Kostenexplosion im Gesundheitswesen: MDR-Sendung beschäftigt sich heute mit der Kearney-Studie zur „Kostenfalle Komplexität“

Im Dezember legte die Unternehmensberatung A.T. Kearney eine Studie vor, die erstmals detailliert aufzeigt, dass die Verwaltungskosten im öffentlichen deutschen Gesundheitssystem im Jahr 2010 tatsächlich 40,4 Milliarden Euro betragen haben. Der Löwenanteil entfällt dabei auf die Gesetzlichen Krankenkassen. Doch der Hauptverursacher ist eine vom Kontrollwahn besessene Politik.
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Die Studie hat trotzdem heftigsten Protest bei fast allen Beteiligten ausgelöst. Viele fühlten sich auf den Schlips getreten. Erst recht, weil die Studie gerade bei den Verwaltungskosten sogar Einsparpotenzial sieht und eine Senkung der Krankenkassenbeiträge für möglich hält.

Von jedem einzelnen Euro Beitragszahlung wurden 2010 höchstens 77 Cent für direkt am Patienten „wertschöpfende Tätigkeiten“ ausgegeben, ergab die Studie. Wobei keineswegs untersucht wurde, ob die bezahlten Therapien und Medikamente tatsächlich sinnvoll eingesetzt waren.

Die 23-prozentige Verwaltungskostenquote des Gesundheitssystems ist – so stellt die Studie fest – um den Faktor 3,8 höher als der durchschnittliche Wert in deutschen Industrieunternehmen, der 6,1 Prozent beträgt. Darüber hinaus kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass 68 Prozent der gesamten Verwaltungskosten bzw. 27,5 Milliarden Euro eben durch die GKV verursacht werden. Das entspricht einem tatsächlichen Verwaltungsaufwand von 15,6 Prozent bezogen auf die 176 Milliarden Euro Gesamtausgaben. Dieser Verwaltungskostenanteil ist um den Faktor 2,9 größer als die von der GKV offiziell berichteten Verwaltungskosten von 5,4 Prozent bzw. 9,5 Milliarden Euro.
Die Studie hat bezogen auf die Verwaltungskosten ein Einsparpotenzial von mindestens 13 Milliarden Euro identifiziert. Von jedem Beitrags-Euro könnten mindestens 8 Cent eingespart werden und der heutige Beitragssatz von 15,5 Prozent auf 14,2 Prozent gesenkt werden. Das Einsparpotenzial betrage somit konkret 252,90 Euro pro Beitragszahler pro Jahr oder 1,3 Prozentpunkte des Beitragssatzes, bilanziert die Studie. Das deutsche Gesundheitswesen verfüge damit über ein signifikantes und bislang ungenutztes Effizienzsteigerungs- und Kostendämpfungspotenzial.

Ein Hauptproblem, das die Ersteller der Studie ausmachten, ist die über die Jahre geschaffene Vielzahl von Kontrollstellen. Die Kassen wurden vom Gesetzgeber mit jeder neuen Einspar- und Kostendämpfungsrunde mit immer neuen bürokratischen Prüfaufgaben bedacht. Statt die Kosten im Gesundheitswesen zu dämpfen, hat die politische Reformitis erst einen bürokratischen Megaapparat erzeugt, in dem das ursprüngliche Verhältnis von Arzt und Patient immer mehr zur unangenehmen Begleiterscheinung von auf den Cent durchkalkulierten Ablaufprozessen wurde. Da liest es sich zwar wie ein wirtschaftlicher Erfolg, wenn die Zahl der Krankenhäuser in Sachsen in den letzten zehn Jahren von 92 auf 80 eingedampft wurde, die Zahl der stationären Behandlungsfälle – bedingt durch die zunehmende Lebenserwartung – dagegen von 877.237 auf 978.892 stieg und gleichzeitig die „Verweildauer“ heftig reduziert werden konnte. Der Patient wurde immer mehr zum Fließbandprodukt – und trotzdem uferten die Kosten im Gesundheitswesen aus.

Dass der auf Effizienzgewinn fokussierte Sparwahn tatsächlich eine Ursache für die Kostentreiberei sein könnte, hat so deutlich noch niemand belegt. Und dass just jene Politiker, die mit ihren immer schneller hingeschluderten Änderungen, oftmals in Form von „quick-fixes“, Hauptverantwortliche für die überbordende Komplexität der Verwaltung sind, auch noch nicht. „Eine Vielzahl dieser ‚quick-fixes‘ zeigt die Tendenz, die bereits erhebliche Komplexität des Gesamtsystems zu intensivieren. Durch die im Rahmen der Reformen immer wieder neu eingeführten Kontrollinstanzen entstehen regelmäßig neue Schnittstellen für die Kommunikation innerhalb des Systems.“

Und weil sich die Täter keiner Schuld bewusst sind baut jede neue „Schnellreparatur“ auf den Problemen der letzten auf. Man erkennt zwar an ihren Folgen gewisse Systemfehler, doch die werden „primär an ihren Symptomen behandelt, die Problemursachen“ bleiben unangetastet. Und die entstandenen Kontrollstellen kommunizieren eher schlecht miteinander – was unter anderem auch daran liegt, dass jeder mit seiner eigenen IT arbeitet. Was dann irgendwie wieder an die Probleme der Deutschten Bahn AG erinnert, einen sinnvoll abgestimmten Fahrplan herzustellen und vor allem erst einmal in all die Bereiche zu investieren, die Verschleißerscheinungen haben.

„Natürlich regt sich gegen dieses Ergebnis Widerstand, fechten Kritiker der Studie deren Ergebnisse energisch an. Aber es gibt auch viel Zustimmung“, stellt der MDR in einer Vorab-Information fest. Am heutigen 16. Januar will er sich mit einer eigenen Sendung dem komplexen Thema widmen.

Da kommt auch Dr. Simone Heinemann-Meerz, Präsidentin der Ärztekammer Sachsen-Anhalt, zu Wort: „Die aufgeblasene Bürokratisierung muss nicht nur gestoppt, sondern auch auf ein sinnvolles Maß reduziert werden“.

Sie nimmt die Studienergebnisse ernst. Im Rahmen der unabhängigen und eigenfinanzierten Studie von A.T. Kearney wurde im Zeitraum Juni bis August 2011 eine Marktforschungsanalyse mit immerhin 6.000 Leistungserbringern durchgeführt.

„Aber wie soll das passieren? Wie sieht der Weg in eine bezahlbare und patientengerechte Gesundheitsversorgung für alle Versicherten aus? Wer sorgt dafür, dass das Geld für die Gesundheit der Patienten ausgegeben wird und nicht im Dschungel der Bürokratie verloren geht?“, fragt sich der MDR. „Fakt ist …!“-Moderatorin Ines Krüger will darüber am heutigen Montag, 16. Januar, ab 22:15 Uhr im MDR Fernsehen diskutieren.

Ihre Gäste sind Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Gesundheitsexperte, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Dr. med. Simone Heinemann-Meerz, Präsidentin Ärztekammer Sachsen-Anhalt und Fachärztin für Innere Medizin, Dr. Oliver Scheel von der Unternehmensberatung Kearney GmbH und Florian Lanz, Pressesprecher des GKV-Spitzenverbandes.

Bürgerreporterin Ines Klein will in der Sendung zudem mit einer Mutter eines behinderten Sohnes ins Gespräch kommen, die an unzähligen Formularen, Anträgen und Behördengängen schier verzweifelt. Aber das Problem des Papierkrieges kennen ja auch andere Betroffene.

Auch die Meinung der Zuschauer will der MDR gern wissen. Per E-Mail unter faktist@mdr.de eingehende Fragen gibt Ines Klein an die Gesprächsrunde weiter.

Programmtipp: „Milliardengrab Krankenversicherung – Wo versickern unsere Beiträge?“, „Fakt ist …!“ aus Magdeburg am Montag, 16. Januar, ab 22:15 Uhr im MDR.

Die Studie von A. T. Kearney:
www.atkearney.de/content/veroeffentlichungen/whitepaper_detail.php/id/51549/practice/pharma


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