Initiative für ein würdevolles Wohnen – Über die Arbeit der Kontaktstelle Wohnen

Für alle LeserAnders als in anderen Kommunen ist es Geflüchteten in Leipzig erlaubt, bereits im Asylverfahren aus Gemeinschaftsunterkünften in dezentrale Unterkünfte umzuziehen. Das erzählt mir Dana Ersing von der Kontaktstelle Wohnen. Mit ihr unterhalte ich mich über die Arbeit des Vereins, der sich seit 3 Jahren für ein dezentrales und damit selbstbestimmtes Wohnen geflüchteter Menschen in Leipzig einsetzt und Wohnungen für Geflüchtete vermittelt.

Schwierigkeiten in der Wohnungssuche

Wenn man sich als Geflüchtete*r in Leipzig also eine eigene Wohnung suchen darf, weshalb, könnte man fragen, wohnen dann überhaupt noch Menschen in Gemeinschaftsunterkünften? Die Antwort ist natürlich die, dass sich die Wohnungssuche für Geflüchtete in der Regel sehr schwierig gestaltet. Erstens ist da die Sprachbarriere – und hier geht es weniger darum, ob sich die Wohnungseigentümer mit den Geflüchteten verständigen können, sondern, ob sie es wollen.

Zweitens ist den Geflüchteten die Situation auf dem deutschen Wohnungsmarkt oftmals nicht bekannt. Das heißt zum Beispiel, zu wissen, nach welchen Stadtteilen man am besten schaut, wo es sich günstig und für geflüchtete Menschen angstfrei leben lässt. Geflüchteten steht drittens nicht jede Wohnung zu. Diese müssen den KdU-Sätzen des Jobcenters (Kosten der Unterkunft) entsprechen.

Hier nun kommt die Kontaktstelle Wohnen zur Hilfe. Geflüchtete können den Verein kontaktieren und dieser sucht zusammen mit ihnen passende freie Wohnungen, führt Gespräche mit der Vermietung und begleitet die Wohnungssuchenden zu den Ämtern.

Das „Problem“ Mehrkindfamilien

Ein besonderes Problem ist die Wohnungsvermittlung an Familien mit drei und mehr Kindern. Es gibt aufgrund der demographischen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten hierzulande einfach viel zu wenig Wohnraum für diese bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts auch in Deutschland noch recht übliche Familienform und speziell in Leipzig gibt es derzeit und wohl auch auf längere Sicht gesehen gar keinen adäquaten Wohnraum.

Aus diesem Grund können momentan etwa 40 große Familien nicht aus ihren Gemeinschaftsunterkünften ausziehen. Eine Überlegung wäre natürlich die, benachbarte Wohnungen zusammenzulegen oder mehrere freie Wohnungen in einem Haus zu vermieten, aber das zieht andere Probleme nach sich, etwa mögliche Streitereien mit der Nachbarschaft, wenn sich die freien Wohnungen nicht gerade unter dem Dach befinden. Hier sieht Dana momentan keine Lösung seitens des Vereins. Ein Umdenken in der Wohnungspolitik und seitens der Immobilienunternehmen tut da dringend not.

Die Hauptamtlichen

Trotz dieser Umstände konnte die Kontaktstelle Wohnen bisher über 800 Menschen eine eigene Wohnung vermitteln. Allein in diesem Jahr besuchten mehr als 1100 Menschen die Sprechstunden des Vereins und noch mehr als 750 Menschen befinden sich derzeit auf der Warteliste.

Anfangs teilten sich lediglich drei Menschen mit jeweils halben Stellen die Arbeit. Alle betraten mit der Gründung der Wohnungsvermittlung sozusagen Neuland. Susanne Neupert ist Geisteswissenschaftlerin, Hannes Heise hatte durch seine Tätigkeit im Haus- und Wagenrat e. V. zwar bereits gewisse Erfahrungen im Vorfeld gesammelt, ist beruflich aber eigentlich Pädagoge. Dana arbeitete zuvor als Konferenz-Dolmetscherin. Die Verbindung zwischen der Arbeit als Dolmetscherin und ihrer Arbeit für den Verein sieht sie darin, hier wie dort zwischen Kulturen zu vermitteln – zunächst rein sprachlich, nun eben auch praktisch.

Als im Januar 2015 in der Stadt darüber debattiert wurde, ob die Gemeinschaftsunterkunft auf der Torgauer Straße saniert oder geschlossen werden solle – zu einer Zeit also, als das Thema „Flucht“ hierzulande gerade erst begann, sich zu erhitzen – entschied sich Dana dazu, nicht abzuwarten, sondern selbst tätig zu werden: Privat begab sie sich auf die Suche nach WGs, die geflüchtete Menschen bei sich wohnen lassen wollen, und erzählte in den Gemeinschaftsunterkünften von ihrer Initiative.

Weil der Bedarf so hoch war, merkte sie schnell, dass sich diese Arbeit allein nicht bewältigen lässt. So schlossen sich Danas private WG-Vermittlung mit der von Pfarrer Andreas Dohrn im Sommer 2015 parallel gegründeten Initiative Flüchtlingswohnungen.org im Herbst 2015 kurzerhand zur Kontaktstelle Wohnen zusammen. Bezeichnenderweise trägt der Verein, unter dem die Kontaktstelle Wohnen läuft, den Namen Zusammen e.V.

Mittlerweile arbeiten hier 8 Personen auf halben Stellen; seit letztem Jahr wurden zudem 5 Bundesfreiwilligendienste vergeben und hinzu kommen noch 2 ehrenamtliche Vereinsvorstände. Da der Verein gemeinnützig arbeitet, ist er auf Förderungen angewiesen. Derzeit wird er von der Stadt Leipzig, dem Land Sachsen, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ebenso finanziert wie von der Bürgerstiftung Wir für Sachsen sowie von der Robert-Bosch-Stiftung.

Es handelt sich hierbei um Projektgebundene Förderungen mit Laufzeiten von jeweils 1 bis maximal 3 Jahren. Gerade deshalb muss man „wandelbar und wach“ bleiben, sagt Dana und dürfe sich nicht davor scheuen, trotz der befristeten Förderungen langfristig zu denken. Anderenfalls würde man sich zermürben und den sich ständig ändernden Gegebenheiten auf dem Immobilienmarkt nicht hinterherkommen.

Ehrenamtliches Engagement

Die Kontaktstelle Wohnen wird von 34 ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen aktiv unterstützt. Der Verein akquiriert sie über Aushänge und Infotage wie den „Kritischen Einführungswochen“, über den Ehrenamtswegweiser der Stadt Leipzig und gewinnt natürlich über das bestehende Team weitere Leute für sich. Das Team sei, so Dana, sehr heterogen: Studierende helfen ebenso mit wie Rentner*innen und Arbeitnehmer*innen mit den unterschiedlichsten beruflichen und sozialen Hintergründen.

Anfangs fuhr die Kontaktstelle Wohnen das Modell einer Wohnungspatenschaft. Ehrenamtliche Helfer*innen hatten dabei einen Menschen von Anfang bis Ende des Prozesses begleitet. Das hat sich mit der zunehmenden Anspannung auf dem Wohnungsmarkt jedoch nicht bewährt. Nun kümmern sich die Hauptamtlichen um die Suche nach einer geeigneten Wohnung und laden Menschen von außen dazu ein, als „Umzugslotsen“ geflüchtete Menschen bei den einzelnen Teilschritten wie den Wohnungsbesichtigungen, Amtswegen und Möbelkäufen zu begleiten oder bei Umzügen mitzuhelfen.

Ausweitung auf den Landkreis

Seit dem Frühjahr 2017 hat sich die Initiative auch auf den Landkreis ausgeweitet und bietet neben zwei Sprechstunden pro Woche in Leipzig nun auch jeweils eine wöchentliche Sprechstunde in Grimma und Borna an, sowie bei Bedarf auch in Markranstädt. Zudem hat sie ihr Vermittlungsangebot zum 1. November 2018 erweitert: Bisher hörte die Arbeit der Kontaktstelle Wohnen nach der Schlüsselübergabe auf; dabei gibt es aber auch danach noch genügend Vermittlungsbedarf zwischen der Vermietung und den neuen Mieter*innen. Einen dauerhaften Ansprechpartner zu haben, gibt skeptischen Vermieter*innen mehr Sicherheit und erhöht somit die Chancen zur Vergabe einer Wohnung.

Netzwerke

Gemeinnützige Arbeit hat nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie auf Dialog setzt. So arbeitet der Verein von Anfang an mit dem Stadtrat und dem Sozialamt zusammen. Man beobachtet vergleichbare Initiativen in anderen Städten, in denen sich die Wohnungsfrage schon früher als in Leipzig verschärft hatte. Zu nennen wäre hier zum Beispiel die Wohnbrücke Hamburg. Zudem hat der Verein soeben seine Projektskizze für ein neues Pilotprojekt unter dem Titel „Netzwerk Wohnen Leipzig“ formuliert, das nächstes Jahr starten soll.

Dies ist ein Netzwerk, in welchem die Träger der Wohnungsvermittlung für Geflüchtete mit denen für Obdachlose, Haftentlassene oder psychisch kranke Menschen, so miteinander kooperieren, dass Synergieeffekte entstehen und somit möglichst vielen dieser Menschen, die in einem anderen Szenario auf dem Wohnungsmarkt gegeneinander konkurrieren würden, Wohnungen vermittelt werden können. Der Tritt nach unten führt schließlich in die Sackgasse; Solidarität ist gefragt.

Die Kontaktstelle Wohnen ist zudem auch mit der Peterskirche verknüpft. So hat sie hier gestern, am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, um 19 Uhr ein Benefizkonzert veranstaltet, bei welchem die Leipziger Jazzband WELTEN und der Lichtkünstler Kurt Laurenz Theinert aufgetreten sind. Der Erlös kommt der Arbeit der Initiative zugute, denn wie viele Projekte von freien Trägern so muss auch die Kontaktstelle Wohnen jährlich Eigenmittel über Spenden akquirieren, um Gelder potentieller Förderer zu erhalten. In diesem Jahr sind das über 10.000 €, die neben der eigentlichen Arbeit geleistet werden müssen.

Weitere Informationen zur Kontaktstelle Wohnen unter: www.kontaktstelle-wohnen.de

Über die wohltätige Arbeit von TiMMi ToHelp e.V.

FlüchtlingshilfeKontaktstelle Wohnen
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