Man fühlt sich an die Jahre 2014 und 2015 erinnert, als die Umweltbibliothek des Ökolöwen schon einmal um eine bessere Förderung durch die Stadt kämpfte. Seit Jahren war die Fördersumme für die Bibliothek im Haus der Demokratie konstant geblieben, obwohl die ganz normalen Fixkosten gestiegen waren. Die 35.000 Euro Förderung reichte nicht mehr zur Aufrechterhaltung des Betriebs. Und jetzt meldet der Ökolöwe mitten in der Corona-Krise: Die Bibliothek steht vor dem Aus.

„Während die Umweltbibliothek nun 2014 auf 26 erfolgreiche Jahre zurückblickt, ist gleichzeitig ihr weiterer Fortbestand ungewiss“, hatte die Grünen-Fraktion im Stadtrat das Problem im Jahr 2014 beschrieben.

„Die seit 1993 bestehende Förderung durch die Stadt Leipzig ist im Laufe der Jahre um ein Viertel gesunken, während gleichzeitig – wie ja auch bei allen städtischen Einrichtungen – alle Kosten deutlich gestiegen sind. Mit einer Förderung von aktuell noch ca. 30.000 Euro, kann aber keine, auf die allgemeine Öffentlichkeit ausgerichtete und mit entsprechenden Öffnungszeiten ausgestattete Einrichtung dauerhaft arbeiten.

Die Differenz, um Miete, Personal, Medienbeschaffung, Bibliothekstechnik und sonstige Sachkosten bezahlen zu können, ist auch mit der seit 1990 bei der Umweltbibliothek vorhandenen Mitfinanzierung über Stiftungen, Unternehmen, Spenden, Arbeitsmarktförderungen und die in der Vereinslandschaft unvermeidbare Bereitschaft zur Arbeit für geringste, weit unter öffentlichen Tarifen liegende Entlohnung nicht auszugleichen. Insbesondere ist ein qualitätsvoller Betrieb nicht allein mit vollständig wechselndem Personal im Bundesfreiwilligendienst zu bewerkstelligen.“

Der Vorschlag der Grünen: „Analog dem Beschluss des Stadtrates über die Förderung der Auwaldstation Leipzig, soll der Förderverein der Umweltbibliothek daher einen eigenen Haushaltstitel und über eine entsprechend analoge Vereinbarung eine mehrjährige Zusage über die kommunale Unterstützung erhalten.“

Doch das Dezernat Umwelt, Ordnung, Sport lehnte ab. Wie eng es auf die Umweltbiliothek schaute, machte die Stellungnahme direkt aus dem Amt für Umweltschutz deutlich: „Die Förderung i.H.v. 75.000 Euro steht auch in keinem wirtschaftlichen Verhältnis. Im Verwendungsnachweis führt der Trägerverein Ökolöwe – Umweltbund Leipzig e. V. aus, dass die Umweltbibliothek im Vergleich zu Allgemeinbibliotheken nur wenig für den allgemeinen Lesebedarf, sondern eher anlassbezogen genutzt wird. Im Jahr 2012 bspw. hatte die Umweltbibliothek 2.000 Nutzungsfälle pro Jahr. Das sind acht Nutzungsfälle täglich. Die Nutzungsfälle verteilten sich auf etwa 300 Nutzer.

Den Erhalt der Bibliothek in Anbetracht dieser Nutzungszahlen in der geforderten Höhe zu subventionieren, widerspricht jeglicher Wirtschaftlichkeitsbetrachtung. Um den Fortbestand der Bibliothek zu sichern, sollten auch andere kostentragende Modelle geprüft werden (bspw. Senkung von Personalkosten, Erhöhung der Erträge durch Einführen von Nutzungsgebühren). Denn unbestritten handelt es sich bei der Umweltbibliothek um eine zentrale und renommierte Informationsstelle für alle Umweltfragen und sollte als solche möglichst erhalten bleiben. Ihr Fortbestehen kann aber nicht einzig von der Erhöhung der Finanzhilfen der Stadt Leipzig abhängig gemacht werden.“

Im letzten Moment aber sagte die Ratsversammlung: „Stopp! So nicht!“ Am 18. März 2015 beschloss die Ratsversammlung die Verdoppelung der städtischen Mittel für die Umweltbibliothek auf 70.000 Euro jährlich, vorerst geltend für die Jahre 2016/2017. Die Regelung wurde auch in den Folgejahren beibehalten.

Doch jetzt meldet der Ökolöwe, dass das Umweltdezernat die Fördersumme für dieses Jahr wieder halbiert hat.

Mit ziemlich dramatischen Worten: „Der Umweltbibliothek Leipzig droht die Schließung. Die Stadt Leipzig hat uns Ökolöwen mitgeteilt, die Fördermittel ab diesem Jahr um 50 Prozent zu reduzieren. Damit sind der Betrieb der Bibliothek sowie die Bezahlung der Miete, des Gehaltes unserer Bibliothekarin und auch anderer Fixkosten wie Medienankauf und Strom nicht mehr möglich.“

Und dabei hatte die kleine Besatzung der Umweltbibliothek schon versucht, die Kosten zu drücken: „Wir haben in den letzten Jahren bereits alle Kosten so weit gesenkt wie nur möglich und betreuen viele Stunden der Öffnungszeiten und Veranstaltungen im Ehrenamt. Die neu entstandene jährliche Finanzlücke von 35.000 Euro können wir allein durch Einsparungen nicht schließen. Natürlich haben wir versucht, den Beschluss bei der Stadtverwaltung und bei den beteiligten Stadträt/-innen rückgängig zu machen – leider ohne Erfolg.“

Heißt im Klartext: Diesmal gab es auch keine Unterstützung aus dem Stadtrat.

Also wendet sich das Team der Umweltbibliothek Leipzig jetzt an die Mitglieder und Unterstützer des Ökolöwen: „Du und alle anderen Nutzer/-innen sind in dieser Notsituation die letzte Chance für die Umweltbibliothek. Werde heute Bibo-Retter/-in und hilf uns, die Umweltbibliothek Leipzig zu retten! Wenn Du und alle anderen Nutzer/-innen 8 Euro pro Monat für die Umweltbibliothek Leipzig spenden, ist ihre Zukunft gesichert. Bis Ende März müssen wir eine neue Finanzplanung mit sicheren Mitteln aufstellen, die die Existenzgrundlage für den Weiterbetrieb der Bibliothek sind.“

Sollte die Umweltbibliothek trotzdem schließen müssen, weil die fehlenden 35.000 Euro nicht aufzubringen sind, geht auch die Geschichte einer der zentralen Institutionen der Friedlichen Revolution zu Ende. Die Grünen-Fraktion 2014 dazu: „Die Umweltbibliothek Leipzig ist 1988 bei der AG Umweltschutz des Jugendpfarramtes der evangelischen Kirche als Teil der regimekritischen Umweltbewegung der DDR entstanden. Deren Beitrag zur Friedlichen Revolution war das Aufdecken und Bekanntmachen der gravierend schlechten Umweltsituation in der DDR und des daraus erwachsenden Unmuts und Widerstands in der Bevölkerung: gegen die Zerstörung ganzer Landstriche durch Tagebaue oder die Vergiftung von Gewässern, Böden und Luft durch die Landwirtschaft und ungefilterte Industrieabgase und -abwässer. Insbesondere das Gebiet zwischen Leipzig-Halle und Bitterfeld-Wolfen galt damals als eine der am höchsten belasteten Regionen in Europa. Die Umweltbibliothek war mit ihrer Informationsarbeit ein wichtiges Korrektiv zur damals staatlich verordneten Geheimhaltung von Umweltdaten.“

Bis (mindestens) zum 20. April ist die Bibliothek derzeit sowieso aufgrund der Corona-Epidemie geschlossen. Der Kampf zum Erhalt findet also quasi rein digital statt. Und so gesehen auch in aller Stille, da auch der Stadtrat derzeit zu keinen regulären Sitzungen und Ausschussrunden zusammenkommt.

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