Leipziger Studie: Frauen leiden fünfmal häufiger unter Essstörungen als Männer

Eine repräsentative Studie des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB) für Adipositas-Erkrankungen in Leipzig zeigt, dass fünfmal mehr Frauen (5,9 Prozent) als Männer (1,5 Prozent) in Deutschland unter Störungen im Essverhalten leiden.

Die Studie belegt außerdem, dass bei fettleibigen (adipösen) Frauen elfmal häufiger und bei adipösen Männern sogar 20 Mal häufiger eine Störung im Essverhalten vorliegt als bei normalgewichtigen Frauen und Männern. Zu sogenannten Essstörungen zählen zum Beispiel die Bulimia Nervosa (Ess-Brech-Störung), die Binge-Eating- oder Essanfallsstörung und die Anorexia Nervosa (Magersucht).

„Dieses deutlich erhöhte Auftreten von Störungen im Essverhalten bei adipösen Menschen ist beachtlich“, erläutert Studienleiterin Professor Anja Hilbert, die am IFB für Adipositas-Erkrankungen in Leipzig Essstörungen erforscht. „Daraus lässt sich schließen, dass sich weit stärker als angenommen, Übergewicht und Adipositas im Zusammenhang mit Störungen im Essverhalten entwickeln und zum Beispiel mit wiederkehrenden Essanfällen, nächtlichem Essen, chronischem Überessen oder einem sehr negativen Körperbild einhergehen.“

Da solche Störungen im Essverhalten mit einem erhöhten seelischen Leidensdruck gekoppelt sind, wird hier auch deutlich, dass Adipositas nicht nur ein Problem von Überernährung und Bewegungsmangel ist. Es muss immer auch geklärt werden, ob der Patient an einer klinischen Essstörung leidet und eine ergänzende psychotherapeutische Behandlung neben der Ernährungs- und Bewegungstherapie notwendig ist. Neue Erkenntnisse liefert die Studie von Anja Hilbert, Martina de Zwaan und Elmar Brähler außerdem zur Häufigkeit von Essstörungen in den verschiedenen Altersgruppen.
„Auffällig ist hier, dass Störungen im Essverhalten Frauen und Männer jeden Alters betreffen, wobei festzuhalten ist, dass die Häufigkeiten mit höherem Lebensalter abnehmen“, erklärt Professor Elmar Brähler, Leiter des Departments für Psychische Gesundheit am Universitätsklinikum Leipzig. Vor allem jüngere Frauen und Männer zwischen 55 und 64 Jahren hatten eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Störung im Essverhalten.

Für diese bevölkerungsrepräsentative Erhebung über beide Geschlechter und alle Altersgruppen hinweg wurde erstmals der international bewährte Essstörungsfragebogen „Eating Disorder Examination-Questionaire“ (EDE-Q) verwendet. Dieser ermittelt die spezifischen Symptome und Verhaltensweisen (Psychopathologie), wie etwa ein negatives Körper- und Selbstbild, Unzufriedenheit mit dem Aussehen, selbst herbeigeführtes Erbrechen, Essanfälle, Missbrauch von Abführmitteln, übertriebene sportliche Aktivität oder Diäten.
Die 2.520 Befragten (1.354 Frauen, 1.166 Männer) waren zwischen 14 und 95 Jahre alt (mittleres Alter 50,5), der Body-Mass-Index lag zwischen 14,17 und 55,40 kg/m2. Gemäß den Selbstangaben der Befragten waren 10,8 Prozent adipös (BMI 30 kg/m2 und mehr), rund 37 Prozent übergewichtig und etwa 52 Prozent normalgewichtig.

Ähnlich wie in Vorgängerstudien zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Essstörungen und Einkommens- oder Bildungsgrad. Im Vergleich zu früheren epidemiologischen Studien fiel allerdings auf, dass bei Männern Symptome und Auffälligkeiten, die für ein gestörtes Essverhalten sprechen, in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Bei Frauen bestätigte sich, dass junge Frauen vor dem 24. Lebensjahr signifikant anfälliger sind für Essstörungen. In einer europäischen Studie hatten junge Frauen ein achtfach erhöhtes Risiko für eine Essstörung im Vergleich zu älteren Frauen.

Das IFB Adipositas-Erkrankungen ist eines von acht Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren, die in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert werden. Es ist ein gemeinsames Zentrum der Universität Leipzig und des Universitätsklinikums Leipzig (AöR). Ziel der Bundesförderung ist es, Forschung und Behandlung interdisziplinär so unter einem Dach zu vernetzen, dass Ergebnisse der Forschung schneller als bisher in die Behandlung adipöser Patienten integriert werden können.

Am IFB Adipositas-Erkrankungen gibt es derzeit über 40 Forschungsprojekte. Zur Patientenbehandlung stehen eine IFB Adipositas-Ambulanz für Erwachsene und eine für Kinder und Jugendliche zur Verfügung. Das IFB wird das Feld der Adipositasforschung und -behandlung in den nächsten Jahren kontinuierlich ausbauen.

Von Magersucht sind in Deutschland etwa 100.000 Menschen betroffen. 90 Prozent davon sind Frauen zwischen 15 und 35 Jahren. Zehn Prozent sind Männer. Essstörungen bei Männern sind bisher noch wenig erforscht. Von Ess-Brech-Störungen sind etwa 600.000 Menschen betroffen. Von Binge-Eeating sind etwa zwei Prozent der Bevölkerung betroffen, Binge-Eating wäre damit die häufigste Essstörung.

Eine Studie des Robert-Koch-Instituts mit über 17.000 Teilnehmern zwischen elf und 17 Jahren zeigte bei fast 30 Prozent der Mädchen Essstörungen wie Magersucht, Ess-Brech-Sucht oder Fettsucht. Bei Jungen waren noch 15 Prozent betroffen. Außerdem waren der Studie zufolge Kinder aus sozial benachteiligten Familien fast doppelt so häufig betroffen wie Kinder aus der oberen sozialen Schicht.


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