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TV-Doku über den Mordfall Sophia Lösche: Von der Polizei allein gelassen

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    Das ZDF-Politmagazin „Frontal 21“ hat eine Dokumentation veröffentlicht, die sich auf ruhige und einfühlsame Weise mit dem Fall der im vergangenen Jahr getöteten Sophia Lösche beschäftigt. In der Doku kommen vor allem Angehörige und Freund/-innen zu Wort, die schwere Vorwürfe gegen die Polizei erheben. Die Rekonstruktion der zeitlichen Abläufe zeigt, dass die Polizei möglicherweise zwei Tage ungenutzt ließ, um die noch lebende Studentin zu finden.

    Lebenslang muss der Mörder von Sophia Lösche ins Gefängnis. So hat es das Landgericht Bayreuth am 18. September entschieden. Der Lkw-Fahrer hatte die 28-jährige Studentin im Juni 2018 nahe Leipzig mitgenommen und während der Reise nach Bayern getötet.

    Bekannte und Angehörige der jungen Frau hatten tagelang nach der Vermissten gesucht. Sie stellten Nachforschungen an, fuhren über Autobahnen, verteilten Plakate – und waren dabei offenbar nahezu auf sich allein gestellt. Die Polizei versagte völlig. Dieses Urteil legt zumindest eine 45-minütige Dokumentation des ZDF-Politmagazins „Frontal 21“ nahe, die Anfang Oktober veröffentlicht wurde.

    Autorin Gesine Enwaldt zeigt darin auf, welche Anstrengungen die Bekannten und Angehörigen unternommen haben, unter anderem um die Polizei in Sachsen und Bayern von der Dringlichkeit zu überzeugen.

    Private Ermittlungen

    Bereits am Donnerstag, den 14. Juni 2018, war für Johannes Lösche, den Vater, demnach klar, dass etwas nicht stimmt, nachdem der telefonische Kontakt seit Stunden abgebrochen war. „Ich habe noch nie erlebt, dass sie nicht erreichbar ist“, so der Vater.

    Am nächsten Tag habe er kurz vor 7 Uhr bei der Polizei angerufen, um Sophia als vermisst zu melden, aber nur die Antwort erhalten, dass sie „irgendwo betrunken“ sein könne. Später besuchte er eine Polizeidienststelle, die Kontakt mit Leipzig aufnahm. Hier fuhren Beamte zur WG der Studentin und stellten fest, dass sie nicht anwesend war. „Das war im Prinzip alles, was an diesem Freitag passiert ist“, sagt Andreas Lösche, der Bruder.

    Während die Polizei offenbar einen ganzen Tag fast untätig blieb, fuhren Bekannte zur Tankstelle in Schkeuditz, von der aus Sophia Lösche starten wollte. Dort redeten sie mit Anwesenden, zeigten Fotos und konnten in Erfahrung bringen, dass die Vermisste hier tatsächlich in einen Lkw gestiegen war.

    Polizei abweisend

    Daraufhin baten sie den Tankstellenbesitzer um Einsicht in die Videoaufzeichnungen, was dieser aus Datenschutzgründen verweigerte. Die Polizei sollte stattdessen die Videos sichten, doch ein Beamter der Polizeidirektion Leipzig habe lediglich gesagt, dass keine Beamten verfügbar seien – und sich angeblich über die Suchenden lustig gemacht und sie als „hysterisch“ bezeichnet.

    Ähnliche Reaktionen erlebten die Bekannten und Angehörigen bei der Polizei offenbar immer wieder. Am Samstag – zwei Tage nach der Entführung – erlebten sie laut eigener Aussage eine Art Wochenendstimmung, verstärkt durch die gerade stattfindende Fußball-WM der Männer. Doch die Polizei in Leipzig zweifelte offenbar nicht nur an der Ernsthaftigkeit der Situation, sondern auch an ihrer Zuständigkeit. Das geht aus den Ausführungen in der Doku hervor.

    Laut dieser starb Sophia Lösche irgendwann zwischen Samstagnachmittag und Sonntagnachmittag. Bis dahin lag sie wohl gefesselt und verletzt im Führerhaus des Lkw. Bereits am Freitag hatten ihre Bekannten das Aussehen des Fahrers und das Kennzeichen in Erfahrung gebracht; später gelang es ihnen nach eigenen Ermittlungen sogar erst mit der Spedition und dann mit dem Fahrer selbst zu telefonieren.

    Ein hoffnungsvolles Ende

    Möglicherweise ließ die Polizei zwei Tage ungenutzt, in denen Sophia Lösche hätte gerettet werden können. Sie fühlte sich „allein gelassen“, sagt eine Cousine in der Doku. Die Suche sei „willkürlich von der Empathie einzelner Polizisten abhängig“ gewesen. Laut „Frontal 21“ will die Polizei das Geschehen „nachbereiten“ und sich vorher nicht im Detail äußern. Klar sei lediglich, dass Zuständigkeiten künftig schneller geklärt werden müssten.

    Die Dokumentation, die auch zeigt, wie Rechte das Verbrechen für rassistische Hetze instrumentalisierten, endet erstaunlich hoffnungsvoll. „Wir haben diese Leute als Geschenk angesehen“, sagt Vater Johannes zum Schluss über Sophias Freund/-innen in Leipzig, die unermüdlich nach ihr gesucht hatten. „Ich habe so eine Dichte der Liebe selten erlebt.“

    Zur Dokumentation beim ZDF 

    42-Jähriger wegen Mordes an Sophia Lösche zu lebenslanger Haft verurteilt

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