sie „Brüllaffen“ – und damit ist dann das Problem des Rechtsextremismus abgehandelt.

Dafür wird die Messlatte hochgelegt: „wer auf Dauer hier leben will, muss sich hier anpassen und arbeiten – dann ist er willkommen“, ohne auch nur mit einem Wort zu erwähnen, dass inzwischen die Beschäftigungsquote bei Geflüchteten bei 30 Prozent liegt – Tendenz steigend, und dass Integration keine Einbahnstraße ist.

Bleibt zum Schluss noch die Merkwürdigkeit, dass unsere Gesellschaft nach Hermenau nur aus Facharbeitern, Selbstständigen, Handwerkern, Unternehmern, Ärzten und Anwälten besteht. Dass auch Schüler/innen, Studierende, Angestellte, Arbeitnehmer, Rentner, Nicht-Berufstätige, Migranten zu unserer Gesellschaft gehören, kommt bei ihr nicht vor. Offensichtlich schwebt Hermenau ein Sachsen vor, das sich vor Einwanderung jeder Art schützen will und ganz auf die genannten Berufsgruppen setzt, vorausgesetzt sie verfügen über sächsischen Stallgeruch.

Mit ihrem Buch öffnet Hermenau kein Fenster und schon gar nicht lässt sie frische Luft rein, wie sie im Interview selbstbewusst behauptet. Vielmehr bleiben all ihre Gedanken im Mief eines verquast-selbstgenügsamen sächsischen Lokalpatriotismus hängen, um den Hermenau einen dicken Gartenzaun zieht.

Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass innerhalb dieses Geheges die Bachmanns, Maiers, Urbans und Hermenaus ganz gut miteinander auskommen. Gott sei Dank sind aber inzwischen immer mehr Bürgerinnen und Bürger Sachsens davon überzeugt: So geht sächsisch nicht.

MigrationIntegration* Kommentar *Sachsen
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