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SPD-Landtagsabgeordnete Sabine Friedel antwortet einer verzweifelnden Mutter

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    Wie reagiert man auf den „Brief einer verzweifelnden Mutter an den Ministerpräsidenten Michael Kretschmer“, in dem die Briefschreiberin ihre durchaus berechtigte Sorge darum formuliert, ob die in Sachsen ergriffenen Maßnahmen den Schulkindern nicht eher schaden? Da die Briefschreiberin den Brief auch an die Landtagsfraktionen geschickt hat, nutzte die SPD-Abgeordnete Sabine Friedel die Gelegenheit zu einer ebenso öffentlichen Antwort.

    Sie ist in ihrer Fraktion Sprecherin für Schule und auch Kindertagesstätten, beschäftigt sich also auch direkt mit der Frage, wie sich die angekündigten Schulschließungen auch wieder auf Gesundheit und Wohlergehen der Kinder auswirken.

    Der Brief von Grit Marx an den Ministerpräsidenten, die Landtagsfraktionen und in cc auch an die sächsischen Medien:

    Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

    ich möchte Sie fragen, auf Basis welcher WISSENSCHAFTLICHEN Arbeiten die „Corona-Maßnahmen“ und vor allem deren Verschärfung BEGRÜNDET sind.

    Ich kann in der Literatur KEINEN Beleg dafür finden, dass ein 15km-Radius das Infektionsgeschehen beeinflusst. Hier müssen Sie sich Willkür vorwerfen lassen.

    Ich finde auch KEINEN Beleg dafür, dass Kinder besonders gefährdet sind und sie mittelbar oder unmittelbar das Infektionsgeschehen vorantreiben. Eher finde ich Belege für das Gegenteil. Schul- und Kitaschließungen sind also auch willkürlich verordnet. Mit welchem Recht entziehen Sie Kindern Ihre Lebensgrundlage und -freude?! Seit wann sind Kinder weniger wert und haben weniger Rechte als Senioren?! Auch UNICEF spricht sich gegen Schulschließungen aus (COVID-19: UNICEF kritisiert Trend zu erneuten Schulschließungen).

    Ich finde auch KEINEN Beleg dafür, dass sich Menschen besonders oft in Restaurants oder gar Theatern infiziert hätten. Mit welchem Recht also zerstören Sie Existenzen?!

    Ihre Maßnahmen entspringen einzig und allein blindem Aktionismus. Und diese Maßnahmen richten mehr Schaden an als Corona selbst (Infection fatality rate of COVID-19 inferred from seroprevalence data, Averting a lost COVID generation).

    Ich finde es richtig, besonders gefährdete Menschen zu schützen (und nicht nur vor SARS-CoV-2). Geben Sie KOSTENLOS FFP2-Masken an diese Menschen ab, lassen Sie das Personal in Krankenhäusern, Schulen, Alten- und Pflegeheimen täglich testen (Antigen-Schnell-Test), erhöhen Sie die Zahl an Pflegekräften und Ärzten durch höhere Löhne und einen deutlichen verbesserten Personal-Patienten-Schlüssel, lassen Sie keine weiteren Privatisierungen von Krankenhäusern zu. Das Gesundheitswesen darf nicht zu einem Wirtschaftszweig degradiert werden! Investieren Sie in Forschung und Entwicklung von Impfungen und Behandlungsmöglichkeiten!

    Um es klar zu sagen: Werfen Sie nicht den Kindern steigende Sterbezahlen vor! Ihre Regierung und die vorherigen Regierungen tragen die allein menschgemachte Schuld am Sterben der Menschen! Die Krankenhauskapazitäten wurden seit den 90ern um ca. 25 % reduziert (Anzahl der Krankenhausbetten) während die Bevölkerung immer älter wurde. Und das sollte auf Dauer gutgehen?! Wachen Sie auf!

    Sie werden das Infektionsgeschehen nicht verhindern können. Stellen Sie sich dieser Tatsache. Coronaviren haben ihren Höhepunkt im März. Wollen Sie bis April 2021 die Menschen zum sozialen Tod verurteilen?! Sie zerstören Kinderseelen! Sie sollten sich schämen.

    Noch einmal: Ein Lockdown rettet keine Menschenleben! Er verschiebt die Todesursachen.

    Der Staat hat nicht die Pflicht, Menschen vor Krankheiten zu schützen. Er würde auch kläglich scheitern. Aber er hat die Pflicht, Menschen das Handwerkszeug (z. B. in Form von Bildung) mitzugeben, um sich selbst und andere zu schützen. Und er hat die Pflicht, eine adäquate Behandlung sicherzustellen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Grit Marx

    PS.: Und hinterfragen Sie endlich die Infektionszahlen. Der Nachweis der Unzuverlässigkeit des „Drosten-PCR-Tests“ ist längst erbracht.

    ***
    Anmerkung der Reaktion: „Der Nachweis der Unzuverlässigkeit des ,Drosten-PCR-Tests‘“ ist mitnichten erbracht. Den thematisiert zwar ein am 27. November veröffentlichter „Corman-Drosten-Review-Report“. Aber es ist wie so oft bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen: Die eine einhellige Forschungsmeinung gibt es nicht. Und auch die Studien renommierter Autoren müssen sich wissenschaftliche Kritik anderer Fachkollegen gefallen lassen. Dass PCR-Tests unzuverlässig seien, belegt der Report keinesfalls.

    Und dass die Infektionszahlen hoch sind, merken schon längst sämtliche sächsischen Krankenhäuser und Intensivstationen. In Sachsen werden aktuell (stand 10. Dezember) 473 Menschen wegen COVID-19 im Krankenhaus behandelt, 241 müssen invasiv beatmet werden.

    Weitere Informationen zum PCR-Test finden Sie bei der Deutschen Gesellschaft für Virologie (PDF).

    Die ebenso emotionale Antwort von Sabine Friedel:

    Sabine Friedel, SPD Sachsen. Foto: Götz Schleser
    Sabine Friedel, SPD Sachsen. Foto: Götz Schleser

    Sehr geehrte Frau Marx,

    Sie haben Ihre Mail an den Ministerpräsidenten in Kopie an mich geschickt. Deshalb will ich Ihnen gern antworten. Man kann über die Details einzelner Corona-Maßnahmen unterschiedlicher Meinung sein. Aber schauen wir doch erst einmal mal, wo wir vielleicht einer Meinung sein können.

    Sicherlich stimmen wir darin überein, dass es die Krankheit Covid-19 überhaupt gibt. Das ist ja auch gar keine Meinung, sondern ein Fakt. Über Fakten, also nachprüfbare Tatsachen, lohnt es sich gar nicht zu streiten. Also klären wir zunächst einmal die Fakten:

    – Die Krankheit Covid-19 existiert.
    – Sie wird von einem Virus verursacht, dem Coronavirus.
    – Das Virus überträgt sich von einem Menschen zum anderen.
    – Die Übertragung erfolgt durch Kontakt. Und zwar durch Aerosole im Atem und Tröpfchen am Körper.
    – Je weniger Kontakte, desto weniger Aerosole und Tröpfchen gehen von einem Körper zum anderen über.
    – Die Reduzierung von Kontakten reduziert also das Infektionsrisiko.

    Auf dieser gemeinsamen Ausgangsbasis können wir dann den Meinungsstreit beginnen: Welche der einzelnen Maßnahmen ist ihrer Meinung nach gut geeignet, Kontakte zu reduzieren und welche ist weniger gut geeignet? Ich sage Ihnen dazu gern meine Meinung:

    – Der 15-Kilometer-Radius ist willkürlich. Da haben Sie völlig recht. Man hätte auch 16 oder 14 Kilometer wählen können. Worum es bei der Maßnahme geht, ist dafür zu sorgen, dass sich Menschen zum Einkaufen und Spazierengehen nicht unnötig weit vom Wohnort wegbewegen. Denn je länger der Weg ist, desto mehr Kontakte hat man und desto unnachvollziehbarer wird jeder einzelne davon, sodass sich Infektionsketten aufbauen.

    – Schul- und Kitaschließungen: Wir bedauern diese Schließungen sehr. Denn Sie haben recht: So wird den Kindern nicht nur Bildung, sondern auch ein gewisser Teil Lebensfreude entzogen. In der jetzigen Situation, wo Krankenhäuser Patienten abweisen müssen und täglich 500 Menschen sterben, sind die Schließungen unumgänglich, denn so werden die Kontakte enorm reduziert.

    Aber: Es war im Rückblick betrachtet ein Fehler – auch unser Fehler, nicht viel eher den Regelbetrieb von Kitas und Schulen einzuschränken – also zum Beispiel mit einem Wechsel aus Präsenz- und Online-Unterricht die Kontakte zu reduzieren. Bei weiteren Infektionswellen muss das aus unserer Sicht besser gemacht werden.

    – Menschen haben sich nicht besonders oft in Restaurants und Theatern infiziert, da haben Sie recht. Menschen infizieren sich beim Kontakt mit anderen Menschen. Also geht es bei allen Maßnahmen darum, den Kontakt zu anderen Menschen so weit wie möglich einzuschränken. Und dazu dient die Schließung von solchen Kontaktmöglichkeiten. Dabei geht man sozusagen von außen nach innen vor: Was nötig ist zum Überleben, muss geöffnet bleiben – also Arztpraxen, Lebensmittelläden, Apotheken.

    Was nicht unbedingt überlebensnotwendig ist, wird vorübergehend eingeschränkt. Damit eben keine Existenzen zerstört werden, gibt unser Staat gerade viel Steuergeld aus, um die Unternehmen und Selbstständigen mit Zuschüssen über diese Zeit zu bringen.

    – Es werden kostenlose FFP-2-Masken abgegeben, es werden hunderttausende Tests täglich durchgeführt. Doch solange es nicht gelungen ist, einen zuverlässigen Test zu entwickeln, den jeder selbst an sich vornehmen kann, solange braucht es für die Testung und Auswertung medizinisches Personal. Das ist begrenzt, kann auch nur 10 Stunden pro Tag arbeiten und deshalb ist es derzeit schlicht nicht möglich, jeden immer zu testen. In die Forschung werden bereits hunderte Millionen Euro investiert, auch hier brauchen Ergebnisse ein bisschen Zeit und es ist schon vieles – von den Tests bis zum Impfstoff – erfolgreich erforscht und umgesetzt worden.

    Schließlich sind wir auch in einem weiteren Punkt gleicher Meinung: Sie schreiben „Sie werden das Infektionsgeschehen nicht verhindern können“. Das sehe ich auch so. Doch man kann es reduzieren. Die Maßnahmen, die jetzt ergriffen werden, können dafür sorgen, dass täglich nicht mehr 500 Menschen sterben, sondern nur noch 400 oder 300. Ist das nichts? Für jeden einzelnen Menschen, der betroffen ist, ist das geradezu ALLES!

    Sein Leben zu behalten, seine Mutter nicht zu verlieren – zumindest noch nicht jetzt, mit seinem Ehemann noch ein paar weitere Jahre genießen zu können, das ist doch für alle Menschen, die ich kenne, und für mich auch, das Wichtigste, das Entscheidende, das Einzige: Diesem Ziel, Zeit auf dieser Erde mit meinen Lieben zu haben, ordne ich vieles unter. Und das geht doch allen Menschen so – etwas anderes zu glauben, erscheint mir zynisch.

    Sehr geehrte Frau Marx, wir erleben derzeit, dass eine übergroße Mehrheit der Menschen genau das tut, was Sie beschreiben: Sie schützen sich und andere. Sie nehmen ihre eigenen Bedürfnisse zurück, um die Gesundheit aller zu schützen. Mich erfüllt das mit Respekt und großer Dankbarkeit. Und ich bin überzeugt davon, dass es die Pflicht des Staates ist, diese verantwortungsvoll handelnden Menschen zu unterstützen: Indem er Regeln aufstellt, die für all jene, die von selbst verantwortungsvoll handeln, gar nicht aufgestellt werden müssten, weil sie ohnehin eingehalten werden. Aber die für die wenigen, die nicht aus eigenem Antrieb zum Kontaktverzicht bereit sind, eine Anleitung sind, wie sie sich zu verhalten haben.

    Vielen Dank, dass Sie so lange gelesen haben. Vielleicht ist es wirklich gelungen, dass wir an einigen Punkten eine gemeinsame Sichtweise gefunden haben. In jedem Fall wünsche ich Ihnen trotz der besonderen Umstände eine frohe Adventszeit
    und bleiben Sie gesund,

    Sabine Friedel MdL
    SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag

    Donnerstag, der 10. Dezember 2020: Leipzig knackt 5000er-Marke und Petra Köpping setzt den Buzzer gegen Corona ein

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