Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #39

Für alle LeserEhrlich gesagt denke ich nicht lange nach, bevor ich zu schreiben beginne, mache mir nie ein Konzept und hoffe, dass sich die Dinge während des Gepinsels irgendwie fügen und mir eine Geschichte erzählen, die ich bis dahin nicht kannte. Alles andere wäre auch furchtbar langweilig. Würde ich wissen, worauf die Sache hinausläuft, hätte ich weder die Lust noch die Kraft zu beginnen.
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Beim Tagebuchschreiben ist das allerdings nicht ganz so einfach, allein schon wegen der vielen Zahlen, Namen und Fakten, die zu verballern ich schlichtweg nicht angetreten bin. Die Empirie lehrt schließlich, wenn man sie ernsthaft betreibt, jedem das Fürchten, was freilich auch ihr gutes Recht ist, denn die ollen Griechen haben in der Wurzel des Wortes nicht umsonst den Begriff „Wagnis“ (peira) versteckt, was dankenswerterweise aber auch „Versuch“ heißen kann, und um mehr soll es hier auch gar nicht gehen.

Es gibt allerdings ein Wagnis, das ich nicht eingegangen bin und das ich auch gar nicht erst versucht habe. Es hätte darin bestanden, dieser Präsidentschaft und dem ganzen Rundrum mit den Mitteln der Buntschriftstellerei zu begegnen. Mit anderen Worten: Es hätte tägliche Nachrichten aus dem Bereich „Vermischtes“ gegeben.

Ein putziger Strauß voller Miszellen, blumig ausformuliert und täglich frisch ins digitale Dashboard gestellt, leuchtend und hell – wer würde sich da um das Haltbarkeitsdatum der Stilblüten kümmern? Sind Tagebücher nicht per se Vergangenheitsbeschreibungen der Gegenwart?

Na, wir wollen mal nicht zu philosophisch werden, denn die Poikilographie – wie der gemeine Literaturwissenschaftler die Buntschriftstellerei nennt, um ihr zumindest terminologisch den Anstrich antiker Kunst und Kultur zu verleihen – taugt weiß Gott nicht zur ewigen Weisheit, eher wirft das aufgemischte Miszellchen ein Schlaglicht ins dunkle Dräuen des Tages.

Diejenigen – und damit endlich zum Thema und rein in den Gemischtwarenladen – diejenigen also, die ich (nur hier und auch nur heute) zu beleuchten gedenke, sind die Briefkästen tausender amerikanischer Hobbygärtner und Farmer. In denen finden sich nämlich seit letzter Woche vermehrt große, dicke Umschläge. Allerdings enthalten die nicht die sehnsüchtig erwarteten Corona-Schecks der Regierung, sondern Päckchen mit Sämereien.

Das wäre an sich nicht der Rede wert, hätten die Freunde des grünen Daumens das Saatgut bestellt. Haben sie aber nicht. Und die Tatsache, dass die Etiketten auf den Umschlägen mit chinesischen Schriftzeichen bedruckt sind und – ganz oben links in der Ecke – „China Post“ steht, macht die Sache nicht eben besser.

Das heißt: ziemlich verdächtig. Und zwar so verdächtig, dass sich die Ackersleute statt auf den Traktor ans Telefon gesetzt und die örtlichen Behörden angerufen haben, um zu erfahren, ob die Sache nicht vielleicht doch Teil irgendeines Handelsdeals mit China war, von dem sie nichts wussten. War sie aber nicht.

Zumindest waren (und sind) die Behörden genau so ratlos wie die Bauern. Immerhin: Da die Beamten durch Corona Übung im Verfassen von Warnhinweisen haben, war zumindest dieser Teil schnell erledigt. Wobei die Warnungen von „Nicht anfassen!“ über „Hände waschen!“ bis hin zu „Bloß nicht aussäen!“ reichen.

Aktuell werden die Samen untersucht und sämtliche Außendienstmitarbeiter der lokalen Landwirtschaftsbehörden zum Sämereien-Einsammeln abkommandiert. Ein paar von ihnen müssen freilich den Spaten mitnehmen, denn einige Dödel haben das verdächtig nach Pekingente riechende Saatgut (bzw. Saat-gar-nicht-gut) tatsächlich in den geheiligten amerikanischen Boden gelegt. Frei nach dem Motto: Corona hin, Chinesenvirus her – wer Windröschen sät, wird keine Sturmblumen ernten.

Da aktuell niemand mit Sicherheit sagen kann, ob es sich bei der ganzen Sache um eine florale Flachserei oder eine Form biologischer Kriegsführung handelt, ist inzwischen auch das Heimatschutzministerium eingeschaltet worden. Und auch das in Washington sitzende Landwirtschaftsministerium ist an der Sache dran, und zwar in Form des für der(un)artige Dinge zuständigen Animal and Plant Health Inspection Service (A.P.H.I.S).

Der wurde kurzerhand zur zentralen Anlaufstelle fürs allgemeine Saatgutwirrwarr erklärt und hat bei der Gelegenheit – na klar – auch gleich noch einen Warnhinweis formuliert: „Bitte bewahren Sie Ruhe“ – wäre ein guter erster Satz gewesen, stattdessen heißt es „Bitte bewahren Sie die Sämereien, die Verpackungen und den Briefumschlag auf.“ Und zwar solange „bis Sie jemand vom Landwirtschaftsministerium Ihres Bundesstaates oder von A.P.H.I.S kontaktiert und Ihnen weitere Informationen zukommen lässt.“

Was schon fast nach einem Agententhriller klingt. Oder nach Corona, nur dass es diesmal die Pflanzen sind, die in Quarantäne geschickt werden. Die Plant Protection and Quarantine Einheit ist jedenfalls aktiviert. Sie ist eine von sechs operativen Einheiten von A.P.H.I.S. und hat den Kampf gegen die klandestinen kommunistischen Keimlinge aufgenommen.

Und als Empfehlung auf Youtube: Don Winslow Films – #AmericasGreatestMistake

Natürlich haben die Leute von der P.P.Q auch einen Warnhinweis formuliert. „Säen Sie keine Samen unbekannter Herkunft aus!“, heißt es da. Was einerseits zu spät und andererseits selbstredend ist, denn ohne die Pflanzenschutz-Einheit darf in den USA überhaupt gar nichts ausgesät werden, was nicht vorher von ihr begutachtet worden ist, schließlich gilt es, Krankheiten und Schädlingsbefall zu stoppen und das Ausbreiten von Neophyten und giftigen Pflanzen zu verhindern.

In diesem Fall aber geht die Sache noch weiter, denn selbst wenn sich die Sämereien als handelsübliche amerikanische Sorten entpuppen (bisher wurden u. a. Senfsamen, Kohl und Rosmarin identifiziert), ist es das erklärte Ziel der Behörden, ausnahmslos alle Päckchen zu konfiszieren und auch das letzte Samenkorn wieder auszubuddeln, denn es besteht die Gefahr, dass sich intrazelluläre Krankheitserreger in den Samen verbergen. Trojanische Pferde in Miniaturformat, sozusagen.

Wobei die ganze Angelegenheit womöglich gar keine Kriegslist, sondern eine kommerzielle Guerillaaktion ist. Die Polizei in Whitehouse/Ohio (der Name allein ist schon irre genug) vermutet jedenfalls, dass die Tütchen Teil einer Betrugsmasche sind, die sich „brushing fraud“ nennt.

Inzwischen glauben auch andere, dass sich eine ausgeklügelte Betrügerei darin versteckt, zumal mittlerweile auch außerhalb der USA solche Samenpäckchen aufgetaucht sind. Auch in Deutschland haben einige Leute Post bekommen. Auf Nachfrage beim Bundeslandwirtschaftsministerium hieß es, man solle sich an den Pflanzenschutzdienst wenden und die Samen auf keinen Fall in den Biomüll werfen, denn dort könnten sie auskeimen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium betrachtet die Angelegenheit also offenbar (noch) nicht als Werbeaktion, sondern als eine Form des organisierten Wildwuchses, dem Einhalt geboten werden muss.

Dabei ist die Betrugsmasche den (internationalen) Behörden seit fünf Jahren bekannt. Die Sache ist jedenfalls ebenso simpel wie verboten: Ein Anbieter beauftragt einen Mittelsmann (den sogenannten „brusher“), sich die Adressen von Leuten zu besorgen. Der Mittelsmann legt dann unter dem Namen dieser Leute ein Konto bei eBay, Amazon oder Google an und bestellt in ihrem Namen die Produkte des Anbieters. Der Anbieter verschickt daraufhin leere Umschläge oder irgendwelche billigen Produkte (z. B. Saatgut) an die entsprechenden Adressen.

Da die Sendungen ankommen und die Empfänger damit als verifiziert gelten, kann der Mittelsmann in ihrem Namen positive Rezensionen zu den Produkten des Anbieters verfassen. Das bringt dem Mittelsmann Geld und den Anbieter bei den Suchergebnissen auf den entsprechenden Plattformen nach oben, wodurch seine Sichtbarkeit im Netz erhöht wird, was ihm wiederum Geld bringt. Und dies umso mehr, als dass in der Regel niemand prüft, was in den Paketen tatsächlich drin ist. Kein Wunder, dass viele der Samenpäckchen in den USA als Schmucksendungen deklariert waren.

Im Grunde handelt es sich bei der Betrugsmasche also um eine Form der Buntschriftstellerei, die die Blumen des Bösen für ihre Zwecke benutzt. Ein putziger Strauß Vermischtes bildet die Grundlage der ganzen Nummer. Er wird in Form selbst verfasster Rezensionen blumig ausformuliert und täglich frisch ins digitale Dashboard von eBay, Amazon oder Google Shopping gestellt, wobei das Haltbarkeitsdatum völlig egal ist, denn während die konfiszierten Sämereien in irgendeiner dunklen Asservatenkammer verrotten, sind die Jubelberichte über den herrlichen Schmuck auf ewig zu lesen.

Ob derartige Werbemethoden angesichts der Überwachungsmöglichkeiten des FBI eine gute Idee sind, scheint mir zwar eher zweifelhaft. Aber vielleicht ist die Sache mit dem Werbetrick ja selbst nur ein Trick – eine Art Sicherungsnetz, das immer dann aufgespannt wird, wenn das dahinterstehende Vorhaben aufzufliegen droht. Jedenfalls dürfte es eine ganz schöne Stange Geld gekostet haben, tausende Päckchen mit Sämereien zu füllen und sie von China aus per Luftpost in die USA zu schicken. Oder nach Deutschland. Oder in andere Länder.

Die chinesische Regierung gibt jedenfalls vor, mit der ganzen Sache nichts zu tun zu haben. Aber das machen die immer. Und auch sonst hat sich bisher niemand zu dieser seltsamen Form von Sendungsbewusstsein bekannt. Die Sache muss also bis auf Weiteres unaufgeklärt bleiben. Aber das soll mir nur recht sein. Die Linien müssen am Ende nicht immer zusammenlaufen. Unser Leben besteht ja geradezu darin, lauter lose Enden in den Händen zu halten und zu hoffen, dass sie sich in irgendeiner geheimen Ferne verknüpfen.

Alle Auszüge aus dem „Tagebuch eines Hilflosen“.

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Kerstin Köditz, MdL Die Linke (Archiv 2017, Landesparteitag). Foto: L-IZ.de

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