Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #12

Für alle LeserDas US-Landwirtschaftsministerium hat das Tempolimit abgeschafft. Allerdings nicht auf den Highways, sondern auf den Schlachtebahnen der Fleischindustrie. Bisher war die Zahl der Todesopfer gesetzlich auf 1.106 Schweine begrenzt, mehr durften pro Fließband und Stunde nicht sterben. Aber damit ist es jetzt vorbei. Die Autobahn ist da.

Und keine Sorge wegen der Cops: Ihre Zahl wird um 40 % reduziert. Statt fünf müssen künftig nur noch drei Fleischbeschauer am Fließband stehen. Das haben die vom Ministerium entschieden. Und die Fleischbeschauer müssen folgen. Sonst müssen sie zusehen, wo sie bleiben. Dann ziehen die Leichen ohne sie weiter. Kadergehorsam statt Kadaverkontrolle.

Wobei die Gewerkschaften demnächst Kadaver unter den Kadern befürchten. Wenn die Schlachtungen immer schneller werden, verletzen sich immer mehr Arbeiter, sagen sie. Ach was, sagt das Landwirtschaftsministerium, die Fabriken in den Pilotprogrammen haben 1.295 Schweine pro Stunde und Fließband abgemurkst, an ein bisschen mehr Tempo ist noch keiner gestorben.

Außerdem hat es die Geflügelindustrie vorgemacht. Da läuft der Totentanz seit diesem Jahr auch deutlich schneller ab als bisher. Die Hühnerhenker rocken und racken mit jetzt 175 bpm durch die Fabrik. Was freilich nicht beats, sondern birds per minute bedeutet.

„Maximum slaughter line speed“ heißt das auf Behördenamerikanisch. Nicht zu verwechseln mit „Maximum laughter line speed“, das ist das Showgeschäft. Hier dagegen wird wirklich gestorben. 10.500 Hühner pro Stunde. Und unbegrenzt viele Schweine. Was natürlich Begehrlichkeiten bei den Beefschlächtern weckt. Warum die Zahl der Rinder begrenzen?

Warum überhaupt irgendetwas begrenzen?! Außer die Zahl der Kontrolleure natürlich. Spart allein bei den Schweineschnüfflern 25 Millionen Dollar im Jahr. Das sind Steuergelder. Da können sie sich in Washington ’ne Scheibe von abschneiden und die Schuldenuhr um ’ne Borstenstärke zurückdrehen.

Frei nach dem Motto: Mehr Schnitt beim Kehlenschnitt. Zumal sich die Amerikaner wieder mehr Wurst auf die Schnitten legen. Nur die Gewerkschaften sind noch immer nicht überzeugt. Es drohen Todesfälle auf beiden Seiten, sagen sie. Bisher traf es nur die Seite der Tiere. Das war nicht weiter schlimm. Die Tiere können nichts gegen das Sterben tun. Sie haben schließlich keine offizielle gewerkschaftliche Vertretung.

Das einzig Offizielle, was die Tiere haben, ist die durchschnittliche Geschwindigkeit, mit der man ihnen am Fließband die Hälse in Richtung Jenseits dreht. Oder die Kehlen durchschneidet. Der Totentanz wird jedenfalls umfassend protokolliert. Die Moderne zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass sie die Zahl der Toten auf das Genaueste erfasst.

Beim Geflügel sind es landesweit momentan 131 Vögelchen, die pro Minute und Fließband das Singen einstellen. Da gibt es nichts zu verstecken, das ist alles ganz transparent. „Die Kontrolleure des Landwirtschaftsministeriums und die Arbeiter können die aktuelle Geschwindigkeit des Fließbandes an dem digitalen Display direkt neben der Ausweidestation ablesen.“

Ja, die großen Fleischfabrikanten verstehen es, den Politikern ihre Wünsche schmackhaft zu machen. Und die nicht ganz so leckeren Sachen unter den Knochenteppich zu kehren. Eine der Schweineschnitzel-Pilotfabriken hatte nämlich fünf Amputationen oder andere schwere Unfälle zu verzeichnen. Und das in nur vier Jahren.

Aber wo gehobelt wird, da fallen Späne, und wo gemessert wird, da kommen nun mal Extremitäten abhand. Und hey, was sind schon fünf Arme oder Beine gegen elfeinhalb Millionen Schweine, die man pro Jahr zusätzlich über die Schlachtbahn schicken kann? Außerdem gibt das den Tierschützern die Möglichkeit, im Schweinsgalopp auf den großen Zug aufzuspringen und sich mithilfe des Schlachtviehs als Retter der Menschheit zu inszenieren.

Haben deshalb auch gleich Klage bei einem Gericht in New York eingereicht. Sieht auf den ersten Blick nach ’nem Weihnachtsgeschenk für die Anwälte aus. Sind in Wahrheit aber nur die typischen Reaktionen einer erschütterten urbanen Elite.

Dabei weiß jeder, dass die Städte ihren Anfang an dem Tag nehmen, an dem „die Wände des Schlachthauses emporwachsen, um Blut und Blutgeschäft, Tierschreie, Gerüche und Schmutz vor Bewohnern abzuschirmen, die gegen die Wirklichkeiten des Landlebens schon empfindlich sind.“ Will sagen: „Die Bessergestellten wohnen so weit als möglich von der konzentrierten Schlächterei entfernt.“ Aber keine Sorge. Die Autobahn verbindet uns alle.

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