Quartalsbericht, 2. Streich: Wo sind all die Mädchen hin?

Nicht nur Leipzig geht es so: In den tragenden Jahrgängen ab 30 Jahre fehlen die Frauen. Bei den 30- bis 35-Jährigen sind es rund 2.000, bei den 35- bis 40-Jährigen sind es rund 2.500, bei den 40- bis 45-Jährigen rund 2.700. Der gesamte deutsche Osten leidet unter einem Frauenmangel. Tim Leibert hat sich mit dem Thema ausführlich beschäftigt.
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Denn in den letzten Jahren war das ja auch Thema diverser Medienkampagnen, die die Abwanderung der jungen Frauen aus dem Osten meist überspitzten mit der Behauptung, die dümmeren Männer blieben da. Und das bereite das Feld für rechtsextreme Ansichten. Manche sprachen auch von „Negativauslese“. Harte Worte in einer Zeit, in der die neuen Bundesländer eigentlich nicht mehr neu sein sollten, sondern – den großmäuligen Versprechen der frühen 1990er Jahre zufolge – ans Westniveau aufgeschlossen haben sollten. Doch der Angleichungsprozess kam schon Ende der 1990er Jahre zum Erliegen. Seit über zehn Jahren ist das Bild unverändert.

Fast am Ende seines Beitrags schreibt Leibert, der Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Länderkunde ist: „Gegen eine Trendwende bei der Abwanderung spricht auch das ausgeprägte Lohngefälle zwischen Ost- und Westdeutschland“. Denn hier ist eine der Grundvarianten der demografischen Entwicklung, die die ostdeutschen Ministerpräsidenten so hilflos macht: Demografische Entwicklungen haben fast immer wirtschaftliche Ursachen. Und noch heute gilt für die meisten ländlichen Räume im Osten: „Anders als im Westen garantiert eine abgeschlossene Berufsausbildung jedoch keinen reibungslosen Berufseinstieg. … Auch eine hohe Qualifikation schützt nicht vor Arbeitslosigkeit oder prekären Beschäftigungsverhältnissen in der Berufseinstiegsphase.“

Leibert zitiert hier Thomas Ketzmerick, der das zu „Arbeitsmarkteinstieg und regionale Mobilität ostdeutscher Jugendlicher“ schon 2009 schrieb. Es sind scheinbar simple Sätze – aber sie haben Konsequenzen. Denn sie entscheiden in der sensibelsten aller Lebensphasen, wo Mädchen hingehen. Denn so sehr man über Berufskarrieren und gleiche Chancen für Frauen im Beruf schwadronieren mag – die wirklichen Entscheidungen fallen alle früh. Meist gleich nach der Ausbildung, wenn es darum geht: Wer bietet der jungen Frau nun einen Arbeitsplatz, der so gut bezahlt und sicher ist, dass er das Risiko einer Familiengründung ermöglicht?

Denn Männer denken manchmal so, Frauen immer: Man bekommt keine Kinder, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Und recht genau zeigt Leibert, wie genau das seit 1990 die Wanderungsbewegungen junger Frauen bestimmt. Denn auch das steht fest: „Der ‚Frauenmangel‘ in den ländlichen Räumen der neuen Bundesländer hat sich erst im Laufe der 1990er Jahre entwickelt.“

Zwei große Karten illustrieren das: Blau, dunkelblau und tiefblau ist der Osten – in einigen besonders abgelegenen Regionen kommen auf 100 junge Männer zwischen 20 und 24 Jahren nur noch 70 gleichaltrige Frauen. Das ist übrigens die Gegenwart, die auch in Sachsen eine Rolle spielt. Nur Dresden und Chemnitz haben ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis – Leipzig hat einen deutlichen Überschuss, der praktisch allein der Tatsache geschuldet ist, dass die Stadt für Studentinnen attraktiv ist.

Bei den 30- bis 34-Jährigen sieht es schon ganz anders aus. Da weist nur noch der brandenburgische Speckgürtel um Berlin ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis aus – der Rest des Ostens ist negativ blau. Auch Leipzig, auch Dresden. Dafür leuchtet fast der komplette Westen der Bundesrepublik in Rosa und Lila. Der Frauenmangel im Osten steht einem Frauenüberschuss in dieser Altersgruppe im Westen gegenüber. Die Entscheidungen dazu sind vor rund zehn Jahren gefallen. Und es sind nicht einmal die bekannten Großstädte im Westen, die den größten Frauenüberschuss ausweisen, sondern die Suburbias – die ländlichen Umlandkreise. Denn genau dorthin sind diese jungen Frauen gezogen, um eine Familie zu gründen.Und die jungen Frauen zwischen 25 und 29 – so stellt Leibert fest – gehen dorthin, wo ihnen der Einstieg ins Berufsleben leicht gemacht wird. Frankfurt am Main nennt er und München.

Ostdeutschland mit seinem signifikanten Frauenmangel in den jüngeren Jahrgängen fällt sogar im europäischen Vergleich auf. Auch wenn andere Länder und Regionen ebenfalls unter einem Mangel an jungen Frauen leiden. So dunkelblau aber wie der deutsche Osten sind nur wenige Regionen in Spanien und Griechenland.

Leibert konfrontiert die statistischen Daten noch mit einer Schülerbefragung aus Sachsen-Anhalt aus dem Jahr 2010/2011, was dem Ganzen noch die psychologische Note gibt. Und da stellen auch Gymnasiasten frustriert fest, dass es für sie im Bundesland keine Jobaussichten gibt. 81 Prozent der Mädchen stimmen der Aussage zu „Wenn man was aus seinem Leben machen will, muss man weg hier.“

Wie gesagt: Sachsen-Anhalt. Die Befragung lässt zumindest ahnen, dass all die regierungsamtlichen Rückholaktionen und Ost-Päckchen-Verschickungen gebündelter Quark sind. Erstens, weil man damit Frauen, die im Stuttgarter oder Münchner Umland eine Familie gegründet haben, nicht zurückholen kann. Man verpflanzt Familien nicht einfach so, wie sich das die Narren des liberalisierten Arbeitsmarktes gedacht haben. Die jungen Berufsanfänger gehen nur einmal richtig weg. Wenn sie dann die Bedingungen für eine mit Kindern gesegnete Familie gefunden oder geschaffen haben, werden sie so leicht nicht wieder auf 30 Prozent ihres Gehalts verzichten.

Echte Demografie-Politik stellt sich nicht mit sächsischer Eierschecke an die Grenze. Das tun nur Narren.

Demografie-Politik schafft vor Ort die Strukturen, die das Dableiben junger, gut ausgebildeter Leute attraktiv und nachhaltig machen. Auch deshalb hat sich die Wanderbewegung der jungen Sachsen in den letzten fünf Jahren verlagert – in die zweieinhalb funktionierenden Großstädte hinein. Hier müsste eine sachverständige Landesregierungen investieren, die Stärken stabilisieren, die Magnetwirkungen ins nähere Umland unterstützen.

Denn wenn nur die Chancen und die Strukturen da sind, dann wagen es Frauen und Männer auch mit der Familiengründung. Denn Kinder wollen sie tatsächlich fast alle. Und der Beitrag von Andrea Schultz „Von kinderlos bis kinderreich – wer bekommt die Kinder?“ zeigt auch, dass das auf Flexibilität, Mobilität und Karriere gedachte Familienbild West tatsächlich fatale Folgen hat. Es bevorzugt zwar die Frau, die für die Familie auf Beruf und Karriere verzichtet. Doch es düpiert alle Frauen, die aus ihrem guten Bildungsabschluss auch eine Karriere machen wollen – 31 Prozent der 40- bis 49jährigen Akademikerinnen sind im Westen ohne Kinder geblieben. Bei einem Durchschnittswert aller Frauen von 21 Prozent. In den neuen Bundesländern sind es nur 12 bzw. 9 Prozent.

Was auch bedeutet: Das alte Frauenbild ist in der modernen Informationsgesellschaft regelrecht kinder- und familienfeindlich geworden. Die moderne Wirtschaft und die dazugehörige Politik müssen familienfreundlich werden. Und das hat – bei allem Wandern und Älterwerden – nichts mit der aktuellen sächsischen Rückbaupolitik zu tun.

Die eigentlichen Motoren der gesellschaftlichen Entwicklung in Sachsen sind Dresden und Leipzig. Hier finden die jungen Leute die Strukturen, die für sie das Familiengründen attraktiv machen. Was – da staunten Andreas Martin und Frank Stinner, die sich mit der „Struktur der privaten Haushalte in Leipzig 2011“ beschäftigten, manche Ortsteile sogar schon zum Überfließen bringt. Schleußig zum Beispiel, wo das Bevölkerungswachstum mittlerweile rein aus dem Geburtenüberschuss generiert wird. Was den Anteil der Single-Haushalte deutlich senkt und die durchschnittliche Haushaltsgröße deutlich über den Leipzig-Durchschnitt hebt.

Trotzdem ist da das Lied vom Fachkräftemangel. Was ist dran? – Dazu morgen mehr an dieser Stelle.


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