Mindestens 75 Milliarden im Jahr als Kosten für die kommende Generation

Video – Klimawandelfolgen: Die Parents for Future Leipzig mit dem ersten „Elternabend“

Für alle LeserVideoMittlerweile unterstützen sie regelmäßig ihre Kinder und die Bewegung „Fridays for Future“ generell. Die „Parents for Future“ Leipzig nahmen bereits an vielen Demonstrationen teil, zuletzt am 19. Mai 2019 bei „1Europa für Alle“ in Leipzig und hatten am Montag, 20. Mai 2019, ins Pögehaus zum ersten sogenannten Elternabend geladen. Ein Auftakt für weitere Vernetzungen in die Leipziger Stadtgesellschaft hinein und eine Gelegenheit für die Gäste, sich aus berufenem Munde von Dr. Christoph Gerhards mal prägnant das Problem mit dem CO2 und der Zerstörung der Welt, wie wir sie kennen, erklären zu lassen.

Er war in einer Art Doppelrolle gekommen. Der promovierte Physiker und Leipziger Unternehmer für klimaneutrale Häuser ist einer der ersten deutschen Wissenschaftler, welcher den Aufruf der „Scientists for Future“ unterschrieben hatte und von Beginn an aktiv bei der entsprechenden Leipziger Elterninitiative mitarbeitet. Sein Vortrag bildete am Abend im Pögehaus eine Art Gesprächsbasis, eine gemeinsame Verständigung auf die wissenschaftlichen Grundlagen, auf denen auch die Proteste der Schüler in den vergangenen und kommenden Monaten fußen.

Vielleicht ist es die unternehmerische und schlicht logische Sicht auf die Dinge, die Gerhards über die Hinweise auf vorhandene Daten und wissenschaftliches Arbeiten dazu animierte, in seinem knapp viertelstündigen Vortrag neben den derzeitigen CO2-Anstiegszahlen und der Darstellung der verschiedenen Einflussfaktoren dabei, die minimalen Folgekosten vorzurechnen, welche die kommenden Generationen bei der Fortsetzung der aktuellen Entwicklungen haben werden. Nur auf den derzeit menschgemachten CO2-Ausstoß bezogen, welchen man später notwendigerweise wieder mit teils noch zu entwickelnden Techniken aufwendig binden müsste. Allein dafür seien niedrig geschätzt die Folgekosten mit dem „jährlichen Börsenwert von VW“, also rund 75 Milliarden Euro im Jahr in Zukunft aufzubringen.

Natürlich nur, wenn es dann noch etwas zu rechnen gibt

Und nicht die gefürchteten „Kipppunkte“ im Zusammenspiel zwischen Eisschmelze, Strömungsverhältnissen in den Weltmeeren oder den Oberwinden in der Atmosphäre sowie einem Zusammenbruch ganzer Ökosysteme eingetreten sind. Und so die Erderwärmung unumkehrbar würde, laut Gerhards bei einem Anstieg um 3-5 Grad zur heutigen (bereits um etwa einem Grad erhöhten) mittleren Jahrestemperatur weltweit. Dann würde aus der bereits vorhandenen Klimakrise ganz sicher eine Katastrophe werden.

Doch selbst den Weg dahin, in dieses immer wieder genannte Jahr 2050, in welchem die Menschheit quasi CO2-Neutralität erreichen muss, wäre bei fehlender Änderungs-Dynamik bis spätestens 2030 von steigenden Wasserspiegeln, Starkwetterereignissen und einem weiteren Artensterben allein durch zu schnelle Klimazonenverschiebungen gekennzeichnet. Weshalb die „Fridays for Future“-Bewegung eine im Pariser Klimaabkommen vereinbarte Reduktion der Erderwärmung von gesamt 1,5 Grad fordert. Laut Gerhards hat man also nur noch ein halbes Grad Celsius übrig bis 2035.

Schon der Weg also hin zur notwendigen Reduktion bis 2035 ist demnach ein Prozess, welchen man sich eher nicht vorstellen mag, bis 2050 oder 2060 noch weit weniger.

Die "Parents for Future"-Aktivisten am 20. Mai 2019 im Pöge-Haus. Foto: L-IZ.de

Die „Parents for Future“-Aktivisten am 20. Mai 2019 im Pöge-Haus. Foto: L-IZ.de

Der eigene Beitrag?

Könnte eigentlich möglichst freudvoll sein, wie ein Parents for Future-Aktivist anmerkte. Ein Gedanke am Rande seiner Schilderungen: im Loslassen von Konsumgüterwünschen liegt immer auch ein gehöriger Freiraum für anderes, Wichtiges. Interessant an diesem Abend (erneut): es waren unter den Gästen praktisch keine Klimawandelleugner vorhanden. Die hier und da noch recht laute Minderheit im Netz und rings um eher rechte und konservative Parteien herum scheint in der Realität und bei fachlichen Treffen zum Thema konsequent zu fehlen.

Stattdessen die erste Frage einer Frau aus dem Publikum, wie sie unter Schilderung ihrer eigenen Umstellungen auf das Fahrrad, bei der Ernährung und im täglichen Leben nun noch mehr tun könne. Das Kompliment der anwesenden Parents und die Erkenntnis, dass sie eigentlich schon alles menschenmögliche versuche, was man privat beitragen könnte, war die Antwort. Und dass nicht jeder in allem gut sein müsste, sondern schon der erste Schritt zählt, ein weiterer Nebengedanke.

Was den Abend an der Hedwigstraße neben dem Wissen, dass dieses Treffen und die begonnenen Aktivitäten nur der Beginn eines langen Weges gemeinsamer Aktivitäten sein könne, auch auf die politische Ebene hob.

Die Politik tut ja nichts

Eine Woche vor der EU- und Kommunalwahl am 26. Mai 2019 keine große Überraschung, dass natürlich die politische Frage aufkam, auch wenn ein Mann im Publikum beklagte, dass „die Politik“ doch eh nichts ändern würde. Was – nach einem doch längeren Lamento zum Thema – den anwesenden Autor dieser Zeilen dazu verleitete, dann doch mal auf das Vorhaben der Stadt Leipzig zu verweisen, ab 2023 keine Kohleenergie für die Fernwärme mehr aus dem Kraftwerk Lippendorf beziehen zu wollen. Und stattdessen flexiblere und emissionsärmere Gaskraftwerke durch die Stadtwerke Leipzig bauen zu lassen.

Blieb die Frage, wie es eigentlich wäre, wenn die CDU Sachsen bei der anstehenden Landtagswahl eben auch wegen ihrer Pro-Braunkohle-Politik der letzten zwei Jahre einen ordentlichen Wahldämpfer erhielte?

Denn in Wirklichkeit geht in der derzeitigen Politik längst die Angst um, dass sich hier eine globale Entwicklung anbahnt, die Regierungen vom Platz fegen könnte, sollten weiterhin Verzögerungen und Abwiegelung gegen die Forderungen von nunmehr 28.000 Wissenschaftlern und zuletzt Millionen weltweit streikenden Schülern stehen. Oder, hört man eben nicht zu, die Folgen des Nichtstuns bis 2030 alle heutigen Kostenmodelle und im Zweifel den Großteil der Menschheit beerdigen.

Am 24. Mai 2019 startet der nächste globale Streik auch in Leipzig. Foto: L-IZ.de

Am 24. Mai 2019 startet der nächste globale Streik auch in Leipzig. Foto: L-IZ.de

Apropos Regierungen …

Die „Fridays for Future“-Bewegung Leipzig war natürlich ebenfalls mit zwei Vertretern vor Ort, um auf den nächsten weltweiten Streik der jungen Menschen am 24. Mai 2019 ab 12:30 Uhr hinzuweisen. Dann lautet das Motto der globalen Bewegung keine zwei Tage vor der Europawahl sinnigerweise #Voteforclimate. Schon in der U18-Wahl haben diejenigen, deren Stimmen man zur Europawahl nicht zählen wird, mit 30 Prozent für die Grünen gestimmt.

In Leipzig starten die jungen Menschen dann auf dem Simsonplatz vor dem Bundesverwaltungsgericht. Die Parents for Future werden ebenfalls dabei sein.

Nachbetrachtungen zum Abend: Abseits dieser Debatten um ein grundlegendes Umdenken in der Politik und der nur scheinbaren Ohnmacht der Wahlbürgerinnen war die Freude im Pöge-Haus und der gemeinsamen Telegramgruppe am Ende allseitig. Oder um es mit den Worten einer „Parents for Future“-Aktivistin im Pögehaus zu formulieren: „Es fühlt sich einfach richtig an“ hier mitzumachen.

Globaler Aufruf der „Fridays for Future“ zum 24. Mai 2019

Die „Parents for Future“ im Netz

Die Leipziger „Parents for Future“ (Telegram) oder per Mail an leipzig@parentsforfuture.de

Der Vortrag von Dr. Christoph Gerhards am 20. Mai 2019

 

Video der Fridays for Future-Debatte: Radverkehr in Leipzig oder „Eher die Note 4“

* Video *CO2-EmissionenFridays for futureParents For Future
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