Eigentlich kein Rätsel: Warum ultrakonservative Christen in den USA einen Mann wie Trump wählen

Für alle LeserAm Dienstag, 3. November, ist der offizielle Termin der Präsidentschaftswahlen in den USA, auch wenn schon Millionen Amerikaner gewählt haben. In den letzten Wochen haben Donald Trump und Joe Biden noch einmal richtig Volldampf gegeben in ihrem Wahlkampf. Aber für die beiden Kandidaten im amerikanischen Wahlkampf um die Präsidentschaft, Donald Trump und Joe Biden, lohne es sich kaum, Wähler umstimmen zu wollen, meinen zwei Leipziger Soziologen.
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Denn diese Ansicht vertreten die Wissenschaftler Dr. Alexander Yendell und Prof. Dr. Gert Pickel von der Universität Leipzig. Der Soziologe und der Religionssoziologe haben in einem Beitrag für den Blog des Research Centre Global Dynamics (ReCentGlobe) der Universität Leipzig das Wahlverhalten der US-Amerikaner analysiert.

Im Interview erklärt Gert Pickel, warum ultrakonservative Evangelikale dabei eine wichtige Rolle einnehmen.

Gert Pickel über das Wahlverhalten der US-Amerikaner

Sowohl Donald Trump als auch Joe Biden scheinen sich in ihrer Wahlkampfstrategie vor allem auf die ihnen bereits zugeneigten Wähler zu konzentrieren. Warum könnte sich diese Strategie lohnen, die viele andere Gruppen ausschließt?

Aus unserer europäischen Sicht scheint das kaum verständlich. Aber man muss sich vor Augen halten, dass es in den USA ein komplexes Zwei-Parteien-System mit langer Tradition gibt. Viele Familien wählen seit Generationen die gleiche Partei, also entweder Demokraten oder Republikaner. Und die bleiben dann auch unter immer wieder wechselnden Umständen fest bei ihrer Partei.

So lohnt es sich für die beiden Kandidaten also weniger, neue Gruppen von Wählern zu erschließen, als die bereits potentiell zugeneigten Personen zu mobilisieren – vor allem, da die Wahlbeteiligung in den USA oft nur knapp über 50 Prozent liegt. Da gilt es, die eigenen Leute an die Wahlurne zu bekommen.

Donald Trump fokussiert sich stark auf evangelikale Christen, die immerhin 23 Prozent der Wähler in den USA ausmachen. Kann er auf ihre Unterstützung setzen?

Die amerikanischen Evangelikalen sind nicht vergleichbar mit den moderaten Christen, die wir aus Deutschland kennen. Sie sind sehr konservativ. Meistens sind sie gegen Migration, gegen Abtreibung und gegen „zu viel“ Modernisierung – vor allem, was sogenannte klassische Geschlechterrollen angeht. Daraus ergibt sich traditionell eine starke Verbundenheit mit den Republikanern. Liberale Demokraten lehnen sie ab. Bei einem USA-Besuch sagte mir mal einer, er halte Demokraten aus New York für den Teufel.

Trump ist zwar Republikaner, aber auch ein geschiedener Mann, der sein Geld unter anderem mit Casinos verdient hat, ein öffentlich bekannt gewordenes Verhältnis zu einem Pornostar hatte und früher für Abtreibung war. Was sehen evangelikale Christen in diesem Mann?

Bei seiner ersten Kandidatur 2016 war das tatsächlich eine Problemlage, weil Donald Trump bekanntermaßen keinen sehr religiösen Lebensstil pflegt. Da haben viele amerikanische Christen Kandidaten wie Ted Cruz, einen konservativen Baptisten, bevorzugt. Allerdings hat Trump Evangelikalen seitdem viele Angebote gemacht.

Er zeigt sich nun öfter mit einer Bibel, trat auf den Demonstrationen von Abtreibungsgegnern auf, und vor allem nominierte er mit Amy Coney Barrett eine strenge Katholikin für den Obersten Gerichtshof der USA. Streng christliche Wähler sehen also, dass sie etwas bekommen, wenn sie ihn wählen – anders als bei Joe Biden.

Wir stellen uns Evangelikale vermutlich oft als Weiße vor, aber es gibt auch viele evangelikale Latinos. Auch ein Großteil von ihnen unterstützt Trump, obwohl er Immigranten aus Lateinamerika regelmäßig abwertet. Ist Religion hier für einige wichtiger als Nationalität oder Ethnie?

Hier liegt in der Tat eine kognitive Dissonanz vor, die sich aus der Unvereinbarkeit zweier konträrer Positionen ergibt. Daraus kann sich für Wähler ein langer Denkprozess ergeben, der meist mit zwei Optionen endet: entweder nicht wählen zu gehen oder eine Wahlentscheidung zu treffen, von der man im Nachhinein umso überzeugter ist. Dieses Phänomen erklärt man in der Psychologie oft mit dem Beispiel „roter Käfer, blauer Ford“. Wer anfangs noch beide Autos als gleich gut einschätzt, dann aber den „blauen Ford“ kauft, ist Wochen später in der Regel überzeugt davon, dass dieses Auto von Anfang an viel besser ist, als es der „rote Käfer“ war.

Haben Sie eine Einschätzung für den Ausgang der Wahl?

Ich würde vorsichtig tippen, dass Trump knapp verliert. Und zwar wegen der Wähler, die sich entscheiden, keine Stimme abzugeben. Ich schätze, dass diesmal moderate Republikaner die Entscheidung bringen. Sie werden vielleicht keine Stimme für Joe Biden abgeben, aber ihr Wegbleiben von der Urne könnte den Ausschlag geben. Alle anderen, nach Religionszugehörigkeit und ethnischer Zugehörigkeit unterscheidbaren Gruppen sind in ihrem Wahlverhalten seit Jahrzehnten festgelegt. Diese Prognose gilt, vorausgesetzt die Demokraten mobilisieren genügend Wähler aus ihrem eigenen Lager.

Das Interview führte Pia Siemer von der Medienredaktion der Universität Leipzig.

Als Ergänzung empfehlen wir Francis Neniks Beiträge aus dem „Tagebuch eines Hilflosen“, das er seit Trumps Sieg in der US-Präsidentschaftswahl 2016 führt.

Den Blog des ReCentGlobe findet man hier.

30 Jahre deutsch-deutsche Parallelwelt: Höchste Zeit, die betonierten Vorurteile zu demontieren

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