Wer hat nun recht? Zuletzt wurde im Frühjahr heftig diskutiert über die koloniale Vergangenheit des Leipziger Zoos und die heutigen Veranstaltungen, in denen aus Sicht des Migrantenbeirats koloniale Exotik weitertransportiert wird. Jetzt hat der Migrantenbeirat seinen Antrag für die Ratsversammlung neu formuliert. Am Anliegen selbst macht er keine Abstriche.

„Exotisierende und stereotypisierende Konzepte“

Dafür ist die Begründung des Antrags jetzt deutlich ausführlicher geworden.

„Der Zoo Leipzig bietet Abendveranstaltungen an, die auf exotisierenden und stereotypisierenden Konzepten ganzer Regionen und Kontinente basieren. Die aktuelle Gestaltung der Abendveranstaltungen stärkt den strukturellen Rassismus und schadet dabei indirekt Rassismus-Betroffenen, da die Abende auf kolonial-rassistischen Narrativen aufgebaut werden“, geht der Migrantenbeirat auf ein Wahrnehmungsproblem ein – nämlich unsere Sicht auf „Exotik“.

„Aktuelles Beispiel dafür sind die ‚Hakuna Matata‘ Abende, bei denen Gäst/-innen – laut Bewerbung der Abendveranstaltung auf der Webseite – von ‚erfahrenen Zoolotsen sicher durch die Safari‘ geführt werden. Die Gäst/-innen sollen ‚Afrika live erleben‘ und die ‚kulinarische und kulturelle Vielfalt‘ genießen, die der Zoo mit Begriffen und Narrativen wie ‚Wildnis‘, ‚Fremdheit‘, ‚exotisch‘, ‚traditionell‘ und ‚faszinierend‘ bewirbt. Durch die verwendete Form der Rhetorik, Bildsprache und Darstellung dieser Abende werden Klischees über Afrika, Asien, sowie Süd- und Mittelamerika reproduziert und ganze Kontinente auf essentialisierende Merkmale reduziert. Es sind Programme, die vor allem das Exotisierungsbedürfnis einer weißen Mehrheitsbevölkerung bedienen, anstatt einen differenzierten und reflektierten Einblick in historische, kulturelle und kulinarische Strukturen und Zusammenhänge dieser Regionen zu geben.“

Der koloniale Blick?

Augenscheinlich sehen das hier geborene Leipziger/-innen eben doch anders als Menschen, die permanent Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung machen. Also tagtäglich erleben, wie sie zu „Anderen“ gemacht werden.

Ist das unser anerzogener kolonialer Blick?

Der Migrantenbeirat jedenfalls sieht das so: „Diese Art der kolonialen Erzählung hat damit weiterhin unmittelbar negative Auswirkungen auf die Alltagserfahrungen rassifizierter Menschen in Deutschland und stärkt koloniale Denkmuster in der breiten Bevölkerung. Die unkritische Ausgestaltung dieser Abende dient hauptsächlich dem Profit von durch Rassismus privilegierten Personen und stellt somit eine Kontinuität zur kolonialen Praxis der Völkerschauen dar.“

Harter Tobak auch für die Ratsversammlung

Das dürfte schon harter Tobak sein. Auch für die Ratsversammlung. Denn im Grunde steckt die Diskussion über die Spuren und Folgen des in Deutschland fast 100 Jahre regelrecht verschwiegenen Kolonial-Kapitels drin, wenn der Migrantenbeirat formuliert:

„Die Unart, nicht-weiße Menschen – besonders afrikanische Menschen – mit ‚fremden‘ Narrativen zu beschreiben und verknüpfen, begann während der Kolonialzeit. Die weiße Hegemonie stellte Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Herkunft und Lebensweise als ‚primitiv‘ dar, um die eigenen Taten als Entdecker/-innen und Eroberer/-innen zu legitimieren. Durch derartige Entmenschlichungen wurde die scheinbare Legitimation von Versklavung überhaupt erst möglich. Auch heute unterstützen solche Erzählungen die Akzeptanz aktueller, neo-kolonialer Ausbeutungsverhältnisse in nicht zu unterschätzendem Maß.“

Die Aufarbeitung muss weitergehen

„Darüber hinaus zeigen die auf diese Weise konstruierten Darstellungen und regelrechte Zur-Schau-Stellungen nicht-weißer und/oder nicht-europäischer Menschen und Kulturen in einer zoologischen (tierkundlichen!) Einrichtung eine verstörende Parallele zu den Völkerschauen im 19. und 20. Jahrhundert auf“, geht der Migrantenbeirat direkt auf die jüngeren Zoo-Veranstaltungen ein.

„Der Zoo Leipzig hat 2003 seine koloniale Vergangenheit durch die Veröffentlichung des Buches Auf der Spur des Löwen – 125 Jahre Zoo Leipzig formell anerkannt. Jedoch widmet sich die umfangreiche Publikation nur auf wenigen Seiten den Leipziger Völkerschauen und gibt unkommentiert und unkritisch exotisierende Bilder und Inhalte wieder. Hinzu kommt, dass das Buch nicht für jede/-n kostenfrei zugänglich ist, sondern für 33 Euro käuflich erworben werden muss. Da erhebliche Teile der Bevölkerung aufgrund ökonomischer Deprivilegierung der Zugang zu dessen Informationen verwehrt bleibt, sehen wir dies als unzulängliche, wenig öffentlichkeitswirksame Positionierung an.“

Der Zoo ist also nicht wirklich ein guter Ort für Veranstaltungen, auf denen die Kulturen anderer Länder und Kontinente gezeigt werden.

„Darüber hinaus bemüht sich der Zoo bislang nicht um eine intensive und ganzheitliche Aufarbeitung seiner kolonialen Vergangenheit, sondern führt sie mit der aufgezeigten Reproduktion kolonial-rassistischer Stereotype und Praktiken bis heute fort. Ob dies wissentlich oder unwissentlich passiert, spielt aus Sicht der Rassismusforschung kaum eine Rolle – da Rassismus immer wirkt, auch wenn er nicht intendiert ist“, geht der Migrantenbeirat auf den blinden Fleck in unserer Alltagswahrnehmung ein.

Denn wenn man sie nicht benennt und sichtbar macht, werden einem rassistische und koloniale Stereotype schlicht nicht bewusst.

Weg mit den Stereotypen

„Die Vorherrschaft weißer Menschen gegenüber nicht-weißen Menschen hält bis heute an und äußert sich nicht nur in diversen neokolonialen Macht- und Hierarchiestrukturen, sondern auch in alltäglichem Rassismus, in Diskriminierung und bis heute auch in körperlicher Gewalt gegenüber Betroffenen“, beschreibt der Migrantenbeirat die Sache so, wie sie von den Betroffenen erlebt wird.

„Entsprechend seiner Selbstidentifikation als Zoo der Zukunft und im Sinne dekolonisierender Bemühungen, muss sich eine derart mächtige und einflussreiche Bildungsinstitution dieser Stadt, (ihrer) Verantwortung für das Beenden kolonialer Kontinuitäten nicht nur bewusst werden, sondern diese auch in der institutionellen Praxis leben. Als für alle Bevölkerungsschichten besonders zugängliche Einrichtung soll der Zoo Leipzig hier mit Vorbildwirkung für andere kommunale Institutionen vorangehen.“

Und so bleibt es bei der Forderung, „dass alle Veranstaltungen, die koloniale und rassistische Stereotype reproduzieren, unterbunden werden“ und „innerhalb des Zoos die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit (…) auf dem Areal und in Publikationen sichtbar“ gemacht werden soll.

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Es gibt 3 Kommentare

Nun, bei der vorausgehenden Zoo-Führung wird es wohl als “Safari” um “Dschungel”-Tiere gehen, deren Schutz durch Nachzüchtung in Europa notwendig ist. Auch weil zum kolonialen Erbe der Abschuss dieser Tiere, durch privilegierte weiße, schießwütige Trophäen-Jäger bis heute, gehört.

Aber das Hauptereignis: “Essen bei Mövenpick”, mit:
“Eine Live-Band begleitet Sie mit südländischen Rhythmen durch den Abend. Traditionelle afrikanische Tanzeinlagen in farbenfroher Kleidung werden Sie begeistern. Zum stimmungsvollen Abschluss des Abends erleben Sie eine aufregende Feuershow mit Dschungelatmosphäre.”
zoo-leipzig.de/event/hakuna-matata-afrika-hautnah-erleben-1-990/

Da geht es um Klischees von “Afrika”, die Menschen kulturell pauschalisierend auf Tänze in Baströckchen minimieren.
Dschungelexotic, als Merkmal – die Hautfarbe.
Und das zeichnet halt ein falsches Bild und verstärkt btw. verursacht Vorurteile.

Genauso wie Europa sich nicht mit bayrischen Lederhosenjodlern, Bier kübelnd beim Oktoberfest, gleichsetzen lässt,
sind afrikanische Staaten genauso modern, demokratisch bis diktatorisch, wie europäische.

Und dieses Dschungel-Klischee betrifft halt nicht “nur” im riesigen Kontinent Afrika lebende Menschen, sondern wird auf Grund der Hautfarbe, auf alle Menschen weltweit bezogen.

In der arte-Mediathek gibt es eine Doku zur großartigen Josephine Baker, als Feministin und Freiheitskämpferin.
Josephine Baker, Ikone der Befreiung
Verfügbar: Vom 24/08/2021 bis 15/06/2022
https://www.arte.tv/de/videos/075185-000-A/josephine-baker-ikone-der-befreiung/

Dort auch z.B. ab min 10:57 zu den Kolonial-Ausstellungen der 1920er (so auch im Leipziger Zoo):
“In konservativen Kreisen verstört der Erfolg der Revue Nègre. Diese schwarze, amerikanische Modernität sei subversiv.
Das französische Publikum solle sich lieber damit begnügen, die Kolonial-Ausstellung zu besuchen, die zur selben Zeit von Stadt zu Stadt zieht. Da weiß wenigstens noch jeder, wo er hin gehört.
Die Schwarzafrikaner in ihr nachgebautes Dorf, durch das die Weißen als Kolonialherren spazieren.”

Und wer da meint, „Es gibt keine“ (hakuna) „Probleme/Schwierigkeiten“ (matata), weil er als Minderheit die afrikanische Sprache Swahili zu verstehen glaubt oder irgendeinen Trickfilm toll fand,
die Welt ist komplizierter ^^

Rassismus ist ein Problem, das jeden aufrechten Menschen betrifft.
Und nicht zuletzt, Dankeschön dem Migrant*innen-Beirat <3

Wer sagt das ‚Hakuna Matata‘ etwas mit Rassismus zu tun hat muß auch den Film “König der Löwen” verbieten. Den haben alle Welt weit gefeiert. In den Abenden geht es nicht um Menschen sonder um die Bedrohten Tierarten.

Beim Lesen habe ich mehrfach meine Daumen in die Höhe gestreckt. Wer es nach der Lektüre dieses präzise formulierten Antrags immer noch nicht begriffen hat, dem muss man schon mutwilliges Nicht-Verstehen-Wollen unterstellen. Die Problematik ist eine Problematik, die wir weißen Menschen verursacht haben und die wir auch lösen müssen. Bin dankbar, dass der Migrant*innen-Beirat hier so hartnäckig am Ball bleibt.

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