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Juliane Nagel: Es braucht keine Straßennamen zur kritischen Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit!

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    Im Rahmen der Stadtratssitzung am 9. Juli 2020 beantwortete der Verwaltungsbürgermeister Ulrich Hörning auch die Einwohneranfrage zur Umbenennung der Ernst-Pinkert-Straße und -Schule. Er schloss die Beantwortung mit der Darlegung seiner persönlichen Meinung. Demnach hätte die Benennung von Straßen oder öffentlichen Einrichtungen auch nach Persönlichkeiten mit problematischen Einstellungen eine pädagogische Wirkung und würde die kritische Auseinandersetzung fördern. Eine Auffassung, der die Linke-Stadträtin Juliane Nagel deutlich widerspricht.

    Aufarbeiten ist keine Last

    Juliane Nagel

    Natürlich ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte essentiell und ein Prozess, der niemals abgeschlossen sein wird. Was wir in der Gegenwart als gängige Sichtweise und Praxis anerkennen, kann durch nachfolgende Generationen infrage gestellt und verworfen werden. Genauso werden rassistische Praxen, die vor hundert Jahren normal und gängig waren, heute zu Recht kritisiert und bekämpft.

    Wir sind jetzt an dem Punkt angekommen, an dem eine wichtige Wurzel des Rassismus mehr denn je sichtbar gemacht wird: die Kolonialzeit und die Spuren, die sie auch in Leipzig hinterlassen hat. Diese Debatte ist auch Konsequenz der „Black lives matter“-Bewegung. People of color fordern ein, dass ihre Perspektive endlich wahrgenommen und gewichtet wird. Diese Perspektive betrifft nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Geschichte und die Geschichtsschreibung.

    Ich stimme Ulrich Hörning zu, dass ‚Handlungen von Menschen immer im jeweiligen Zeitzusammenhang gesehen und entsprechend historisch eingeordnet werden müssen‘. Doch in der Frage der Konsequenzen, die daraus gezogen werden sollten, widerspreche ich ihm. Es ist notwendig, dass wir infolge einer kritischen Debatte zum dem Schluss kommen, dass Straßen oder Schulen umbenannt werden, weil wir mit den Denkweisen dieser Zeit gebrochen haben. Diese Auffassung vertrete ich in Bezug auf Ernst Pinkert.

    Dessen Menschenausstellungen und Völkerschauen waren weder im 19. Jahrhundert zu dulden noch sind sie es jetzt; sie waren und sind menschenverachtend. Um dieses Kapitel aufzuarbeiten, bedarf es keiner Straße oder Schule, die nach dem Zoogründer benannt ist. Es braucht eine aktive Aufarbeitung und Sichtbarmachung; vor allem durch den Leipziger Zoo.

    Infolgedessen sollten auch die dortigen exotischen Abendveranstaltungen auf den Prüfstand gestellt werden, in deren Rahmen beispielsweise der Kontinent Afrika und seine Bewohner/-innen vorgeführt und entmenschlicht werden. Das Leid, das die westliche Welt dort angerichtet hat, wird zu „exotischen Klängen“ unter den Teppich gekehrt.

    Aufarbeitung ist keine Last, sondern bietet vor allem eine Chance zur Förderung und Anerkennung von Vielfalt, Toleranz und Humanismus und leistet somit einen Beitrag im Kampf für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft“, heißt es in der Begründung zum Antrag meiner Fraktion.

    Damit fordern wir die kritische Verankerung der Leipziger Kolonialgeschichte in die Erinnerungskultur der Stadt. In diesem Zuge sollte auch die Benennung der Ernst-Pinkert-Straße ernsthaft in Erwägung gezogen werden. Von der Stadtverwaltung erwarte ich, dass sie den ersten Schritt mit der Anbringung einer Erläuterungstafel geht. Wünschenswert wäre es, wenn die Ernst-Pinkert-Schule die Debatte intern mit der Schüler/-innenschaft beginnt.

    Ich danke Hanne Tijmann, die mit ihrer Einwohneranfrage einen Stein für die lokale Debatte ins Rollen brachte.

    Die „Völkerschauen“ und Ernst Pinkert im Zoo Leipzig – wann und wo erfolgt die Aufarbeitung?

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    9 KOMMENTARE

    1. Druschba liebe Genossen Kommentatoren,

      um eurer umfassendes Wissen der anerkannten Führer des Kommunismus geht es hier doch gar nicht. Weder um die Umbenennung der Karl-Marx-Universität, noch um die Umbenennung der Ernst-Thälmann-Schule.

      Ich vermute es geht eher um Diskussion rund um das Thema Kolonialzeit (entnommen aus dem Titel) in Verbindung mit einem zeitgenössischen Eventmanager / Wirte.

      Wenn nach Herrn Pinkert, der bei der Zurschaustellung von Tier und Neger nicht sauber unterscheidet, eine Schule benannt ist, könnte dies auf einen-e NegerschülerInnen? bei der Recherche über den Namensgeber der Anstalt Befremdlichkeiten wecken.

      Ein bißchen mehr Forschung zum System Zoo und Humanismus könnte sicher nicht schaden. Das lückenhafte, bräßig langweilige Buch vom Hofschreiberling des gegenwärtigen Leipziger Zoowirts kann man sich dabei getrost sparen.

      Wie verläuft diese Kolonialzeitdebatte in Hamburg, der Stadt des Förderers und Freundes Pinkerts – Carl.H.?

      Aber herrje was wäre Leipzig nur ohne seine Zoodirektoren in allen Straßenverzeichnissen? Halle?

      Bei der Gelegenheit nehme ich persönlich (jede Nacht links neben dem Affenhaus – Sie wissen schon) Vorschläge entgegen welche Straße in Leipzig in die „Johannes Gebbing Straße“ umbenannt werden sollte, oder warum auch nicht.

      Bis später.
      All live mattters.

    2. Tatsächlich interessant der Verlauf. Für die Möglichkeit das Thema mit verschiedenen Sichtweisen mit offenem Ausgang zu diskutieren , zumal der eigene Artikel ja schon einem Richtung vorgab, möchte ich mich bei der Liz bedanken. Ich bin positiv überrascht.

    3. In Potsdam am der S-Bahnhof stand im Juni ein Spruch “ Der Kapitalismus ist der Virus“ Dieser wurde übersprüht und mit einem ANTIFA-Logo signiert. So viel zur Entfernung der Linken von ihren Wurzeln.

    4. Im Übrigen sollte die Partei mal Frau Nagels Ernsthaftigkeit zur Corona-Pandemie zur Diskussion stellen.
      Eine Einmal-Mundnasenmaske, tagelang wie ein Accesoire am Hals hängend getragen, mit Rotweinklecksern aus einer Connewitzer Szenekneipe in der Bornaischen Straße, wird wohl niemanden vor dem Virus schützen…

    5. Karl Marx:
      Das Judentum sei „ein allgemeines gegenwärtiges antisociales Element. In der jüdischen Religion liege „die Verachtung der Theorie, der Kunst, der Geschichte, des Menschen als Selbstzweck“. Selbst „das Weib wird verschachert“.

    6. Ernst Thälmann:

      „Mein Volk, dem ich angehöre und das ich liebe, ist das deutsche Volk, und meine Nation, die ich mit großem Stolz verehre, ist die deutsche Nation, eine ritterliche, stolze und harte Nation. „

    7. Die Diskussion zu Pinkert erinnert mich an Diskussion zum Abriss des Ernst-Thälmann-Denkmals in Berlin. Thälmann hatte im Gegensatz zu Pinkert, der nur Mitläufer seiner Zeit war, aktiv eine kommunistische Diktatur in Deutschland errichten wollen. Das Thälmann Denkmal ist in Relikten in Berlin noch vorhanden. Liebe Linke fasst euch erstmal an die eigene Nase bevor ihr mit dreckigen Fingern auf Mitläufer historischen Zeitgeistes zeigt.

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