18.9 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Kleine Kartografie der Macht – und wie sie sich (scheinbar) verändert

Anzeige

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Anzeige

    Lehrjahre sind keine Herrenjahre, heißt es, und das stimmt auch, denn die Herrenjahre sind die Jahre, in denen regiert wird. In Sachsen ist die CDU seit 29 Jahren an der Macht. In der DDR herrschte die SED 40 Jahre lang. Und in Bayern stellt die CSU seit 62 Jahren den Ministerpräsidenten. Aber das alles ist nichts gegen Delaware County im Bundesstaat Pennsylvania. Dort regierten die Republikaner seit dem Bürgerkrieg. Und das heißt: seit über 150 Jahren.

    Allein 90 Jahre davon wurde die Politik von gerade mal zwei Männern gemacht: von William McClure und seinem Sohn John. Die beiden strammen Republikaner gaben im Bezirk von 1875 bis 1965 den Ton an und formten – wie ein Zeitgenosse schrieb – „eine der korruptesten politischen Seilschaften in der Geschichte Pennsylvanias.

    Aber damit ist es jetzt vorbei. Die Republikaner haben nämlich Anfang November alle fünf Sitze im City Council verloren und auch das Amt des Bezirksstaatsanwalts müssen sie abgeben. Mit anderen Worten: Ab sofort sind in Delaware County die Demokraten am Zug. Und als wäre das nicht schon genug Veränderung, sitzen im City Council fortan auch mehr Frauen als Männer. Und eine davon ist sogar schwarz.

    Den beiden McClures dürfte das Bild von einer schwarzen Frau, die mit demokratischem Parteibuch in Delaware County regiert, nur in ihren schlimmsten Albträumen erschienen sein.

    („William, können Sie sich irgendetwas vorstellen, das passieren müsste, damit Delaware County nicht mehr republikanisch ist?“

    „Sind Sie irre Mann, Nein!“

    „Und Sie, John, können Sie sich…“

    „Hören Sie, das hier ist unser Land! Unseres, verstanden?!“)

    Unseres gewesen, muss es aus Sicht der Republikaner jetzt heißen. Wobei ich mal vermute, dass sich die beiden McClures angesichts der Wahlergebnisse im Grabe umdrehen, und das umso mehr, wenn sie erfahren, dass ihnen ein Republikaner die Suppe eingebrockt hat: Donald-The-Local-Disgrace-Trump.

    Zumindest gehen die Republikaner vor Ort davon aus, dass er es war, der die Leute aus ihrem Lager getrieben und links abbiegen lassen hat. Was freilich die Frage aufwirft, wie derartige Wanderungsbewegungen passieren können, wenn doch – wie ich vergangene Woche an dieser Stelle erzählt habe – die politische Lagerbildung in den USA momentan so unveränderlich ist? (Ich wollte dieses Frage-Fass eigentlich nicht aufmachen und stattdessen darauf vertrauen, dass sich niemand außer mir diese Frage stellt. Aber da sie in meinem Kopf war und inzwischen ja hier auch auf dem „Papier“ steht, kann ich ja mal eine Antwort zu geben versuchen.)

    Also, erstens wandern natürlich auch bei einbetonierten Lagern immer ein paar Leute von einer Partei zur anderen, und in einem Bezirk wie Delaware County, in dem knapp 400.000 Wähler registriert sind, reichen schon ein paar tausend, um die Sache zu drehen. Zumal die Wahlbeteiligung bei 40 % lag – was auf den ersten Blick gering erscheint, in Wahrheit aber außergewöhnlich hoch ist. (Normal sind in den USA bei Lokalwahlen 20–30 %). Es reicht also schon, wenn eine Partei – in diesem Fall die Demokraten – ihre Leute mehr mobilisiert bekommt als die andere, und sei es auch nur, dass sie wählen gehen, um Trump aus der Ferne eins überzubraten.

    Das ist das eine. Zum anderen war Trump in Delaware County noch nie sonderlich beliebt und hat bei den Präsidentschaftswahlen 2016 dort auch nur 37 % geholt. Überhaupt stimmen die Leute in Delaware bei den Präsidentschaftswahlen seit dreißig Jahren immer für den demokratischen Kandidaten, nachdem sie vorher 134 Jahre lang – bis auf eine Ausnahme – ausschließlich die Republikaner gewählt hatten.

    Mit anderen Worten: Es waren die Republikaner vor Ort, die mit ihren alles festzurrenden Seilschaften Delaware County auf lokalpolitischer Ebene über 150 Jahre lang fest in ihrer Hand hielten. Und das mit der Hand sage ich nicht einfach so daher, dann als Richard Nixon 1960 auf großer Wahlkampftour war und durch Delaware County kam, sorgte er dafür, dass seine Fahrzeugkolonne extra am Haus von John McClure vorbeifuhr, ließ seinen Wagen dann vor dem Anwesen stoppen, stieg aus, ging hoch zur Veranda, auf der John McClure saß, schüttelte ihm die Hand und dankte ihm für alles, was er für die Republikaner getan hatte.

    Das klingt nach alten Kamellen, macht aber deutlich, dass jeder Wahlerfolg auch eine historische Dimension hat. Und während die einen oben auf der Veranda stehen (oder sitzen), verändert sich unten, zu ihren Füßen, mitunter die Stimmung. Allerdings nur ganz langsam, so langsam, dass man erst hinterher merkt, wenn sie gekippt ist. Und das muss auch gar nichts damit zu tun haben, dass die Leute plötzlich anders drauf sind, sondern liegt mitunter auch daran, dass es andere Leute sind, die da vor der Veranda herumspazieren (oder mit ihren Autos vorbeifahren).

    Will sagen: Die Bevölkerung in Delaware County hat sich über die Jahre verändert. In dem Bezirk, der direkt an die Stadt Philadelphia grenzt, leben inzwischen mehrheitlich gebildete Leute. Leute mit Uniabschlüssen. Leute, die nur in ihren schlimmsten Albträumen ihr Kreuz bei den Republikanern machen. Zur gleichen Zeit aber, wie Delaware County demokratisch wurde, haben einige Bezirke im Westen von Pennsylvania ihre traditionell demokratische Mehrheit verloren. Die weiße Arbeiterschaft wählt dort inzwischen überwiegend die Republikaner.

    Und so teilen und verfestigen sich die Lager am Ende doch wieder, und nur ihre Anordnung auf der Karte ist neu, denn mit den Wählern sind auch die Lager gewandert. Und auch das sage ich nicht einfach so daher. Denn während in Delaware County die Demokraten nach über 150 Jahren die Republikaner erstmals besiegt haben, ist den Republikanern im Westen von Pennysylvania, in Washington County, ein ganz ähnlicher Coup gelungen. Nach mehr als 100 Jahren demokratischer Herrschaft ist dort die Macht erstmals auf die Republikaner übergegangen.

    Und die Moral von der Geschicht‘? Der Lauf der Dinge ist in Wahrheit nur ein ständiges vor und zurück? Links nach vorn, rechts zurück, rechts nach vorn, links zurück? Gut möglich. Vielleicht dreht sich die Geschichte ja tatsächlich Rochaden ziehend im Kreis. Aber ganz so fatalistisch schaue ich dann doch nicht auf das heilige Histörchen (das mir ohnehin nicht sonderlich nicht heilig ist) – und in meinen Augen ist die Sache für Donald Trump auch nicht so billig zu haben. Eher scheint es mir, dass, wenn die politischen Lehrjahre mit den Herrenjahren in eins fallen, die Gefahr groß ist, dass sich ein Land darüber entzweit.

    Wobei es in manchen Ländern vielleicht auch genau andersherum ist … Aber darüber können sich die Historiker in den kurzen Hosen die Köpfe zerbrechen. Und anschließend in ebenso langen wie drögen Büchern darüber berichten. Ich habe für heute genug gedacht, getan und geschrieben. Ich schnappe mir jetzt meine Angel und gehe runter zum Fluss. Bevor die Schuttschlepper des Tatsachentums von ihren Schreibtischen aufgestanden sind, um Eimer voller Einwände über mir auszukippen, bin ich mit meinem kleinen Boot schon meilenweit stromabwärts getrieben.

    Direkt zum Tagebuch eines Hilflosen.

     

     

    Hinweis der Redaktion in eigener Sache (Stand 1. Oktober 2019): Eine steigende Zahl von Artikeln auf unserer L-IZ.de ist leider nicht mehr für alle Leser frei verfügbar. Trotz der hohen Relevanz vieler unter dem Label „Freikäufer“ erscheinender Artikel, Interviews und Betrachtungen in unserem „Leserclub“ (also durch eine Paywall geschützt) können wir diese leider nicht allen online zugänglich machen.

    Trotz aller Bemühungen seit nun 15 Jahren und seit 2015 verstärkt haben sich im Rahmen der „Freikäufer“-Kampagne der L-IZ.de nicht genügend Abonnenten gefunden, welche lokalen/regionalen Journalismus und somit auch diese aufwendig vor Ort und meist bei Privatpersonen, Angehörigen, Vereinen, Behörden und in Rechtstexten sowie Statistiken recherchierten Geschichten finanziell unterstützen und ein Freikäufer-Abonnement abschließen.

    Wir bitten demnach darum, uns weiterhin bei der Erreichung einer nicht-prekären Situation unserer Arbeit zu unterstützen. Und weitere Bekannte und Freunde anzusprechen, es ebenfalls zu tun. Denn eigentlich wollen wir keine „Paywall“, bemühen uns also im Interesse aller, diese zu vermeiden (wieder abzustellen). Auch für diejenigen, die sich einen Beitrag zu unserer Arbeit nicht leisten können und dennoch mehr als Fakenews und Nachrichten-Fastfood über Leipzig und Sachsen im Netz erhalten sollten.

    Vielen Dank dafür und in der Hoffnung, dass unser Modell, bei Erreichen von 1.500 Abonnenten oder Abonnentenvereinigungen (ein Zugang/Login ist von mehreren Menschen nutzbar) zu 99 Euro jährlich (8,25 Euro im Monat) allen Lesern frei verfügbare Texte zu präsentieren, aufgehen wird. Von diesem Ziel trennen uns aktuell 450 Abonnenten.

    Alle Artikel & Erklärungen zur Aktion Freikäufer“

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige