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Orientalismus heute – arabische und deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftler diskutieren in Leipzig

Was ist der Orient – und wer bestimmt das? Wie reden wir über den arabischen Raum, aber auch über Iran und Indien, welche Traditionen des Sprechens und Schreibens gibt es, und was sagen Texte und Bilder über die "andere" Kultur letztlich über die eigene aus? Diese und andere Fragen werden vom 25. bis 27. Oktober 2018 am Institut für Germanistik der Universität Leipzig diskutiert.

Bei einer internationalen Konferenz kommen arabische und deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftler mit Experten aus vielen anderen Ländern zusammen. Neben Fachvorträgen werden auch künstlerisch-literarische Beiträge zu hören sein. Eröffnet wird die Konferenz am 25. Oktober um 19 Uhr mit einer Lesung des vielfach ausgezeichneten Autors Sherko Fatah in der Universitätsbibliothek Leipzig.

An der Konferenz „Orientalismus heute – Perspektiven arabisch-deutscher Literatur- und Kulturwissenschaft“ (PDF-Dokument) nehmen Forscher aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Polen, Ägypten, Marokko, Syrien und Kanada teil. Sie diskutieren über ein Thema, das in einer zunehmend von Islamophobie und Überfremdungsängsten geprägten westlichen Gesellschaft dringlicher denn je erscheint.

„Mit dem Titel unserer Tagung beziehen wir uns auf Edward W. Saids wirkungsreiche Studie Orientalismus, die im Jahr 1978 veröffentlicht wurde und seitdem für Kontroversen in den verschiedenen Philologien und Kulturwissenschaften gesorgt hat“, erklärt Dieter Burdorf, Professor für Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie am Institut für Germanistik der Universität Leipzig. Gemeinsam mit seinen Institutskollegen Dr. Stephanie Bremerich und Abdalla Eldimagh organisiert er die Konferenz. Damit führen sie eine Kooperation mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst fort, die vor zwei Jahren in Leipzig mit einer syrisch-deutschen Tagung zu Flucht, Exil und Migration in der Literatur begann.

Was ist mit „Orientalismus“ genau gemeint? Laut Edward W. Said gibt es „den“ Orient nicht. Vielmehr muss dieser als ein Konstrukt des Westens verstanden werden, das sich in Bildern und Texten seit dem 18. Jahrhundert verfestigt hat. Die These des 2003 verstorbenen US-amerikanisch-palästinensischen Literaturtheoretikers lautet, dass orientalistische Diskurse den Orient überhaupt erst produziert und dabei als das Andere des Westens im öffentlichen Bewusstsein zementiert haben.

„Das ist originell, polemisch, provokant, streitbar – und 40 Jahre nach der Erstpublikation von Orientalismus von bestechender Aktualität. Ein Ziel der Konferenz ist es, Saids Kernthesen im direkten Austausch zwischen arabischen und deutschen Literatur- und Kulturwissenschaftlern kritisch zu hinterfragen“, sagt Stephanie Bremerich. Neue islamophobe Tendenzen wie die pauschalen Gleichsetzungen von Islam und Gewaltbereitschaft, Terrorismus, Frauenfeindlichkeit und Rückständigkeit forderten Saids Orientalismus-Konzept heraus.

„Der Orient, das ist heute nicht mehr nur ein als weit weg imaginierter exotischer Raum, sondern das ist auch die Vorstellung vom Feind im Inneren des eigenen Landes. Da stellt sich natürlich die Frage, inwiefern zeitgenössische Stereotypisierungen noch zureichend mit dem Begriff des ‚Orientalismus‘ beschrieben werden können. Haben wir es vielleicht schon mit Diskursen des ‚Neo-Orientalismus‘ zu tun?“, sagt Abdalla Eldimagh.
Das Spektrum der kultur- und literaturwissenschaftlichen Vorträge, die am 26. und 27. Oktober in der Bibliotheca Albertina sowie im Geisteswissenschaftlichen Zentrum in der Beethovenstraße zu hören sein werden, ist breit.

Es reicht von Auseinandersetzungen mit der historischen Blütezeit der arabisch-islamischen Kultur über Orientbilder in der deutschen Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts bis hin zu Darstellungen des Islams in Lesebüchern der DDR und der BRD sowie zu Orientalismen in der Deutschschweizer Gegenwartsliteratur. Bilder von Migration im zeitgenössischen westlichen Film stehen ebenso zur Debatte wie deutsch-jüdische Perspektiven in der Islamwissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts oder feministische Positionen in der zeitgenössischen arabischen Literatur.

Die wissenschaftlichen Fachvorträge werden durch eine Lesung des deutsch-irakisch-kurdischen Autors Sherko Fatah und ein Filmforum der deutsch-ägyptischen Filmtheoretikerin und Filmemacherin Viola Shafik ergänzt. „Wir sind sehr froh, dass wir Sherko Fatah und Viola Shafik für unsere Veranstaltung gewinnen konnten. Sie sind zwei wichtige und eindringliche Stimmen der gegenwärtigen Kulturszene und stehen für das, worum es uns auch in der Wissenschaft geht: den kritischen interkulturellen Dialog“, betont Prof. Dieter Burdorf.

Die Konferenz ist öffentlich, der Besuch ist kostenlos. Alle Interessierten sind herzlich willkommen.

Leipziger Zeitung Nr. 60: Wer etwas erreichen will, braucht Geduld und den Atem eines Marathonläufers

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