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Das Altertum im Alltag: Wo die Antike noch lebendig ist

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    Das Leben im Digitalen Zeitalter ist geprägt von Technologie, Geschwindigkeit und Fortschrittsglauben. Der Blick zurück fällt dabei oft schwer, er ist meist nach vorne gerichtet. Globale Vernetzung, Demokratisierung von Information, Künstliche Intelligenz – die vorherrschenden Themen, die im Zusammenhang mit der digitalen Kultur diskutiert werden, scheinen in der Tat wenig mit der Vergangenheit zu tun zu haben. Je ferner sie liegt, desto weniger präsent ist sie. Doch der Eindruck täuscht: Der Einfluss der Antike, griechischer wie römischer, ist nach wie vor in vielen Dingen spürbar.

    Die Antike in Sachsen – und im Alltag

    Zugegeben, eine antike Vergangenheit, wie sie andere deutsche Regionen und Städte haben, wird im heutigen Sachsen niemand finden. Ein geografischer Teil der antiken Welt, wenn man sie so nennen will, war weder das Gebiet des heutigen Freistaats, noch sind die Bewohner mit den Sachsen des griechischen Gelehrten Ptolemäus verwandt, der die Saxones im 2. Jahrhundert vor Christus erwähnt.

    Aufbewahrte Antike

    Was wiederum nicht bedeutet, dass die Antike hier keine bedeutende Rolle gespielt hat – oder genauer gesagt: noch immer spielt. Im Gegenteil. Das Antikenmuseum der Universität Leipzig beispielsweise, immerhin unter die größten Hochschulsammlungen antiker Kleinkunst in Deutschland zu zählen, hält die Erinnerung mit ihren Exponaten und Veranstaltungen lebendig.

    An der Technischen Universität Chemnitz beschäftigen sich verschiedene Projekte mit dem Thema „Antike und Europa mit besonderer Berücksichtigung der Antikenrezeption“. Auch wenn weder antike Griechen oder Römer bis in die Landstriche des heutigen Sachsens vorgedrungen sind, ihre Ideen, Philosophien und Errungenschaften sind es doch. Denn spätestens seit der Renaissance ist die Antike wieder ein wichtiger Maßstab und bleibt es weit darüber hinaus.

    Was die Ägypter mit Smokey Eyes zu tun haben

    Aber sie ist eben nicht nur Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung und Lehre, sie lebt auch im Alltag immer noch in vielerlei Gestalt weiter. Das morgendliche Make-Up zum Aufhübschen, ein letzter Blick in die Tageszeitung, bevor es raus auf die Straße geht – schon im Verlauf alltäglicher Handlungen gibt es verschiedenste Berührungspunkte mit antiken Errungenschaften.

    Das (Augen-)Make-Up etwa haben die Ägypter erfunden, Smokey Eyes wurden schon vor 6.000 Jahren getragen. Im Zweifelsfall dürfte die kosmetische Verschönerung aber auch bunter ausfallen. Ebenfalls verantwortlich sind die antiken Ägypter für eine Vorläuferversion des Papiers. Zugegeben, mit heutigen Papierprodukten haben die Papyruserzeugnisse von früher nicht mehr viel zu tun. Dafür sind ihre Verwendungszwecke längst nicht so modern, wie man meinen könnte.

    Von Tageszeitungen und Betonbauweise

    Beispiel Tageszeitungen: Das Konzept ist mehr als 2.000 Jahre alt, die Tagesnachrichten kursierten als „Acta Diurna“ bereits im 2. Jahrhundert vor Christus im Römischen Reich – da war Hannibals Karthago gerade erst zerstört worden und niemand dachte daran, dass nur einige Generationen später ein Gaius Julius Caesar die Grundsteine für das römische Kaisertum legen sollte.

    Die im Übrigen aus Beton hätten sein können, denn der heute nahezu überall eingesetzte Baustoff ist ebenfalls eine römische Erfindung – und dürfte mit seiner vielfältigen Verwendung schon damals einen erheblichen Anteil daran gehabt haben, dass Großstädte entstehen konnten.

    Latein ist (k)eine tote Sprache

    Manchmal ist der Kontakt mit der Antike sogar deutlich offenkundiger, wird aber trotzdem kaum so wahrgenommen. Oder denkt noch jemand über die Herkunft des heutigen Alphabets nach, das immerhin aus lateinischen Buchstaben besteht? Natürlich übertragen in eine unfassbare Vielzahl an Sprachen, so dass das Befremden bei der Nutzung „antiker“ Buchstaben beim Verfassen von WhatsApp-Nachrichten ausbleibt.

    Das dürfte sich anders verhalten, wenn die Worte „Lorem ipsum dolor sit amet“ im Spiel sind, allerdings ist ein Stutzen in diesem Fall sogar erwünscht: Hierbei handelt es sich um einen Blindtextes, der von Designern als Platzhalter für den späteren Text etwa in Printvorlagen eingesetzt wird. Trotz aktuellerer Alternativen für Medienschaffende zählt der lateinische Text immer noch als Klassiker unter den Blindtexten und hat nach wie vor immer noch seine Daseinsberechtigung.

    Foto: unsplash.com © Phil Goodwin

    Fremd wirkt „Lorem ipsum“ übrigens nicht nur für diejenigen, die des Lateinischen nicht mächtig sind – für den Effekt des Typoblindtextes reichen nämlich Versatzstücke aus dem aus, was in einer vollständigeren Form als Auszug aus Ciceros Werk „Über die Grenzen des Guten und des Bösen“ erkennbar wäre. Aber letztendlich ist der korrekte Zusammenhang in diesem Fall auch nicht wichtig.

    Völlig anders verhält es sich bei anderen Gelegenheiten, bei denen die Begegnung mit der lateinischen Sprache auch heute noch üblich ist. Juristen können das zum Beispiel bestätigen, denn die Wurzeln des deutschen Rechts liegen im antiken römischen Recht. Deshalb haben viele Begriffe und Wendungen bis in die heutige Juristensprache überdauert – „a priori“, sozusagen. Ähnlich sieht es im medizinischen Bereich aus, wo ein großer Teil der Fachbegriffe nach wie vor aus dem Lateinischen entlehnt ist (neben anderen Quellen wie dem Französischen oder Englischen in der jüngeren Geschichte der Medizin).

    „De facto“ ist Latein aber nicht allein in der Gelehrtensprache weiterhin lebendig, trotz des Rufs, eine tote Sprache zu sein. Lateinische Einflüsse führen diese Zustandsbeschreibung gewissermaßen „ad absurdum“, indem sie sich in alltäglichen Redewendungen oder in Produktnamen zeigen – wenn man nur genau genug hinschaut. Dass Wortgefechte im deutschen Bundestag in lateinischer Sprache geführt werden, steht hingegen nicht mehr zu erwarten.

    Technische Errungenschaften

    Das gilt genauso für die vielen technischen Errungenschaften, die uns heute das alltägliche Leben angenehmer und leichter machen, ihren Ursprung aber in der Antike haben. In architektonischer Hinsicht gehört der schon erwähnte Beton – trotz seiner selbstverständlichen Verbreitung im Alltag – zu den herausragenden Erfindungen der antiken Römer.

    Höher, weiter und komfortabler bauen

    Seit dem 2. Jahrhundert vor Christus konnten Mauern nun einfach mit Hilfe eines Schalenmauerwerks gegossen werden. Dazu erwies sich der leicht zu verarbeitende, aber überaus harte Beton als perfekte Grundlage. Hochbau, mehrstöckige Bauwerke, Tonnengewölbe, Kuppeln: Was heutigen Ingenieuren und Architekten ganz selbstverständlich ist, geht auf die Baukunst der Römer zurück.

    Foto: unsplash.com © Olga Subach

    Dazu gehört übrigens auch ein liebgewonnenes Extra beim Hausbau. Schon die antiken Römer freuten sich über die Vorzüge einer Fußbodenheizung. Die benötigte für den Betrieb natürlich einen größeren Aufwand, sorgte aber mit ihrer Kombination aus Öfen, Röhren und dem so typischen Unterbau aus vielen kleinen Ziegel-Pfeilern, zwischen denen die erhitzte Luft hindurchströmen konnte, schon damals für warme Füße. Zum Einsatz kam die Technik in Wohnhäusern, Bädern und Thermen.

    Die Anfänge der Mechanik

    Während die Römer das Wasser für ihre Bäder und Thermen über Aquädukte in die Städte förderten, hatten die Griechen bereits die Möglichkeit, auf eine Wasserpumpe zurückzugreifen. Niemand geringeres als Archimedes von Syrakus gilt als Erfinder der nach ihm benannten Schraube, deren Funktionsprinzip noch heute in Schneckenförderern zum Einsatz kommt.

    Überhaupt müssen die Griechen der Antike als die Begründer der Mechanik gelten, zumindest was die theoretische und damit wissenschaftliche Auseinandersetzung mit bekannten Maschinen und deren Funktionsweisen betrifft. Auf Basis des erarbeiteten Wissens waren sie dann wiederum selbst schöpferisch tätig, wovon nicht zuletzt der Heronsball zeugt: Die vielleicht erste Dampfmaschine der Geschichte war damals jedoch ein bloßes Spielzeug, das Prinzip der Dampfkraft aber bereits bekannt.

    Kulturelle Errungenschaften

    Vieles an der antiken Kultur erscheint heute befremdlich, vieles bildet aber immer noch die Grundlage unseres heutigen kulturellen Lebens. Dazu muss man nicht erst an die Olympischen Spiele denken. Mathematik und Literaturgattungen haben ihre Anfänge ebenfalls in der Antike und doch nichts von ihrer Aktualität verloren. Je nachdem, wie die frühen Errungenschaften der Antike betrachtet werden, lassen sich daraus auf verschiedene aktuelle Fragen passende Erkenntnisse ableiten.

    Mancher Schüler mag davon zu seinem Leidwesen berichten, wenn wichtige mathematische Grundprinzipien durchgenommen werden. Vermutlich wäre die Begeisterung über den Satz des Pythagoras oder den Satz des Thales noch einmal geringer, wenn diese in den philosophischen Kontext ihrer Entdecker eingebunden würden.

    Das Schulwesen

    Foto: unsplash.com © NeONBRAND

    Übrigens ist es ebenfalls den alten Griechen zu verdanken, dass es überhaupt Schulen gibt. Das Konzept wurde von den Römern übernommen, in einem dreigliedrigen Schulwesen. Sie schickten ihre Kinder im Grundschulalter in kostenpflichtige Privatschulen, wo Lesen, Schreiben und die Grundrechenarten gelehrt wurden.

    Wenn es sich die Familie leisten konnte, schloss sich daran eine Grammatikausbildung in griechischer und lateinischer Sprache an. Das abschließende Studium der Rhetorik diente gleichzeitig der Vorbereitung auf eine politische Karriere. Ohne rhetorische Grundkenntnisse war eine Karriere in der Volksversammlung ziemlich unwahrscheinlich. Politischen Einfluss konnte also nur der gewinnen, der – unter anderem – seine schulische Ausbildung nicht vernachlässigte.

    Philosophie und Mathematik erklären die Welt

    Den antiken griechischen Denkern lagen allerdings, um auf Pythagoras, Thales und ihre „Kollegen“ zurückzukommen, Mathematik und Philosophie sehr nahe. Kaum einer der bedeutenden Gelehrten dieser Zeit beschäftigte sich nur mit einem „Fachgebiet“. Mehr Wissensgebiete bedeuteten schließlich mehr Erkenntnis – und darauf kam es in erster Linie an.

    Die griechischen Philosophen hingegen fanden in der Mathematik mit ihrer unumstößlichen Logik ein wichtiges Hilfsmittel, um sich die Welt und die Ordnung aller Dinge darin zu erklären. Für Pythagoras ergab sich diese Ordnung aus bestimmten Zahlenverhältnissen. Seine Erkenntnis, dass die Summe der Katheten-Quadrate in einem rechtwinkligen Dreieck gleich dem Quadrat der Hypotenuse ist, diente nicht ausschließlich einem praktischen Nutzen, wie er heute von Geometrie und anderen mathematischen Bereichen erwartet wird.

    Der praktische Nutzen bestand vielmehr unter anderem darin, die Umwelt auf ein verständliches, nachvollziehbares Prinzip heruntergebrochen zu haben. Dass man mit diesem Prinzip schon im 6. Jahrhundert vor Christus berechnen konnte, wie hoch eine Leiter sein musste, um ein Dach zu erreichen oder um wirklich rechtwinklige Räume zu bauen, beweist umso deutlicher den praktischen Wert der euklidischen Geometrie – auch wenn das aus Schülerperspektive nicht immer so scheint.

    Foto: pixabay.com © janeb13, CC0 Public Domain

    Die wichtigen Fragen des Lebens

    Abgesehen davon haben die antiken Philosophen, ob sie nun gleichzeitig auch Mathematiker, Physiker oder Astronomen waren, bereits viele grundlegende Themen behandelt, die die Menschen heute noch beschäftigen. Erkenntnisgewinnung, Ethik, die Suche nach Ordnung, Logik, das Sein als solches – sogar den „Back to Nature“-Ansatz haben die griechischen Vordenker bereits vorweggenommen.

    Was nicht gleichbedeutend damit ist, dass sie auch alle drängenden Fragen der menschlichen Existenz beantwortet hätten. Im Gegenteil: Den offenkundigen Widerspruch zwischen freiem Willen und Schicksalsgebundenheit haben die Stoiker etwa der christlichen Theologie als Dauerauftrag hinterlassen und damit auch die wichtige Frage, wie weit jeder für sein eigenes Handeln verantwortlich ist.

    Was Künstliche Intelligenz mit antiker Ethik zu tun hat

    Um die Aktualität dieser Fragen zu erkennen, reicht ein Blick auf die Arbeit der Europäischen Kommission, die sich gemeinsam mit Experten mit Ethikleitlinien für Künstliche Intelligenz befasst. Das klingt nach Science-Fiction und weckt Erinnerungen an Maschinen, deren Programmierung trotz aller Vorkehrungen ein Verhalten nach sich zieht, das mit menschlichen Vorstellungen von Moral und Ethik nichts mehr zu tun hat.

    Und doch ist das Thema, nicht zuletzt wegen des technologischen Fortschritts, präsent – sogar in Bereichen, die schon jetzt oder zumindest in absehbarer Zeit den Alltag bestimmen können. Etwa beim autonomen Fahren und dem moralischen Dilemma, wie die damit betraute Künstliche Intelligenz in kritischen Situationen Menschenleben beurteilen soll. Damit führt der Weg wieder zurück zur Ethik – und in der sind die alten Griechen immer noch ein bestimmender Faktor.

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    Wir sind Helden

    Einfacher wird der Bezug antiker kultureller Errungenschaften zur heutigen Zeit gerade für die jüngeren Generationen beim Gang ins Kino. Nicht allein aus dem Grund, dass es sich dabei letztendlich nur um eine Fortführung des antiken Theaters mit anderen Mitteln handelt. Das ließe sich bei einer richtigen Theateraufführung sehr viel deutlicher aufzeigen.

    Sondern weil hier die Erzählgattungen der Antike in einem überaus populären Medium weiterleben. Der internationale Erfolg von Filmen rund um Superhelden beweist dabei, vielleicht nicht auf den ersten Blick, z.B. die anhaltende Popularität des Helden-Epos. Die für Europa wichtigsten Vorläufer der modernen Interpretationen solcher Epen: die Homer zugeschriebenen Epen Ilias und Odyssee, wie überhaupt der griechische Sagenschatz um Götter, Titanen und Heroen einen reichhaltigen Fundus an Figuren und Archetypen bereithält.

    Natürlich müssen es nicht zwingend die modernen Heldengeschichten sein, um sich das Nachwirken antiker Dichtung vor Augen zu führen. Die griechischen und römischen Dichter der Antike haben schon früh die wichtigsten Literatur- und Theatergattungen geprägt, an denen sich beispielsweise auch heutige Dramen in ihrem Aufbau nach wie vor orientieren. Ohne Versmaß, aber mit derselben Grundstruktur.

    Demokratie: Athen und Rom als Vorbilder der Moderne?

    Die deutsche Demokratie der Nachkriegszeit wird gerne als amerikanisches Verdienst dargestellt und obwohl das in diesem speziellen Fall nicht falsch ist, liegen die Wurzeln der Demokratie im Allgemeinen natürlich sehr viel weiter zurück. Tatsächlich haben griechische und römische Antike ihren Anteil an der heutigen demokratischen Verfassung.

    Was keineswegs bedeutet, dass sich zwischen der antiken und modernen Demokratie eine kontinuierliche Linie ziehen ließe. Die Unterschiede – nicht nur zwischen der attischen, also der in der Polis Athen herrschenden, und der römischen Demokratie – sind dazu in vielen Bereichen doch zu gravierend.

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    Wie demokratisch das antike Athen wirklich war

    Dabei lesen sich die Reform- und Verfassungsbemühungen der Athener (im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus wohlgemerkt) wie die Umsetzung einer Bilderbuch-Demokratie: Eine einheitliche Bürgerschaft innerhalb des Einflussgebiets Athens sollten geschaffen werden, in der der einzelne Bürger deutlich mehr Rechte erhielt im Vergleich zur vorherigen Adelsherrschaft mit ihren Klientelverbindungen. Die jeweiligen Bezirke bildeten einen gesellschaftlichen Querschnitt ab, weitreichende Zuständigkeiten in politischen Entscheidungen lagen bei der Volksversammlung.

    So hat es unter anderem Aristoteles beschrieben – und damit gewissermaßen einen Idealzustand in die Geschichtsbücher gebracht auf dessen Grundlage die attische Demokratie zum Vorbild der modernen erhoben wurde. In der Realität gestaltete sich die „Volksherrschaft“ deutlich eingeschränkter, als es sowohl die tatsächlich angestrebten Verfassungsreformen als auch die zeitgenössische Berichterstattung erscheinen lassen:

    • Das Wahlrecht blieb weiterhin im Ungleichgewicht, weil Steueraufkommen und Vermögen das Gewicht der einzelnen Stimmen beeinflussten.
    • Eine Beteiligung von Frauen an politischen Entscheidungsprozessen war weiterhin nicht vorgesehen.
    • Gemessen an der Gesamtbevölkerungszahl der Polis Athen war der Anteil der wahlberechtigten Bürgerschaft mit etwa einem Fünftel erstaunlich klein.

    Dennoch muss das Bestreben, die Bürgerschaft nach dem Gleichheitsgrundsatz zu solidarisieren, gewürdigt werden. Dass diese Solidarität gleichzeitig zu einer Abgrenzung gegenüber Fremden mit Aufenthaltsrecht und Sklaven führte, ist den Umständen der Zeit geschuldet. Darüber hinaus hat sich die athenische Vorstellung davon, dass politische Entscheidung bestenfalls von einer überschaubaren Anzahl an Personen bzw. Bürgern getroffen werden können, bis heute im Prinzip der indirekten Herrschaftsausübung in modernen Demokratien erhalten.

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    Die demokratischen Elemente der römischen res publica

    In der römischen res publica musste die Bürgergemeinschaft erst durch Ständekämpfe zwischen dem adligen Patriziat und der Plebs. Der Ausgleich zwischen beiden Ständen ermöglichte einen freieren Zugang zu Ämtern, etwa im römischen Magistrat. Ausnahmen waren in Rom wie in Athen Frauen und Sklaven.

    Abgesehen davon war die Verfassung der Römischen Republik ein äußerst komplexes Konstrukt, in dem die Volksversammlung zwar der offizielle Souverän des Staates sein sollte, deren Handlungsfähigkeiten und Recht jedoch an verschiedenen Stellen eingeschränkt waren. In der politischen Realität lag der Einfluss daher auch nach dem ständischen Ausgleich in weitestem Sinne bei der Oberschicht, vertreten durch den Senat.

    Interessanterweise war diese bedeutendste politische Institution der Römischen Republik, die immerhin außenpolitische Belange, die Gesetzgebung, die Finanzverwaltung und die Kontrolle der verschiedenen Ämter regulierte, niemals durch eine Verfassung begründet. Der Senat konnte sich vielmehr auf Gewohnheitsrechte und die auctoritas, das heißt die Würde und Autorität, der einzelnen Mitglieder berufen – für die römischen Bürger, die sich allesamt dem Gemeinwesen verpflichtet sahen, barg diese Tatsache erst einmal kein Konfliktpotenzial.

    Ansonsten wirkten in Rom dieselben Mechanismen wie in Athen:

    • Politischer Einfluss entstand nicht aus besonderen rhetorischen Fähigkeiten, jedenfalls nicht in erster Linie: Hilfreich waren hingegen ausgedehnte Klientelverhältnisse, die den eigenen politischen Ambitionen den notwendigen Rückhalt boten.
    • Überhaupt war ein gesunder wirtschaftlicher Hintergrund überhaupt erst die Voraussetzung, um ein Amt wahrzunehmen: Völlig anders als in heutigen Demokratien, waren die Ämter der Römischen Republik allesamt Ehrenämter, deren – nicht unerhebliche – Kosten die Amtsinhaber selbst zu bestreite hatten.

    Letztendlich bestanden die Elemente der römischen Demokratie innerhalb der Verfassungsstrukturen lediglich neben anderen, die deutlich aristokratisch geprägt waren. Damit waren zwar die Volksversammlung und die Volkstribunen als Vertreter sehr wohl in ein Gefüge gegenseitiger Kontrolle zwischen den einzelnen Institutionen eingebunden, die aktive Rolle spielte aber weiterhin der Senat. Demokratische Verhältnisse nach heutigem Verständnis konnte im antiken Rom niemand erwarten.

    Demokratiebegriff im Wandel

    Was gleichwohl nicht bedeutet, dass die Prinzipien der Gleichheit und Mitbestimmung nicht in der Antike bereits angelegt waren. Nur dürfen bei der Bewertung nicht die Maßstäbe der heutigen Zeit angelegt werden. Das lässt sich am einfachsten am Beispiel des „Bürger“-Begriffs ersehen: Wo ständische Grenzen aufgehoben wurden, diente das Bürgerrecht als Abgrenzungskriterium.

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    Im antiken Rom dauerte es sogar noch bis in das 3. Jahrhundert nach Christus, ehe alle Bewohner des Reichs das Bürgerrecht erhielten. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich allerdings schon längst das wirklich nicht sonderlich demokratische Kaisertum etabliert.

    Mehr als genug Gründe also, sich mit dem Demokratiebegriff und seiner Herkunft auseinanderzusetzen, um ihn richtig in die jeweiligen historischen Zusammenhänge einordnen zu können. Das ist nicht nur in der Rückschau wichtig, sondern gerade in aktuellen Debatten um die „Krise“ der Demokratie. In diesen sollte klar erkennbar sein, was genau jeder Einzelne eigentlich unter dem Begriff versteht.

    Klar ist jedoch und das wieder zeigen die antiken Beispiele: Einfach ist Demokratie mit ihrer Notwendigkeit, die Bedürfnisse und Interessen vieler im Sinne des Gemeinwesens auszugleichen, nie. Trotzdem ist die Demokratie unbestreitbar eine der prägendsten – von vielen – Errungenschaften, die die Antike für den heutigen Alltag und das alltägliche Miteinander hinterlassen hat.

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