Leo liest die neueste Sommermärchen-Heimat-Wundertüte

Eine Truman-Welt mit einem komischen Alt-Bundespräsidenten

Für alle LeserNa, Leo, wieder mal ein Flapp-Flapp lesen? Am Donnerstag gab’s wieder so ein Ding, ausgekippt ins ganze Land: Die Postille für das Volk der Jubler, Tröter und Besoffensänger. Irgendwo da hinten in Sibirien findet das Ding statt, über das unsere geliebten Beglückungsmedien nun seit Wochen reden, als wäre das die Weltverbrüderung. Und als hätten die Herren mit den bierschönen Wampen nichts anderes im Kopf. Wahrscheinlich nicht. Flapp. Und jetzt soll ich das Ding auch noch besprechen.

Da gibt es nichts zu besprechen.

Dass nichts drinsteht, hab ich ja nun schon tausendmal erzählt. Außer dass ich vielleicht nicht gesagt habe, welch ein Verdacht mich plagt. So ein „Truman Show“-Verdacht. Auch wenn ich mir nicht anmaße, ein Truman Burback oder Jim Carrey zu sein. Aber vielleicht geht es Ihnen ja auch so: Sie stapfen durch Ihr handfestes, hartes Dasein, ecken an, holen sich Beulen, arbeiten ein Problem nach dem anderen ab und sind froh, dass sie am Abend den größten Mist weggeräumt haben und in der Glotze mal KEIN Fußball übertragen wird, bei dem die hirnzerweichten Herren Biertrinker bis in die Nacht pöbeln und fluchen …

… und dann kommen sie um die Ecke, und ein grinsender Clown drückt Ihnen Werbescheiß für irgendein Fitnessstudio, Bauchabsaugen oder eine superschnieke Modebudike in die Hand. Und du guckst das junge Gespons an, das sich wahrscheinlich nur ein paar Kröten dazuverdient und nachher gleich wieder in der Heidegger-Vorlesung sitzt …

… und du fragst dich: Für welche Scheiße geben sich junge kluge Menschen eigentlich her, damit sie überhaupt ein paar gnädige Kröten bekommen?

Und das passiert einem ja nicht nur auf Leipzigs Fressmeilen. Von den Shopping-Malls (Konsum-Zwang-Revieren) will ich da gar nicht reden, aber jeder versiffte Radiosender, jedes bekloppte Fernsehprogramm ist für mich so ein verdammter Ausflug in eine Truman-Show, in der ich die ganze Zeit das Gefühl habe, dass mir überbezahlte Lackel die ganze Zeit Lamadecken und Versicherungspolicen für meinen Dackel anzudrehen versuchen.

Und genau so geht es mir die ganze Zeit, wenn ich wieder so ein in Millionenauflage ins Land gekipptes Grastis-Blatt in die Hand bekomme.

Am Donnerstag platschte es ja wieder bei uns auf den Abtritt. Vier grinsende Fußballernasen auf dem Titel. Schiet aber ooch, dachte mir. Jetzt kommt wieder das Tobefestival der Bekloppten und Besoffenen. Und lauter Säufernasen werden aus allen Gaststätten herausbrüllen, dass das wieder ein WUNDEFBARTOLLES SOMMERMÄRCHEN ist. Und  dazu den alkoholpegligen Schlacht-Ruf: DEUUUUUUUUUUTSCH-LAND!!!

Und wahrscheinlich taucht auch überall wieder breit grinsend der Franz auf und sagt sein Gedöns zur heimatseligen Besäufnis, der natürlich bei den vier abgebildeten WELTMEISTER!!!-Nasen unbedingt dabei sein muss.  Sie haben ihn zwar irgendwie erwischt, wie er das Ding von 2006 nach Deutschland gekauft hat. Ich bin ihm nicht mal böse deswegen. Denn so funktioniert der Tingeltangel, schietegal, ob Olympische Ich-liebe-Diktatoren-Spiele oder Fußball-Bambeleien mit freundlichen Tyrannen.

Und drin gibt es tatsächlich ein Interview mit den vier Fußbnallnasen, in dem die ganzen Ach-wie-toll-das-war-Phrasen noch einmal bunt gemixt sind. Und dann hätte ich eigentlich gedacht, dass die Fußballeros des Boulevard-Blatts den Rest mit lauter Fußballer-Porträts, Trainerlegenden, Prophezeiungen aus dem Rasengrün und anderem Halligalli für Leute füllen, die sich jetzt schon mal für die Vorrunde warmsaufen.

Aber da staunt der Leo: Nüschte.

Dafür seitenweise Interviews mit mehr oder weniger berühmten Nasen zum Leib-und-Magen-Thema der Haudrauf-Postille: HEIMAT! Mit Ausrufezeichen, aber hübsch eingewickelt in schwarz-rot-goldenes Wohlfühl-Gedöns. Deswegen fielen mir gleich die ganzen Wohlfühl-Clowns aus dem Fernsehen ein. Es ist dieselbe bunte Suppe.

Und wenn ich ein Minütchen drüber nachdenke, weiß ich auch, warum eine Menge Leute, denen ich eigentlich noch ein bisschen eigenen Grips zugetraut hätte, die ganze Zeit glauben, dass sie genau in so einer Welt zu Hause sind (aber nicht mal wissen, wo der nächste Döner-Laden ist): Sie leben Tag für Tag genau in dieser aufgetakelten Katalog-Welt, in dieser Schöne-Heimat-Versatzstück-Welt. Wie die ganze AfD, die Anbetergemeinde des Dudelfunks.

Und hier steht auch der Quatsch, den unser in Pension geschickter Alt-Bundespräsident Gauck gesagt hat und den jedes Deppen-Portal gleich am Donnerstag verbreitet hat. Ich weiß nicht, wo er da nach seinem Amtsende hingeraten ist. Aber augenscheinlich in Gesellschaften, wo dieses ganze etepetete Ich-bin-ja-gar-kein-Menschenverachter-Gedöns mittlerweile die Norm ist. Truman-Show, sag ich nur.

Jedenfalls klingt es, als hätte er die ganzen letzten Jahre nur Fernsehen geguckt, diese ganzen sinnbefreiten Talkshows: „Dass wir uns jetzt besonders mit dem Begriff ‚Heimat‘ beschäftigen, hängt in der Tat mit der Flüchtlingskrise zusammen. Durch die Welle der Zuwanderung entsteht bei manchen Menschen das Gefühl: Wir sind gar nicht mehr bei uns zu Hause, sondern werden überfremdet.“

Hat er die Antwort gleich vom Reporter schreiben lassen?

Für mich ist auch dieses „Heimat“-Gebabbel verlogen. Erst recht, wenn Gauck auch noch anfängt mit: „Und manche Zugewanderten halten Frauen nicht für gleichberechtigt …“

Ehrlich? Hört man mit 78 eigentlich mit Denken auf?

Ich schreib den ganzen blasierten Satz einfach mal um. Vielleicht merkt ja einer was.

Verdammt viele Deutsche „halten Frauen für nicht gleichberechtigt oder stellen ihre Religion über das Gesetz. Das dürfen wir nicht hinnehmen.“

Also doch lieber wieder das Kruzifix abhängen? Na, liebe Bayern?

Aber bevor ich mich über den alten Mann und sein Meer aufrege, falte ich das lappige Papier lieber zusammen und trage es dahin, wo die ganzen Heimat-Wundertüten-Blätter hinwandern: in die blaue Tonne …

***

„Hat einer den Leo gesehen? Warum ist er nicht mehr im Bild?“

„Ich glaube, er hat die Tür nach draußen gefunden. Das mit der Zeitung war wohl doch ein bisschen viel.“

„Können wir ihn betäuben und wieder zurückschaffen?“

„Ich glaube, das hilft nicht mehr …“


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