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Suchtbericht der Stadt Leipzig 2012: Der Rauschgiftmarkt hat sich 2010/2011 drastisch verändert

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    Seit dem 17. Juli liegt der neue Suchtbericht der Stadt Leipzig vor. Das Sozialdezernat stellt darin jedes Jahr all die Maßnahmen vor, mit denen die Stadt versucht, die Suchtproblematik in der Stadt in den Griff zu bekommen, die Probleme einzudämmen und den Gestrauchelten zu helfen. Man hat es ja in der wilden Diskussion der letzten anderthalb Jahre fast vergessen: Süchtige sind nicht in erster Linie Kriminelle, sondern Gestrauchelte. Sie sind kein Polizeiproblem, sondern eines der gesamten Zivilgesellschaft.

    Was die Stadt Leipzig tut, um Menschen aus ihrer Abhängigkeit herauszuhelfen, und was sie auch tut, um Abhängigkeiten frühzeitig zu verhindern, das ist im Suchtbericht auf 60 Seiten nachzulesen. Hier findet man auch all die Hilfsangebote, die sie unterstützt und ohne die viele Leipziger, die ein oder mehrere Suchtprobleme haben, überhaupt keine Hilfe, keine Ansprechpartner und keine Chance hätten, mit ihrer Sucht zurechtzukommen.

    Und wer liest, wird sehen, dass nicht die verbotenen Drogen Leipzigs Hauptproblem sind. Sie waren es noch nie. Auch wenn sie Jahr für Jahr für eine Handvoll Menschen den Tod bedeuten – durch eine Überdosis, durch einen Kollaps der Körperfunktionen …

    Verbotene Drogen werden nur deshalb ein Problem, weil ihr Vertrieb und ihr Besitz durch Gesetze inkriminiert sind. Hier muss die Polizei tätig werden. Hier lässt die Leipziger Polizei seit anderthalb Jahren die Muskeln spielen.

    So heißt es in der Meldung der Stadt dazu: „Die Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität, insbesondere die Verhinderung einer offenen Rauschgiftkonsumszene, ist eine Schwerpunktaufgabe, für deren Bewältigung alle rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Das bisherige repressive Konzept eines offensiven Maßnahmenbündels von gefahrenabwehrrechtlichen und strafprozessualen Maßnahmen hat sich im Berichtszeitraum insoweit bewährt, als deutlich mehr Rauschgiftdelikte festgestellt werden konnten. Dieses Konzept wird auch weiterhin flexibel und lageangepasst vorangetrieben, um eine offene Anbieterszene im Bereich der Stadt Leipzig zu verhindern. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik sind im Jahr 2011 im Zuständigkeitsbereich der PD Leipzig 1.458 Rauschgiftdelikte (Jahr 2010: 1.183) erfasst worden. Der Anteil der Rauschgiftdelikte an der Gesamtkriminalität lag 2011 bei 2,3 % (Jahr 2010: 2,0 %).“

    Das Wörtchen „insoweit“ ist wichtig: Es ist die freundliche Kritik daran, dass man das Thema trotzdem nicht zum politischen Wahlkampfthema machen darf. Dazu ist es zu brisant. Und es steckt auch ein kleines Aber in dem Wort: Aber gebracht hat der ganze Aufstand nichts. Denn die vermehrte Zahl festgestellter Rauschgiftdelikte ist schlichtweg Resultat der vermehrten Polizeikontrollen.

    Auf Seite 66 sind die festgestellten Verstöße alle einmal in einer Grafik erfasst. Und die Grafik ist entlarvend. Denn während es der Polizei gelungen ist, mit ihren Aktionen 2010 und 2011 das Angebot an Heroin und Crack auf dem Leipziger Markt zu reduzieren, indem auch wichtige Zwischenhändler einkassiert wurden, stieg im selben Maß, wie jetzt die „Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz“ mittels Heroin und Crack sanken, die Zahl der Verstöße mit „Amphetamin / Metamphetamin“, besonders hervorgehoben: Crystal. Man hat die Süchtigen nicht von ihrem Laster befreit – man hat sie schlicht zum Umsteigen auf eine andere – und wohl noch schlimmere – Droge gebracht.

    Aber selbst diese neuen Drogen dominieren nicht das Bild der ertappten Sucht-Sünder. Mit den vermehrten Kontrollen gingen der Polizei vor allem vermehrt Leute ins Netz, die mit Cannabis und Cannabis-Produkten ihre Sucht befriedigen. Das ist – bei den verbotenen Substanzen – nach wie vor die dominierende Droge in Leipzig.Da auch Drogen teurer werden, wenn die Polizei den Markt bereinigt (auch hier gelten die Gesetze der Marktwirtschaft), hat Leipzig seit 2010 den Effekt einer sichtlich steigenden Beschaffungskriminalität. Auch dazu finden sich deutliche Aussagen im Bericht.

    „Als Schwerpunkte der indirekten Beschaffungskriminalität haben sich Raubdelikte insbesondere auf Geschäfte, Einbrüche in Wohnungen und Einrichtungen sowie der Diebstahl in/aus Kfz (Pkw-Aufbruch) etabliert. Bis auf das Kriminalitätsfeld des Pkw-Aufbruchs sind tendenziell steigende Fallzahlen im Bereich der oben aufgeführten Kriminalitätsfelder zu verzeichnen. Die Entwicklung im Bereich der Pkw-Aufbrüche ist rückläufig. Nach wie vor ist die Belastung mit Straftaten des besonders schweren Diebstahls (BSD) in/aus Kfz die mit Abstand höchste im Freistaat Sachsen; so ist diese etwa drei Mal so hoch wie in Dresden (sowohl absolut wie auch in Häufigkeitszahlen ausgedrückt). Die Raubdelikte stagnieren auf einem insgesamt hohen Niveau, während die Wohnungseinbrüche eine deutliche Zunahme erfahren haben.“

    Und dann der deutliche Satz: „Die geschilderte Entwicklung indiziert einen gestiegenen Finanzierungsbedarf drogenabhängiger Täter. Die PD Leipzig führte in dem Zusammenhang für den Zeitraum der letzten zwei Jahre eine Untersuchung zu den erfassten Wohnungseinbruchsdiebstählen (Hellfeld auf Basis von PASS-Daten) durch.

    Im Ergebnis wurde festgestellt, dass im Jahr 2011 ca. 44 Prozent (im Jahr 2010 ca. 49 Prozent) der Tatverdächtigen zu den Wohnungseinbrüchen einen direkten Betäubungsmittelhintergrund aufwiesen. Herausragend hoch war die Zunahme von Wohnungseinbrüchen, bei denen die Täter gemeinschaftlich handelten.

    Aktuell sind 1.161 Tatverdächtige der 2011 in Leipzig bekanntgemachten 19.143 Tatverdächtigen als BtM-Konsumenten, Konsumenten harter Drogen und/oder Rauschgiftschmuggler/ -händler erfasst (PASS-Recherche, Stand: 17. Januar 2012).“

    Und während der eine oder andere Hardliner glaubt, mit dem Verbot der diversen Rauschmittel würde der Gesellschaft auch wirtschaftlicher Schaden erspart, für den gibt es im Bericht auch eine kleine Rechnung: „Aufgrund von statistisch nicht belegbaren, aber sich regelmäßig ähnelnden Angaben von Konsumenten harter Drogen in polizeilichen Vernehmungen ist davon auszugehen, dass diese im Raum Leipzig derzeit etwa 70 – 80 ? pro Tag benötigen, um ihre Sucht zu finanzieren.

    Dies bedeutet, dass ein Konsument harter Drogen ca. 25.000 – 30.000 ? im Jahr zur alleinigen Finanzierung seiner Suchterkrankung benötigt. Bei einer polizeilichen Schätzung der Anzahl der Opiatabhängigen auf ca. 1.250-2.500 in der Stadt Leipzig würde dies einen jährlichen Kostenaufwand von 30 – 75 Mio ? für den Erwerb von Betäubungsmitteln bedeuten.“

    Die Leipziger Polizei befindet sich, wenn sie aktiv wird, also auf einem durchaus lukrativen Markt. Ein paar gut organisierte Leute, die in der Regel in keine Leipziger Komplexkontrolle geraten, verdienen sich hier goldene Nasen. Und sie schichten den Markt einfach um, wenn die Polizei bei Heroin zum Beispiel zu erfolgreich ist: „Die Sicherstellungsmengen im letzten Jahr sind trotz steigender Fallzahlen und erhöhtem Verfolgungsdruck rückläufig. Das Ausweichen des Marktes weg von Heroin zeigt sich auch an den gegenüber 2009 und 2010 erheblich geringeren Sicherstellungsmengen“, heißt es dazu im Bericht. „Die stark gestiegenen Sicherstellungen an Flunitrazepam sind auf eine Großsicherstellung und den verstärkten Verfolgungsdruck zurückzuführen. Bei Personenkontrollen wurden im Allgemeinen 10 bis 30 Flunitrazepam fest- und sichergestellt. In Ausnahmefällen waren es zwischen 80 und 296 Stück.“

    In der Mitteilung des Sozialdezernats zum Bericht wird das noch einmal so zusammengefasst: „Über die vergangenen Jahre hat sich in Leipzig eine deutliche Veränderung des Drogenmarktes und des Konsumverhaltens vollzogen. Bei Cannabisprodukten ist ein gestiegener Wirkstoffgehalt zu verzeichnen, der mit einer höheren Gefährdung der Konsumenten einhergeht. Hinzu kommen künstliche Cannabinoide, deren gesundheitsschädliche Wirkung aufgrund der Verschiedenartigkeit der verwendeten Substanzen nicht eingrenzbar ist.

    Im Bereich der Methamphetamine – insbesondere bei Crystal – ist eine gesteigerte Nachfrage zu beobachten, die mit der abnehmenden Verfügbarkeit von Heroin in Leipzig einhergeht. Crystal hat ein besonders hohes Suchtpotenzial und verursacht in verhältnismäßig kurzer Zeit schwere und irreversible Gesundheitsschädigungen.“ Zum Beispiel: „Ca. 95 Prozent aller Metamphetaminabhängigen wiesen psychotische Symptome auf.“

    Und wohin geht die Reise? – Die Polizei will den Druck auf die Szene aufrecht erhalten. Was auch bedeutet: „Die indirekte Beschaffungskriminalität wird sich weiterhin in anhaltend hohen Fallzahlen von Ladendiebstählen, Raubdelikten, besonders schweren Fällen des Einbruches in/aus PKW, in Wohnungen, Büros sowie Geschäften und Einrichtungen zur Finanzierung des illegalen Erwerbs von Betäubungsmitteln auswirken.“

    Und Ursache dafür, dass gerade in Leipzig die Fallzahlen so hoch sind, ist neben der günstigen zentralen Lage auch die „ungünstige Sozialstruktur“. Ein zarter Hinweis darauf, dass das Armutsproblem der Stadt Leipzig eine der Ursachen des Suchtproblems und der Beschaffungskriminalität ist.

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    Und wer jetzt Zahlen zu den eigentlichen dominierenden Süchten der Leipziger erwartet, findet sie zumindest teilweise in den Einzelberichten zu den Beratungs- und Präventionsangeboten. Die häufigste und am häufigsten geleugnete Sucht ist nach wie vor die Alkoholsucht, sie dominiert deutlich vor den Opiat- und Cannabisabhängigkeiten, die in den Suchtberatungsstellen registriert werden. Die Nikotinsucht und einige andere gesellschaftlich sogar belohnte Süchte kann man hier einmal ausklammern. Mit Nikotin schädigen sich die Betroffenen zwar selbst – aber sie landen eher nicht als Süchtige in den Betreuungseinrichtungen des Gesundheitswesens, sondern als Krebserkrankte.

    Das Tragische beim Alkohol ist, dass diese Sucht sich über lange Jahre des steigenden Konsums erst aufbaut und oft erst spät für die Mitwelt sichtbar wird. Wer in den Suchtberatungsstellen als Alkoholsüchtiger auftaucht, hat meist Jahrzehnte einer zunehmenden Abhängigkeit hinter sich.

    Was auch nicht in Polizeiberichten auftaucht sind die mittlerweile recht häufigen Abhängigkeiten von Stimulanzien – also in der Regel diversen Aufputschmitteln – und von pathologischem Spielverhalten.

    Der Suchtbericht 2012 als PDF: www.leipzig.de

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