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Gastkommentar von Christian Wolff: Was braucht der Mensch?

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    KommentarDer Ministerpräsident des Freistaates Sachsen Michael Kretschmer (CDU) ruft dazu auf, über Weihnachten keine Gottesdienste zu besuchen. Er brauche nicht „die schöne Kirche zu Weihnachten“, ließ er im Landtag verlauten. Zusätzlich wies er darauf hin, dass Maria und Joseph auch einsam in Krippe und Stall gewesen wären.

    Das Argument ist so stichhaltig wie die Antwort vieler Menschen auf die Frage, warum sie nie einen Gottesdienst besuchen: „Ich finde meinen Herrgott auch beim Spaziergang im Wald; da muss ich nicht in die Kirche gehen“ oder warum sie aus der Kirche ausgetreten sind: „Ich muss doch nicht einer Kirche angehören, um Christ zu sein.“

    Natürlich muss man das alles nicht. Es muss auch niemand in ein Konzert, ins Kino oder Restaurant gehen. Niemand muss an Weihnachten nach Mallorca oder auf die Kanarischen Inseln fliegen oder die Eltern, Enkel oder Oma und Opa besuchen – oder eben in die Kirche gehen.

    Und doch hat die Empfehlung des Ministerpräsidenten einen faden Beigeschmack. Denn sie blendet die Menschen aus, denen ein Verzicht auf den Gottesdienstbesuch sehr schwer fällt; für die der Kirchgang an Heiligabend nicht bloße Familientradition, sondern der Glaube ein Herzensanliegen, ein Lebensfundament ist (warum sonst ist die Religionsfreiheit als Grundrecht in der Verfassung verankert?); die nicht erst seit Corona vereinsamt sind; denen ein Gottesdienstbesuch so viel bedeutet wie das tägliche Brot.

    Für diese Menschen sind wir als Kirche da, öffnen nicht nur die Türen, sondern feiern mit ihnen Gottesdienst – um ihnen die Gemeinschaft anzubieten, die sie sonst vergeblich suchen. Ich kann nämlich die Weihnachtsgeschichte auch so lesen: Da werden die Hirten aus ihrer Tristesse, ihrer Isolation herausgerufen, um im Stall an der Krippe neue Gemeinschaft und neue Maßstäbe des Lebens zu finden und in schwerer Zeit aufzublühen – ein Gottesdienst der besonderen Art!

    Ohne Zweifel: Wir müssen in diesen Wochen der Pandemie besonders behutsam, umsichtig leben und viel mehr bedenken, welche Konsequenzen meine Lebensweise für den Nächsten hat. Aber genau dafür wird uns durch die christliche Weihnachtsbotschaft der Blick geschärft – nicht zuletzt in den Gottesdiensten und durch analoge Kommunikation … und natürlich auf der Straße.

    Darum spielen Bläser/-innen des Posaunenchors sonntags im Gemeindegebiet und vor Alten- und Pflegeheimen Choräle – mit Begeisterung und Abstand, den Menschen zur Freude, zum Trost und Gott zum Lobe. So etwas sollte niemand der Beliebigkeit und politischen Opportunität aussetzen.

    Gastkommentar von Christian Wolff: „Er kniet“ – Willy Brandts Kniefall in Warschau

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    7 KOMMENTARE

    1. Lieber Christian, es ist möglicherweise ein weit verbreitetes Problem und es ist auch nicht zielführend, sich auf Bürger als Denunzianten zu verlassen. Besser wären eindeutige Gebote sowie Appelle und kein Hin-und-Her-Eiern á la „Wir empfehlen es nicht“. Sicher wird es immer mal Fälle geben, wo man Gebote nicht achtet und Appelle ignoriert, aber viele würde die Botschaft dennoch eher erreichen als der derzeitige Wischiwaschi.

      Zu den Peanuts versuche ich es ihnen zu erklären: Corona kommt ja nicht aus dem nichts in die Altenheime geflogen. Wie kommt es da hin? Durch Pflegekräfte, Besucher, Hausmeister… selbst wenn diese Maske tragen! Diese schützen ja nur zu einem Teil. Und bei regelmäßigen Tests kann auch immer mal jemand durchrutschen.

      Wenn nun Corona in der Gesamtbevölkerung besonders stark verteilt ist, ist die Wahrscheinlichkeit natürlich auch höher, dass Corona in den Altenheimen auftritt und sich dann dort ein Coronaherd entwickelt aufgrund der engen Lebensverhältnisse und des menschlichen Kontaktes zum Pflegepersonal, den man auch nicht abstellen kann.

      Es bedeutet aber eben auch, dass ringsherum Corona sehr stark verteilt ist in der Bevölkerung, es bedeutet auch, dass man die Heime nicht hermetisch abriegeln kann – alte Menschen müssen auch gewaschen werden usw.! Die können sich einfach nicht isolieren.

      Je höher die Dichte an Corona in der Bevölkerung, desto höher also die Gefahr, sich anzustecken, desto höher also die Gefahr, dass jemand unbewusst Corona in ein Altenheim einschleppt.

      Je höher die Dichte an Corona in der Bevölkerung ist, desto höher ist auch die Gefahr, sich trotz Maske anzustecken – das betrifft auch sie, Christian, es können auch jüngere Menschen schwer erkranken. Warum? Wenn in einem Laden einmal am Tag eine ansteckende Person, die das vielleicht gar nicht weiß, kurz einkaufen geht, ist die Wahrscheinlichkeit für die anderen Kunden gering, sich in dem Laden anzustecken. Möglicherweise kommen ein paar Coronaviren durch den Mundnasenschutz durch, aber das verdünnt sich ja irgendwann, wenn ich die aktuellen Studien und Forschungen recht verstanden habe. Es ist ja auch irgendwo logisch nachvollziehbar. Wenn nun aber 20 ansteckende Personen pro Tag in dem Laden einkaufen gehen, kommt doch insgesamt mehr Virusmenge durch die 20 OP-Masken und die Wahrscheinlichkeit für alle anderen steigt, sich trotz Mundnasenschutz anzustecken.

      Stellen sie es sich einfach vor wie eine 50×50 Meter große Wiese. Darauf steht ein Apfelbaum. Wenn sie nun irgendwo auf der Wiese sind und ein Apfel fällt herunter, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass sie ausgerechnet unter dem Apfelbaum stehen und noch geringer, dass der Apfel ausgerechnet auf ihren Kopf fällt. Aber anders sieht es aus, wenn auf der Wiese 30 Apfelbäume stehen, von denen Äpfel herunter fallen. Die Wahrscheinlichkeit ist eben höher.

      Und um von den Apfelbäumen hin zu Corona zu kommen: in unserem Falle sind die Apfelbäume infizierte Personen und Äpfel Coronaviren. Und dummerweise vermehren sich die infizierten Personen bis zu einem gewissen Level wie verrückt – manche nennen das exponentielles Wachstum.

      Daher die Taktik der Regierung, die Verbreitung von Corona in der Bevölkerung gering zu halten, damit die Wahrscheinlichkeit geringer wird, dass man sich ansteckt bzw. dass man noch eine leise Chance hat, die Menschen in den Altenheimen zu schützen. Im besten Falle sogar die Verbreitung soweit gering zu halten, dass man einzelne Fälle auffinden und rechtzeitig isolieren kann – aber ich denke, der Zug ist schon im Oktober abgefahren, wie soll man letzteres noch hinkriegen.

      Es gäbe momentan natürlich auch andere Taktiken, die aber dann eben auch andere Pros und Contras haben. Darüber kann man dann diskutieren, wenn man mutig genug ist. Was besser oder schlechter ist, muss dann aber sowieso gesamtgesellschaftlich entschieden werden.

      Momentan hat man sich aber in Deutschland eben für die oben beschriebene Taktik entschieden und da zählen momentan solche potentielle Superspreaderevents wahrscheinlich doch.

      Immerhin sind die entsprechenden Menschen bei solchen Gottesdiensten nicht alle Singles, die sonst nie einkaufen gehen und nie jemand anderen treffen. Die Menschen bei solchen Superspreaderevents haben Familie, gehen auf Arbeit, treffen ihre Freunde, gehen einkaufen – dann sind das keine Peanuts mehr, dann landet man schnell bei hunderten bis tausenden Menschen, die infiziert sein könnten und die Dichte steigt wieder.

      Möglicherweise wird es irgendwann sowieso eine Sättigung geben, aber es besteht die Möglichkeit, dass dann eben viele Menschen frühzeitig sterben. Die meisten werden schon überleben, aber schön ist das alles nicht. Und in Anbetracht der dünnen Personaldecke auf den Intensivstationen kann es doch nicht schaden, wenigstens zu versuchen, aktiv gegenzusteuern – mit zielgerichteten und möglichst auch funktionierenden Maßnahmen und auch mit Verzicht, wo es möglich ist.

      (Meine Überlegungen stützen sich auf das, was aktuell als weitestgehender Konsens in der Wissenschaft öffentlich wieder gegeben wird. Natürlich kann es noch viele andere Faktoren geben und vieles weiß die Menschheit schlicht nicht. Momentan scheint es aber zuzutreffen, dass Corona sich v.a. im Winter, in geschlossenen Räumen und durch Menschen weiter verbreitet, und es scheint auch durchaus einen hohen Prozentsatz an Menschen zu geben, die Corona weiter verbreiten, ohne selbst davon etwas zu bemerken)

    2. Was meinen Sie, liebe/r J., hat „die Polizei auf den Plan gerufen“?
      Das Engagement der Bürger, in diesem Fall wohl ein Anruf.
      Sie sollen ja nicht selbst Ordnungsamt spielen. Aber der Staat ist nun mal kein Vollpensionshotel, er lebt auch von der Mitarbeit seiner Menschen.
      Und auch von der Vernunft; um die geht es ja hier.

      Wie ich bereits schrieb: so etwas ist nicht in Ordnung.
      Aber ich kenne auch die zahlreichen funktionierenden Veranstaltungen, wo peinlich genau aufgepasst wird. (Teils übrigens sogar mit notieren, auf welchem Platz man gesessen hat!)

      Mal salopp über den Daumen gepeilt: Wenn in Sachsen jedes fünfte Altersheim ein Coronaherd ist (Köpping), dann sind „Ihre zwei Fälle“ Peanuts. Sie wissen hoffentlich, wie ich das meine 🙂

    3. Ein weiteres Beispiel: offenbar macht der christliche Glaube auch nicht immun!

      https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/corona-behoerden-melden-65-infizierte-nach-gottesdienst-in-freikirche-a-f43005ee-59ae-45e2-bc3e-8e38f9943de9

      „Behörden melden 65 Corona-Infizierte nach Gottesdienst in Freikirche:
      Erneut ist es in einer Freikirche zu einer Masseninfektion mit dem Coronavirus gekommen. Im nordrhein-westfälischen Kreis Lippe wurden von 165 Besuchern eines Gottesdienstes Dutzende positiv getestet.
      12.12.2020, 14.02 Uhr „

    4. @ Christian: Ich schrieb ja, es wird sicher auch Gemeinden geben, die sich viel Mühe geben. Aber das haben Kulturveranstalter, Restaurantbesitzer usw. auch getan. Und nein, ich werde nicht die Aufgabe des Staates übernehmen, mich darum zu kümmern, dass sich Menschen an diese Regeln halten. Aber ich finde es sonderbar! Wenn Corona so schlimm ist und die Intensivstationen fast voll sind – ist es für mich nicht nachvollziehbar, dass man von den Kirchen aus nicht besser organisiert! Und ich sehe hier auch eine Disbalance: alles andere macht zu (mit wie ohne Hygienekonzepte), aber Gottesdienste bleiben offen (mit wie ohne Hygienekonzepte). Dann liest man immer wieder sowas, wie im folgenden Link – doch, das wundert mich schon alles. Wo wir doch monatelang erzählt bekommen, dass solche Veranstaltungen als Superspreaderevents maßgeblich zur Verbreitung von Corona beitragen – was logisch auch nachvollziehbar ist.

      https://www.spiegel.de/wissenschaft/corona-news-am-montag-die-wichtigsten-entwicklungen-zu-sars-cov-2-und-covid-19-a-4c79e8e4-e26d-4d23-a7f5-a3eebb29c781

      „15.12 Uhr: Lautstarker Gesang einer christlichen Kirchengemeinde hat die Polizei in Essen am Sonntag mit einer Hundertschaft auf den Plan gerufen und zu knapp 60 Anzeigen vor allem wegen Verstößen gegen die Corona-Schutzverordnung geführt. Zwei Männer wurden festgenommen. Wie die Polizei am Montag mitteilte, hatten sich Anwohner über den – wegen Corona verbotenen – Gesang der Gemeinde beschwert. »Im Gebäude trafen die Beamten auf 57 Erwachsene sowie 25 Kinder«, so die Polizei. Es sei kein Mindestabstand eingehalten und nur wenige Schutzmasken seien getragen worden. Eine Anwesenheitsliste habe es auch nicht gegeben. Da bei zwei Männern der Verdacht der illegalen Einreise bestehe, wurden diese festgenommen. »Insgesamt fertigten die Beamten 57 Ordnungswidrigkeitsanzeigen sowie zwei Strafanzeigen«, teilten die Behörden mit.“

    5. Gibt es dieses Jahr einfach noch ein paar Gebote aus dem Hygienekonzept dazu. PCR-Schnelltests an der Himmelspforte und Quarantäne beim Beelzebub, für alle die sich nicht daran halten. Ist doch fast wie sonst auch. Hauptsache jeder bringt sein Handtuch mit.
      Sind Sachsens Kirchen zu Weihnachten wirklich so voll, dass man sich sorgen müsste?
      Es zeigt sich m.E. nach ohnehin erst bei etwas kalter Zugluft im Gotteshaus, wer wahrlich fromm und wer nur U-Boot-gleich zu diesem einen Anlass dort auftaucht.
      Nicht ohne Grund sind Klöster gern in zugiger Höhe errichtet. Andererseits verstand man sich, vermutlich gerade in Folge dessen, eben dort schon sehr bald auf eine äußerst professionelle Beheizung der Räumlichkeit. Und so hatten am Ende alle etwas davon. Die einen die Nähe zu Gott, die anderen zur Zentralheizung. Wie auch vom Weihnachtsmärchen. Der Pfarrer bekommt die Hütte „voll“ und wir danken für die Feiertage.
      PS.: Geburtstagsfeten fallen dieses Jahr eben alle etwas flacher aus, aber inne halten sollte dafür vielleicht um so leichter fallen 😉

    6. Da würde ich in den Raum stellen wollen:
      Aus eigenem Erleben und Wissen weiß ich; dass sich sehr viele – ev. luth. – Gemeinden an die Restriktionen und Empfehlungen der eigenen Institutionen halten.
      Man hat bis zum 2. Lockdown ausgefeilte Hygienekonzepte erarbeitet und diese eingehalten.
      Zurzeit wird gar nicht mehr gesungen und ich stelle fest: da fehlt wirklich was…

      Ihre Beobachtung, liebe/r J., ist völlig zu Recht unverständlich und darf so nicht sein!
      Sprechen Sie doch bitte diese Gemeinde digital / persönlich an!

    7. Ob das alles so einfach ist?

      Ich kam eben an den Gebäuden einer kleinen christlichen Gemeinde vorbei. Die Fenster zu, aber man konnte sehen, dass der Raum voll war. Es wurde laut gesungen. Übrigens war das auch schon zu den anderen Adventssonntagen so.

      Warum nicht draußen Gottesdienst? Warum bei geschlossenen Fenstern? Warum – um Himmels Willen – noch mit gemeinsamen Singen? Wenn man aufs Singen nicht verzichten kann, warum geht so eine Gemeinde nicht wenigstens zum Singen raus?

      Hier läuft was mächtig schief. Da kann man Ausgangssperren machen und sich sonstwas für Verbote ausdenken, was hilft es, wenn sich manche Gemeinden jeden Adventssonntag standhaft zum Gottesdienst treffen, singen und nur marginal Mundschutz getragen wird?

      Klar wird es auch Gemeinden geben, die hier umsichtiger agieren. Aber das ändert nichts daran, dass es hier möglicherweise ein recht flächendeckendes Problem gibt – deutschlandweit.

      Ich versteh es halt nicht. Ich darf meinen Abendsspaziergang (den ich wegen Rückenschmerzen mache) nur noch vor 22.00 machen, ich darf den letzten Sport, den ich noch machen kann, nur noch in einem Umkreis von 15 km machen (was mit dem Rennrad lächerlich ist), ich verzichte darauf, Freunde zu treffen, feiere nicht mal Weihnachten mit der Familie… aber in den Gottesdiensten wird teilweise gesungen usw.?

      Nee, da fehlt mir echt das Verständnis.

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