Mehrere Krankenkassen haben in den letzten Tagen ihre Meldungen zum Krankenstand im ersten Halbjahr 2012 veröffentlicht. Darunter auch der AOK-Bundesverband. Auch hier wurde eine deutliche Zunahme der Zahl psychischer Erkrankungen laut Krankschreibungen registriert. Und nicht nur die AOK brachte das in Verbindung mit Veränderungen in den Arbeitsbedingungen.

Für die in Leipzig ansässige Stiftung Deutsche Depressionshilfe war das ein Grund, zur Vorsicht zu mahnen. Nicht immer haben ansteigende Krankmeldungszahlen mit der Zunahme eines tatsächlichen Phänomens zu tun. Oft zeigen sie auch nur, dass eine Gesellschaft zunehmend sensibilisiert ist für ein bestimmtes Leiden.

„Ähnlich werden in öffentlichen Berichterstattungen und Diskussionen Zusammenhänge zwischen einer vermuteten Zunahme von Burnout und Depression einerseits und soziokulturellen Veränderungen andererseits diskutiert. Oft basieren diese Diskussionen jedoch auf falschen, einseitigen oder nicht belegten Annahmen“, erklärt die Stiftung. „Einige der Fehlannahmen tragen zur Stigmatisierung depressiv Erkrankter bei, vergrößern die Behandlungsdefizite und verlängern das Leiden der Betroffenen.“

„Die in den letzten Jahren verstärkte Medienberichterstattung über depressiv Erkrankte sowie die Statistiken der Krankenkassen und Rentenversicherungsträger mit Zunahme an Arbeitsunfähigkeitstagen und Frühberentungen wegen Depression erwecken den Eindruck, dass Depressionen deutlich häufiger werden. Der aktuelle AOK-Fehlzeitenreport nennt als eine Ursache für diese postulierte Häufigkeitszunahme die erhöhten Anforderungen an Flexibilität und Erreichbarkeit in der modernen Arbeitswelt“, so die Stiftung in einer ausführlichen Pressemitteilung zum Thema. „Hinter der Zunahme in den Statistiken dürfte jedoch eher die sehr wünschenswerte Entwicklung stehen, dass

– sich mehr Erkrankte professionelle Hilfe holen,
– Ärzte Depressionen besser erkennen und behandeln, und, vermutlich am wichtigsten,
– Depressionen auch Depressionen genannt und nicht hinter weniger negativ besetzten Ausweichdiagnosen wie chronischer Rückenschmerz, Tinnitus, Fibromyalgie, Kopfschmerz, Chronic Fatigue etc. versteckt werden. Der eher Verwirrung stiftende Begriff Burnout ist allerdings neuerdings als Ausweichdiagnose in Mode gekommen.“

Auch Querschnittserhebungen hätten keine Zunahme von depressiven Erkrankungen nachweisen können. Das Sinken der Zahl von Selbstmorden in Deutschland spräche eher dafür, dass die Gesellschaft gelernt habe, mit psychischen Erkrankungen besser umzugehen.

Und die moderne Arbeitswelt, so nervtötend sie auch sei, spiele wohl auch keine Rolle bei der Entwicklung depressiver Erkrankungen. Die Stiftung in ihrer Pressemitteilung dazu: „Viele Menschen erleben, dass Abläufe im Berufsleben immer straffer und schneller werden. Durch neue Medien wie Smartphone, E-Mails etc. verfolgen uns Arbeitsprobleme bis in die Freizeit und den Urlaub. Ein Gefühl der Atemlosigkeit und ‘Gestresstsein’ ist vielen vertraut.

Deshalb ist die Annahme verständlich, dass es hierdurch zu vermehrten Depressionen kommt. Ob und inwieweit dies tatsächlich zutrifft, ist aber unklar. Hier ist zu bedenken, dass es im Vergleich zu früher in vielen Bereichen strenge und oft auch eingehaltene Arbeitszeitschutzgesetze gibt, die Überforderungen einen Riegel vorschieben. Weiter sind Depressionen bei Berufstätigen keineswegs häufiger als bei anderen Personengruppen und von einer generellen Zunahme depressiver Erkrankungen kann, wie oben ausgeführt, nicht ausgegangen werden. Zudem stellt Arbeit für viele Menschen eher einen Schutzfaktor bezüglich depressiver Erkrankungen dar.“

Das Problem dabei: Mancher fühlt sich zwar durch die modernen Arbeitsabläufe (und ihre diversen belastenden Begleiterscheinungen) oft belastet, ausgelaugt und niedergeschlagen. Der Zustand ist aber in der Regel, so die eindeutige Warnung der Stiftung, noch keine depressive Erkrankung. Der so Betroffene kann sich eben doch nicht wirklich vorstellen, auch wenn vieles so anmutet wie eine depressive Erkrankung: „Jeder depressiv Erkrankte fühlt sich erschöpft, ausgebrannt. Die große Mehrheit leidet unter hartnäckigen Schlafstörungen, oft mit Erwachen in den frühen Morgenstunden, gefolgt von oft über Stunden gehendem Gedankenkreisen und Grübeln.“

Oft hilft da tatsächlich, dass sich der von der Arbeit Getriebene eine Auszeit nimmt, genug Erholung, Freizeit und Ausgleich gönnt. Einem wirklich an einer Depression Erkrankten rät die Stiftung von einem Urlaub als Ausflucht hingegen dringend ab: „Die Depression reist mit, und die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung über den eigenen depressiven Zustand wird in der fremden Umgebung noch intensiver.“

Um wirklich eine Depression festzustellen, ist logischerweise der Weg zum Facharzt nötig.

Vielleicht diagnostiziert so mancher Arzt da lieber auch das wissenschaftlich nicht untersetzte „Burnout“, um all die diffusen Beschwerden einer auf Informationsüberflutung und Daueranspannung fixierten Arbeits- und Lebenswelt zu fassen mit all ihren Formen gefühlter Über- oder Unterforderung. Da hilft wahrscheinlich in vielen Fällen wirklich ein Wechseln der Einstellung zum eigenen Tun und Lassen, ein ehrliches „Du musst dein Leben ändern“, wie Rilke es formulierte. Da helfen dann keine Therapien und keine Medikamente – man muss es selber tun.

Manchmal heißt das auch schlicht: Verzicht. Aufs teure Auto, das unbezahlte Eigenheim, die wilden Partys, den Job im klimatisierten Büro. Dazu braucht es dann oft ein Stück Ehrlichkeit.

Aber wer hat die schon?

Die recht ausführliche Information zu wichtigen Fragen rund um das Thema Depression: www.deutsche-depressionshilfe.de

Der Tipp für wirklich Betroffene: Die nächste Beratung durch Mitglieder von Selbsthilfegruppen zum Thema Depression findet am Dienstag, 28. August, zwischen 16 und 18 Uhr in der Selbsthilfekontakt- und -informationsstelle (SKIS) des Gesundheitsamtes, Friedrich-Ebert-Straße 19 a, Erdgeschoss, Zimmer 6, statt. Es wird um telefonische Anmeldung unter (0341) 123-6755 gebeten.

www.leipzig.de/selbsthilfe

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