These #21: Lieber alle am Ball statt Opernball.

Für alle LeserWir finden es ungerecht, dass (nicht nur) wir trotz Rekordeinnahmen im Steuer- und Abgabenbereich jährlich um jeden Cent kämpfen müssen. Für manche ist er das absolute Highlight des Jahres: Der Opernball. Glanz, Glamour, feinste Speisen, roter Teppich, Promifaktor, sehen und gesehen werden. Doch gerade dieser zur Schau gestellte Überfluss mit dezenter „Was-kostet-die-Welt?“-Attitüde macht ihn für unsere aktuelle These zu einem treffenden Symbol.

Wir wollen einladen – nicht zum Opernball – aber zum Nachdenken über das Thema Soziale Ungleichheit. „Sind die Ressourcenausstattung oder Lebensbedingungen von bestimmten Gruppen so beschaffen, dass sie regelmäßig bessere Lebens- und Verwirklichungschancen als andere haben, so spricht man von sozialer Ungleichheit.“, definiert die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) diesen Begriff (1).

Krisen wie die Corona-Pandemie machen derartige Ungleichheiten oft besonders deutlich sichtbar. Zum Beispiel in der Leipziger Kulturszene. Zwar musste auch der hiesige Opernball für dieses Jahr abgesagt werden, doch braucht man sich um das Fortbestehen keine Sorgen zu machen. Während der Kartenvorverkauf für den Opernball 2021 bereits läuft, kämpfen die Clubs der freien Szene ums blanke Überleben. Das noch immer geltende Tanzverbot zieht ihnen den Boden unter den Füßen weg.

In Eigeninitiative haben sich zehn Clubs – wie z.B. Moritzbastei, Werk II, Distillery oder IfZ – zusammengeschlossen und eine Soliticket-Aktion gestartet (2). Sterben die Clubs, stirbt auch für viele – vor allem junge Menschen – die Möglichkeit an kultureller Teilhabe. Dieses Signal ist inzwischen auch im Leipziger Stadtrat angekommen. Mitte Juli wurde dort – ohne Gegenstimme – beschlossen, ein Soforthilfeprogramm über 200.000 Euro zu prüfen (3). Wird das reichen? Und: Wie viel kostet eigentlich so ein Opernball?

Apropos Kosten. Kartenpreise zwischen 220 und 687 Euro bilden für viele Leipziger*innen eine nur schwer überwindbare Zugangsbarriere (4). Kleiner Kontrast: Der Regelsatz beim Arbeitslosengeld II („Hartz IV“) liegt bei 432 Euro im Monat. Der darin enthaltene Bedarf an „Freizeit, Unterhaltung, Kultur“ beträgt 41,43 Euro (5). Damit ist höchstens ein Abend im Club drin – falls dieser die Krise überlebt.

In einer brandaktuellen Studie hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) herausgefunden: „Die reichsten Deutschen sind noch viel reicher als bisher angenommen – und sie besitzen einen viel größeren Anteil am Gesamtreichtum des Landes.“ (6) Demnach haben die reichsten 10 Prozent der Deutschen 64 Prozent des Gesamtvermögens im Geldsäckel.

Ein hartes Stück Arbeit also für die Sozialpolitik, deren primäres Ziel es laut Wikipedia ist, „die soziale Lage benachteiligter Gruppen zu bessern, insbesondere durch eine Angleichung der Lebenschancen und Existenzbedingungen. Übergeordnetes politisches Ziel ist die Integration ärmerer Bevölkerungsgruppen in die Gesellschaft und damit die Stabilisierung der Gesellschaftsordnung.“ (7).

Die soziale Lage benachteiligter Gruppen zu verbessern, ist auch Inhalt unserer täglichen Arbeit. Unsere Streetworker*innen erleben dabei hautnah, was es bereits für Kinder und Jugendliche aus einkommensärmeren Familien bedeutet, von großen Teilen der (kommerziellen) Angebotsstruktur quasi ausgeschlossen zu sein. Und es macht uns ungehalten, dass gerade solche politischen Entscheidungen immer wieder in die Ferne gerückt werden, die für die 90 Prozent der nicht so vermögenden Menschen ein echter „Game Changer“ sein könnten.

Wann also kommt endlich das Bedingungslose Grundeinkommen (8)? Warum ist das 365-Euro-Ticket der LVB nicht schon längst in trockenen Tüchern (9)? Und wann werden pflegerische und soziale Berufe mit ihrer (nicht nur) in Krisenzeiten erwiesenen gesellschaftlichen Relevanz endlich vollkommen selbstverständlich so bezahlt, dass sich der Respekt auch in Zahlen ausdrückt? Es muss dann auch niemand mehr auf den Balkon zum Klatschen. Versprochen.

Quellen:

(1) Definition Soziale Ungleichheit:
https://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138379/soziale-ungleichheit

(2) Solitickets für Clubszene:
https://www.tixforgigs.com/Event/34722/club-soliticket-soli-ticket-fur-die-leipziger-clubszene-leipziger-clubs-und-spie

(3) Soforthilfe für Clubszene:
https://www.l-iz.de/politik/leipzig/2020/07/Der-Stadtrat-tagt-Leipzig-will-seine-Clubs-retten-Video-340271?highlight=clubs

(4) Kartenpreise Opernball:
https://leipziger-opernball.com/karten

(5) Regelsatz Hartz IV:
https://www.lpb-bw.de/regelsatz-hartziv

(6) DIW-Studie Reichtum:
https://www.l-iz.de/politik/kassensturz/2020/07/Wie-riesige-Vermoegen-dem-reichsten-Prozent-gewaltigen-politischen-Einfluss-verschaffen-340195

(7) Sozialpolitik Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialpolitik

(8)Bedingungsloses Grundeinkommen:
https://www.l-iz.de/tag/Grundeinkommen

(9) 365-Euro-Ticket:
https://www.l-iz.de/tag/365-Euro-Ticket

(10) Einkommen systemrelevante Berufe:
https://www.l-iz.de/politik/kassensturz/2020/05/Gerade-in-systemrelevanten-Berufen-sind-die-Monatseinkommen-deutlich-unterm-Durchschnitt-329484?highlight=einkommen

Alle Links zuletzt aufgerufen am 30.07.2020 um 19:20 Uhr.

Infos zur Thesen-Aktion: Anlässlich seines 25-jährigen Bestehens hat der Mobile Jugendarbeit Leipzig e.V. einen Kalender mit 25 Thesen aus der Praxis zusammengestellt. Diese beziehen sich auf aktuelle Gegebenheiten und Entwicklungen in Gesellschaft und Jugendarbeit, auf die die Streetworker des Vereins in ihrer täglichen Arbeit stoßen. Die Thesen sollen zum Nachdenken und zur Diskussion anregen – und im Idealfall den Anstoß für einen Veränderungsprozess geben.

Mehr Infos zur Mobilen Jugendarbeit Leipzig e.V.:
www.kuebelonline.de

These #20: Soziale Arbeit ersetzt niemandem die Übernahme sozialer Verantwortung.

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Was die Student/-innen der Uni Leipzg als belastend empfinden. Grafik: StuRA der Uni Leipzig

Grafik: StuRA der Uni Leipzig

Für alle LeserCorona zwingt in allen Bereichen zum Umdenken, auch an den sächsischen Hochschulen. Denn auch die waren nicht wirklich darauf vorbereitet, dass ein Coronavirus den klassischen Hochschulbetrieb mit Massenvorlesungen, Seminaren und anderen Präsenzveranstaltungen völlig aushebeln würde. Früher, als es nicht einmal das Internet gab, hätte so eine Pandemie den Hochschulbetrieb völlig zum Erliegen gebracht. Aber auch heute ruckelt und rumpelt es noch, wie der StuRa der Uni Leipzig feststellt.