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Die Weiße Elster ist ein Gift-und Dünger-Cocktail mit der Gewässer-Note 5

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    Der Weißen Elster geht es dreckig. Sie sieht zwar irgendwie aus wie ein normaler Auenfluss, wenn man sie von der Brücke am Heuweg aus betrachtet. Sogar recht naturnah – verglichen mit allen Abschnitten südlich davon. Aber was man nicht sieht, ist in der Wasserbehörde der Stadt Leipzig nur zu gut bekannt. Wo die Weiße Elster scheinbar so idyllisch fließt, ist sie hochgradig belastet und biologisch so ziemlich im Eimer.

    Und die Zeit läuft ab. Bis 2021 sollte und wollte Sachsen eigentlich die Gewässerqualität der Flüsse und Bäche in den Griff bekommen und sie weitestgehend in einen guten ökologischen Zustand (Note 2) überführen. Dafür war und ist die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) eigentlich gedacht. Schon für 2015 hatte sich der Freistaat vorgenommen, 75 Prozent der Oberflächengewässer in einen guten ökologischen Zustand zu versetzen.

    Die Wirklichkeit aber zeigt: Passiert ist nichts. 96 Prozent der Oberflächengewässer in Sachsen sind von einem guten ökologischen Zustand weit entfernt, kommen über die Noten 5, 4 oder 3 nicht hinaus.

    Der Grund dafür ist simpel: Wenn ein Land nichts, wirklich nichts tut zur Revitalisierung der Fließgewässer, dann verbessert sich die Wasserqualität natürlich nicht.

    Und der Grund für dieses Nichtstun ist simpel: Hochwasserschutz ging seit 2002 immer vor Flussrevitalisierung. Die Milliarden, die man hätte verwenden können, den Flüssen ihr natürliches Fließbett wiederzugeben, sind in Deiche und Verbaue geflossen. Die Flüsse blieben weiter in engen, oft kanalisierten Betten eingesperrt, die Flussauen blieben von ihren Flüssen abgeschnitten.

    Und die wichtigste Folge dabei: Die Flüsse können ihre eigene Reinigungskraft nicht entfalten. Denn Flüsse, die sich wieder natürlich entwickeln können, reinigen sich selbst, tragen alte Sedimente ab, bilden natürliche Ufervegetation, die vor allem die biologischen Bestandteile im Wasser abbaut. Usw. Ein Dauerthema in Leipzig, wo seit über 100 Jahren an einem Flusssystem festgehalten wird, das den Auenwald austrocknen lässt und die Flüsse entweder zu rasenden Kanälen (Neue Luppe) oder zu langsamen Kloaken macht.

    Bei Letzterem sind wir bei der Weißen Elster im kompletten Abschnitt vom Palmgartenwehr bis zur Stadtgrenze hinter Lützschena. Hier muss nicht nur die Landestalsperrenverwaltung regelmäßig mit riesigem Aufwand den Schlamm aus dem Elsterbecken entfernen, weil die Fließgeschwindigkeit hinter dem Wehr abrupt abreißt. Das Wasser stürzt zwar tosend und schäumend in die Tiefe – aber dann ist Schluss. Dann steht es beinah und die mitgebrachten Sedimente aus dem Oberlauf lagern sich ab.

    Was dann am 26. September 2017 auch mal von einer Gruppe von Fachleuten in Augenschein genommen wurde. Die Wasserbehörde des Leipziger Umweltamtes hatte zur Gewässerschau eingeladen. Und ein Thema war natürlich die nach wie vor miserable Wasserqualität. Die Weiße Elster kommt im gesamten Leipziger Stadtgebiet über die Note 5 nicht hinaus. Das ist die niedrigste Note und bedeutet einfach: „schlecht“.

    Was das für das Leben in der Weißen Elster bedeutet, wurde im Protokoll nach der Begehung so beschrieben: „Dieser unbefriedigende Zustand bei der biologischen Qualitätskomponente benthische wirbellose Fauna und die nur als mäßig eingestuften biologischen Qualitätskomponenten Fischfauna, Makrophyten/Phytobenthos und Phytoplankton liegt neben den fehlenden Lebensräumen bzw. Gewässerstrukturen auch an den nicht eingehaltenen allgemeinen physikalisch-chemischen Orientierungswerten wie Sauerstoff, Nitrit-Stickstoff, Gesamtphosphor, Ammonium-Stickstoff und Sulfat.“

    Etwas drastischer ausgedrückt: Was da nördlich vom Unteren Elsterwehr fließt, ist eine sauerstoffarme überdüngte Brühe, in der so gut wie nichts mehr lebt.

    Benthisch heißt einfach: auf dem Grund lebend. Was in diesem Fall Muscheln, Krebse, Würmer betrifft – alles früher mal in erstaunlichem Reichtum auf dem Grund der Weißen Elster zu finden, heute so gut wie verschwunden. Dasselbe trifft auf Fische zu genauso wie auf die ganze normale (Unter-)Wasservegetation, die es hier eigentlich geben müsste, aber nicht gibt.

    Lieber nicht in die Brühe fallen: mutige Bootsfahrer auf der unteren Weißen Elster. Foto: Ralf Julke
    Lieber nicht in die Brühe fallen: mutige Bootsfahrer auf der unteren Weißen Elster. Foto: Ralf Julke

    Was mehrere Gründe hat. Den einen hat das Umweltamt extra angemerkt: „Diese Überschreitungen stammen hauptsächlich aus Mischwasserentlastungen.“ Also aus Kanälen, die das Mischwasser aus menschlichen Ansiedlungen ungeklärt in den Fluss spülen. Mehrere solche Mischwasserzuführungen befinden sich auch im Abschnitt der Weißen Elster, der am 26. September begangen und befahren wurde. Was im Klartext heißt: Hier muss sich die Stadt etwas einfallen lassen.

    Aber nicht nur Belastungen aus Landwirtschaft und Siedlungsräumen fließen ungeklärt in die Weiße Elster. Sie bringt schon von ihrem Oberlauf allerlei giftiges Zeug mit – etliches davon als Überrest früherer industrieller Umweltverschmutzung.

    Das Protokoll listet auf:

    PCB 101, 138 und 153 – das alles sind Polychlorierte Biphenyle, krebsauslösende organische Chlorverbindungen, oft als Weichmacher in Kunststoffen verwendet, deren Herstellung seit 2001 weltweit verboten ist, die aber in allen natürlichen Systemen noch immer nachweisbar sind

    Kupfer, Zink

    das Insektizid Dichlorvos

    das hochgiftige Quecksilber und diverse Quecksilberverbindungen, wahrscheinlich aus dem Kohlebergbau und der Kohleverarbeitung

    Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), ebenfalls aus der Kunststoffchemie, ebenfalls hochgiftig

    Tributylzinn-Verbindungen, unter anderem in Holzschutzmitteln eingesetzt, ebenfalls hochtoxisch

    Fluoranthen, das aus der Pharmachemie stammt und als wassergefährdend eingestuft ist

    ***

    Das Protokoll spricht zwar nur von Grenzwertüberschreitungen. Aber selbst das müsste eigentlich sämtliche Behörden und Flussanrainer auf die Beine bringen und für die Weiße Elster ein abgestimmtes Reinigungsprogramm auflegen lassen. Aber dergleichen passiert nicht. Jeder werkelt an seinem kleinen Flussabschnitt herum. Auch der Freistaat hat keine übergreifenden Programme aufgelegt, obwohl er für die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie als allererstes zuständig ist.

    Und das demolierte Gewässersystem in Leipzig tut ein Übriges, die Selbstheilungskräfte der Weißen Elster zu unterbinden.

    Dazu kommen wir gleich.

    Noch immer sind 96 Prozent der Flüsse und Seen Sachsens erheblich mit Chemie belastet

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