Irgendwie gehört auch die Elster-Luppe-Aue mit den Papitzer Lachen zum Projektgebiet "Lebendige Luppe". Nur ist dieser Teil des nordwestlichen Auwaldes von der Burggaue durch die Neue Luppe und zwei im Jahr 2011 verstärkte Deiche abgetrennt. Die Probleme aber sind dieselben. Die Frage ist nur: Kann das Projekt "Dynamische Wiederbespannung" durch die Landestalsperrenverwaltung die Probleme lösen?

Zumindest das Hauptproblem: den akuten Wassermangel in der Aue. Denn ein komplettes Flutungsregime hat die Landestalsperrenverwaltung in der Elster-Luppe-Aue ja nicht vor. Sie braucht im Grunde nur Ausgleichsflächen für ihre Baumfällungen und Baumaßnahmen im Leipziger Auwald. Beim Auwaldforum am 10. Juli stellte sie ihre Überlegungen für eine “Bespannung” der Aue westliche von Lützschena vor. Es war nicht mal der Inhalt des im Mai eingereichten Planfeststellungsantrags, sondern eher ein Sammelsurium der Gründe, warum man auch die Elster-Luppe-Aue nicht einfach für Hochwasser öffnen will – obwohl die letzten Hochwasser in Leipzig zeigten, dass das Wasser problemlos durch die Aue strömt, ohne dabei Wohngebiete zu tangieren. Aber das waren auch größere Hochwasser vom Format HQ 100 und 150. Wie aber ist es mit kleineren?

Die fehlen doch in der Aue massiv. Nicht nur die Artenvielfalt in der Aue betrifft das, auch den Grundwasserhaushalt. Denn seit dem Bau der Neuen Luppe vor rund 80 Jahren fräst sich dieser begradigte Flusslauf immer tiefer ins Gelände und verändert den Grundwasserhaushalt – der Grundwasserspiegel sinkt.

Darüber berichtete zwar am 10. Juli niemand. Aber das war Thema eines Auenökologischen Workshops im April, an dem auch Wissenschaftler vom Institut für Geographie der Universität Leipzig teilnehmen, die in das Projekt “Lebendige Luppe” eingebunden sind. Den Vortrag “Bodenchemisches und hydrochemisches Monitoring in den Papitzer Lachen” hat das Umweltforschungszentrum (UFZ) auf seiner Website eingebunden.

Und das Ergebnis ist deutlich: Mit dem Bau der Neuen Luppe 1934 bis 1938 wurde die alte Luppe quasi gekappt und sowohl nördlich wie südlich der Deiche der Neuen Luppe wurden die zuvor verzweigten Auwaldflüsschen trockengelegt. Bei Messungen im Gelände kamen die Wissenschaftler nun zu dem recht deutlichen Fazit, dass etliche Grundwasserleiter in der Aue nur noch eine sehr geringe Grundwasserzuführung haben – in trockenen Monaten fällt ein Pegel sogar trocken.

Das Fazit der Wissenschaftler war deutlich: “Neue Luppe entzieht den Papitzer Lehmlachen Wasser.” Dass beim Neubau des Deiches 2011 sogar ein Grundwasserleiter durch Stahlwände extra gekappt wurde, macht die Sache nicht besser.
Eine “anthropogen gesteuerte Bewässerung” sei unabdingbar, fanden die Wissenschaftler. Was das “Bespannungs”-Projekt der LTV zumindest begründen könnte. Aber Bespannung heißt im LTV-Wortgebrauch: Erhöhung der Grundwasserspannung. Aber das wird das Projekt, wie es am 10. Juli vorgestellt wurde, so nicht leisten können, denn der größte Teil der Aue soll dabei ausgespart werden, nur einige wenige Altarme sollen bei Hochwasser eine Wasserzuführung bekommen.

Dass über 70 Prozent der Aue ausgespart werden, begründeten Markus Freygang und Max Heß am 10. Juli mit Artenschutzgründen – es gebe in der Aue mittlerweile einige geschützte Arten, die durch regelmäßige Hochwasser vertrieben werden könnten. Ein mehr als seltsames Argument, mit dem eine Revitalisierung der Leipziger Auen komplett verhindert werden könnte. Schilda lässt grüßen. Denn Schutzgebiet sind die Auen nicht wegen der nach 1938 angesiedelten neuen Arten, sondern als einzigartige Kulturlandschaft, deren Artenvielfalt vom wechselnden Leben des Flusses geprägt wird.

Dabei soll es gar eine unnennbare Instanz in der Landesdirektion geben, die das genau so will. Namen wollten die beiden nicht nennen.

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Aber wenn sich dieser Anonymus durchsetzt, dann ist das das Ende der Leipziger Auenlandschaft. Zumindest in der Elster-Luppe-Aue hinter Lützschena. Denn die “Bespannung” wird nicht reichen, um den Grundwasserspiegel in der Aue wieder dauerhaft anzuheben. Das braucht mehr.

Ein Fazit der Geophysiker der Uni Leipzig lautete im April auch: “Geringe Wasserzufuhr führt zur Austrocknung der Lachen und zu sinkenden Grundwasserständen.” Die Lachen, die hier gemeint sind, sind die Papitzer Lachen, die sich direkt im Elster-Luppe-Gebiet befinden. Dass sich ringsum auch geschützte Arten angesiedelt haben, die trockenere Standorte lieben, hat genau damit zu tun, dass hier regelmäßige Hochwasser seit 80 Jahren ausbleiben und der Grundwasserspiegel drastisch gesunken ist.

Um das zu ändern, brauchte es mehr als die Öffnung einiger Altarme bei wenigen Hochwassern, sondern eine regelmäßige Wasserzufuhr. Und der Blick geht auf das Problemthema “Neue Luppe”. Denn die LTV plant zwar perspektivisch, die Sohle dieses künstlichen Gewässers wieder anzuheben. Aber da es ein begradigter, schnell fließender Flusslauf bleiben soll, wird sich das Wasser immer wieder tiefer ins Gelände fräsen und wie ein Trichter dafür sorgen, dass das Grundwasser aus den seitlichen Auen abfließt.

Wie ein natürlich mäandernder Flusslauf seine Sohltiefen behält, das ist am Renaturierungsprojekt an der Lippe zu sehen, das am 10. Juli auch mit vorgestellt wurde. So ein Fluss mäandert, fließt deshalb auch deutlich langsamer und lagert deshalb das mitgebrachte Schwemmgut aus dem Oberlauf immer wieder neu ab. Dass der Auwald seine besondere Artenzusammensetzung hat, liegt am menschlichen Wirken: Seit dem Hochmittelalter haben sich hier wertvolle Bodensedimente abgelagert. Der Auwald ist kein rein natürliches Produkt, sondern eine durch menschliches Wirken entstandene Kulturlandschaft. Die durch die Eingriffe der 1930er Jahre massiv beschädigt wurde.

So lange aber die verantwortlichen Instanzen der Leipziger Verwaltung nicht einmal bereit sind, den Auenschutz auch als Rückbau von teilweise störenden und negativen technischen Elementen zu sehen, wird es keine echte Auenrevitalisierung geben.

Die Vortrags-Folien vom Auenökologischen Workshop im April:
www.ufz.de/export/data/1/60192_Herkelrath_etal_A%C3%96W14_final.pdf

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