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Frühjahrsputz in Lindenau: Klienten des Suchtzentrums räumen auf

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    Diese Aktion hat bereits Tradition: der Leipziger Frühjahrsputz. Stadt, Vereine und Initiativen sammeln jedes Jahr Tonnenweise Müll. Auch die Klienten der mobilen Streetwork und des Wohnprojekts Domizil machen mit und räumen in Lindenau auf. Dort standen am Donnerstag, 19. April, wieder sogenannte Trinkerplätze auf dem Plan.

    Treffpunkt ist um 9:30 Uhr beim Wohnprojekt Domizil in der Queckstraße 2. Über 30 putzmuntere Frauen und Männer stehen pünktlich auf dem Vorplatz. Einige rauchen eine Zigarette, während sie auf Anweisungen warten, andere unterhalten sich. Die meisten sind Klienten der verschiedenen Projekte des Suchtzentrums Leipzig. Diesmal sind aber auch das Quartiersmanagement Leipziger Westen, das Eltern-Kind-Büro Rockzipfel und die Kulturwerkstatt KAOS am Start. Das Wetter meint es gut mit den Freiwilligen und schickt wärmende Sonnenstrahlen.

    Aktionsleiterin Jaqueline Bellstedt von der mobilen Streetwork verspätet sich, ihr Mitstreiter Tino Neufert ist krank und so übernimmt Kollegin Sylvie Weiske die Aufteilung der Teams. Die Teilnehmer bilden einen lockeren Kreis um Sylvie, während sie die aufgelisteten Namen verliest. Gewusel setzt ein und in Windeseile finden sich die Mitglieder der entsprechenden Gruppe zusammen. Mit den vom Ordnungsamt gesponserten Schaufeln, Besen, Müllgreifern, blauen Säcken und Handschuhen bewaffnet, ziehen die Trupps an ihre jeweilige Einsatzstelle los.

    Steffen, der seit zwei Jahren beim Frühjahrsputz mitmacht, wird mit vier Helfern die Grünfläche gleich um die Ecke an der Röntgenstraße saubermachen. Sylvie und ihr Team ziehen los zur Aurelienstraße und zum Hähnelplatz. Streetworker Christian Rausch geht mit seiner Gruppe Richtung Merseburgerstraße zum Norma. Als Jaqueline um 9:45 Uhr eintrifft, stehen noch sieben Menschen wie bestellt und nicht abgeholt auf dem Vorplatz.
    Nach kurzer Begrüßung und einer Entschuldigung fürs Zuspätkommen läuft die Putzeinheit los zum ersten Einsatzort in der Holteistraße. Dort ist neben dem Parkplatz eine Grünfläche, die von Trinkern gern als Treffpunkt und leider auch als Pissecke genutzt wird. Glasscherben, Schnapsflaschen und Papier, eine ranzige Matratze und ein zerrupftes Sofateil liegen vor der Hauswand. Zwei kräftige Männer ziehen sich Handschuhe über und verfrachten das einstige Inventar an den Straßenrand.

    Ohne viele Worte fangen auch die anderen selbstständig an, sich an die Arbeit zu machen. Große Äste werden in der hinteren Ecke des Platzes aufgeschichtet. Laub wird zu Haufen zusammen geschoben, Glasscherben werden aus dem sandigen Boden gekratzt. Schnapsflaschen, Kronkorken, Plastiktüten, Taschentücher und Kondomverpackungen: Alles wandert in die Müllsäcke. Schnell sind fünf Stück gefüllt. Nach einer knappen dreiviertel Stunde sind die Grünfläche und der Parkplatz aufgeräumt.

    Keine hundert Meter um die Ecke befindet sich das Café Geggo in der Georg-Schwarz-Straße. Inhaber Sven Klas bietet dort Kaffee und Wasser für die fleißigen Helfer an. Jaquelines Putztrupp ist ins Schwitzen gekommen und gönnt sich eine kleine Pause, bevor es dann weitergeht. Ein Fahrzeug der blau-gelben Engel fährt vorbei und biegt ab. „Die holen wohl schon die Säcke ab“, stellt die Streetworkerin verdutzt fest, „die waren doch erst auf zwölf Uhr bestellt.“ Zum einen freut sie sich über das schnelle Einsammeln, aber dadurch gehe auch die Wirkung der Aktion verloren: „Die Leute haben ja gar keine Zeit wahrzunehmen, was wir da grad gemacht haben.“
    In der Gemeindeamtsstraße am Parkplatz rückseitig der Sparkasse angekommen, macht sich die Truppe erst einmal ein Bild von der Lage in dem kleinen Stück Grün. Auf den ersten Blick sieht alles harmlos aus: ein paar Flaschen, ein Wäschekorb, Metallstangen und gebrochene Rigipsplatten im hinteren Teil. Die Helfer ziehen die Jacken aus und beginnen mit dem Saubermachen. Jaqueline Bellstedt macht sich an der Rückwand des Stromhäuschens zu schaffen und verzieht auf einmal das Gesicht. Der Gestank steigt nun auch ihren Gruppenmitgliedern in die Nase.

    „Ich hatte schon fast vergessen, dass Menschen-Scheiße so stinken kann“, kommentiert die Straßensozialarbeiterin. Offenbar benutzen sehr viele diesen Ort als Toilette. Immer wieder muss Jaqueline einen Schritt zurücktreten, um einen Zug Frischluft zu nehmen. 30 Minuten später ist auch diese Grünfläche wieder als solche erkennbar. Der Dreck ist in weiteren sechs Müllsäcken verschwunden. Für diesen Putztrupp ist die Arbeit nun vorbei. Geschlossen laufen sie zurück zur Queckstraße, um dort gemeinsam mit den anderen Teams Mittag zu essen.

    Vor dem Haus des Wohnprojekts Domizil haben sich schon ein paar Helfer auf den Bänken unterm Pavillion niedergelassen. Teller und Besteck werden aus der Küche geholt und die dampfenden Töpfe auf den Tisch gestellt. „Heute gibt es wieder Kartoffelsuppe mit Würstchen. Und die vegetarische Gemüsesuppe kommt vom Café Geggo“, kündigt Jaqueline an, während sie die Teller für die hungrige Meute füllt. Nach und nach trudeln auch die restlichen Freiwilligen ein.

    In fast schon andächtiger Stimmung löffeln die Männer und Frauen ihre Suppe. Leere Teller zeugen davon, dass es geschmeckt hat. Die ersten lehnen sich zufrieden zurück und rauchen eine Zigarette. Erfahrungsberichte werden ausgetauscht. Christian Rausch erzählt, dass drei Klienten der mobilen Streetworker einfach zugeguckt hatten, während seine Gruppe die Rabatten vorm Supermarkt in der Merseburger Straße vom Müll befreit haben: „Die hatten einfach kein Bock. Aber da kann man nichts machen.“

    Gut findet er hingegen das Angebot eines Anwohners: „Das war so ein knapp 30-Jähriger, der die Aktion schon letztes Jahr beobachtet hat. Als er dann gemerkt hat, dass Kaffee kochen seine Kapazität übersteigt, ist er einfach für alle Kaffee holen gegangen.“ Nun berichtet auch Sylvie von der netten Verpflegung durch zwei Gewerbetreibende in der Aurelienstraße: „Wein Reuschel hat uns Mettbrötchen gemacht und Andres Frischmarkt hat Kaffee und andere Getränke spendiert.“

    Aktionsleiterin Jaqueline Bellstedt ist sehr zufrieden mit dem diesjährigen Frühjahrsputz: „Hat organisatorisch alles gut geklappt. Und von den 37 Anmeldungen sind dann auch tatsächlich 34 aufgetaucht. Das ist ja nicht so einfach für unsere Klienten.“ Denn viele davon sind schwer alkoholkrank und deshalb bei einem der Projekte des Suchtzentrums dabei. Gegen 12:30 Uhr löst sich die Runde dann langsam auf.

    www.suchtzentrum.de

    www.leipzig.de/de/buerger/newsarchiv/2012/Leipziger-Fruehjahrsputz-2012-Eroeffnung-mit-OB-Jung-22469.shtml

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