Ortsteilkatalog 2012 erschienen: Wachsende Gründerzeitquartiere und ein wachsendes Dilemma am Rand

344 Seiten, fast 100.000 Daten - die Stadt Leipzig passt in ein dickes Buch. Zumindest ein Teil von ihr: ihre 63 Ortsteile. Von Zentrum bis Wiederitzsch. Aller zwei Jahre legt das Amt für Statistik und Wahlen der Stadt Leipzig das kleinteilige Werk vor, das für alle Ortsteile und die zehn Stadtbezirke aufzeigt, wie sich das Kleine im Großen entwickelt.
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Und schon das Kartenbild auf dem Cover zeigt, dass Leipzig nicht gleich Leipzig ist, dass sich die Entwicklung im alten Leipzig – etwa in den Strukturen vor 1999 – völlig anders gestaltet als in den Gemeinden am Stadtrand. Vielleicht beißt sich auch der ein oder andere unter den seinerzeit für die Eingemeindungen Verantwortlichen mittlerweile in den Schlips, weil die Entwicklung ganz sichtlich anders verlaufen ist als vielleicht erwartet. Vielleicht auch nicht. Rational ist das, was auf den höheren politischen Ebenen entschieden wird, selten. Wissenschaftlich begründet sowieso nicht.

Und wenn es genügend Fakten und Daten gibt, dann werden sie meist ignoriert.

Und es ist unübersehbar: Es ist der alte Leipziger Kern, der seit 1998 wächst und Zuspruch erhält, wo die jungen Leute hinziehen. Nicht nur zum Studieren, sondern auch zum Familie- und Karrieregründen. Auch wenn Karrieren in Leipzig landläufig wenig mit dem zu tun haben, was man sich so für gewöhnlich drunter vorstellt. Die meisten sind schon froh, wenn beide jungen Elternteile einen halbwegs ordentlich bezahlten Job finden, eine bezahlbare Wohnung möglichst laufnah zum Stadtgrün und einen Betreuungsplatz im Kindergarten. Oder zwei. Denn der Wunsch nach mehr als einem Kind ist ja in Leipzig längst spürbar. Die meisten möchten – und können nicht, weil die Penunzen nicht reichen.

Das ist – unübersehbar – ein Problem der innenstadtnahen Gründerzeitquartiere. Die anderen haben andere Probleme. Und die sind weder in Grünau noch in Schönefeld-Ost ausgestanden. In Grünau sorgen gerade die Pläne der Wogetra für Furore, weitere 5.000 Wohnungen vom Markt zu nehmen. Und das in einer Stadt, in der bezahlbare Wohnungen so langsam knapp werden. Der Aufschrei war entsprechend groß. Aber auch 2011 – dem Jahr, das der aktuelle Ortsteilkatalog erfasst, verlor der Stadtbezirk West weiter an Einwohnern. Nicht überall gleichermaßen. In Grünau-Siedlung und Grünau-Nord (das eigentlich sogar zum „Abrissgürtel“ gehört, gab’s sogar Zuwachs. Dafür verloren insbesondere Schönau und Grünau-Mitte, die man eigentlich stabilisieren wollte.
Natürlich liegt es immer an Strukturen. Am Altersdurchschnitt der Einwohner zum Beispiel (mit über 49 Jahren im Durchschnitt 6 Jahre über dem Stadtdurchschnitt), und damit auch an der Altenquote (11 Prozent über dem Stadtdurchschnitt, der bei 33 Prozent liegt). Die Jugendquote ist in den zwei Jahren seit dem letzten Ortsteilkatalog sogar leicht gestiegen. Möglicher Grund: der leicht steigende Anteil an Migranten bzw. Ausländern – aber beide Quoten liegen weiter unterm Stadtdurchschnitt. Auch dazu gibt es eine Karte im Katalog, die es zeigt: Migranten bevorzugen – genauso wie die jungen Leipziger – die innerstädtischen Quartiere.

Was freilich auffällt bei Grünau, ist der wachsende Zuzug „über die Stadtgrenzen“. Das heißt: Viele Neuankömmlinge in Leipzig sind auch erst einmal mit einer Wohnung in Grünau glücklich – und dann ziehen sie weiter, so wie das in Grünau seit über zehn Jahren zu beobachten ist: in die innerstädtischen Gründerzeitquartiere. Davon profitieren auflebende Viertel wie Lindenau und mittlerweile auch Leutzsch.

Die Lupe lohnt sich. Denn das Nützliche am Ortsteilkatalog ist seine Detailgenauigkeit. Selbst die zehn Stadtteile sind, um genaue Entwicklungen zu erfassen, meist zu groß. Man nehme nur den Stadtbezirk Alt-West, der eigentlich aus dem historischen alten Westen der Stadt besteht: Altlindenau, Lindenau, Leutzsch und Neulindenau. Doch 2000 wurden dem zwei neu eingemeindete Ortsteile zugeschlagen: Burghausen-Rückmarsdorf und Böhlitz-Ehrenberg. Und während die alten Alten mittlerweile wachsen und im Schnitt wieder jünger werden, scheint da draußen auf diesen ehemaligen Dörfern, die sich in den 1990er Jahren mit großflächigem Wohnungsbau zu echten Schlafburgen jenseits der Stadtgrenze entwickelt haben, die Zeit erstarrt zu sein. Die Entwicklung sowieso.

Selbst der Kampf um die Böhlitzer Schule scheint verstummt, seit auch die Böhlitzer gemerkt haben, dass ihnen die Kinder fehlen. Während die bei Statistikern so beliebten Lebensbäume in den Gründerzeitvierteln dem allgemeinem Leipziger Lebensbaum stark ähneln, mittlerweile auch deutliche „Beulen“ im Bereich der jungen Erwachsenen haben, klaffen gerade dort sowohl in Böhlitz-Ehrenberg als auch in Burghausen-Rückmarsdorf die Lücken auf. Die bis 1999 hingeklotzten Wohnquartiere wurden seinerzeit von jüngeren und älteren Erwachsenen bezogen, teilweise mit ihren Kindern. Doch die Kinder sind nicht dageblieben. Die starken Altersjahrgänge beginnen erst bei 40.

Und noch ein Phänomen kommt hinzu, mit dem von den Leuten, die in den 1990er Jahren da hinaus zogen ins Grüne, niemand rechnen konnte: Beide Ortsteile sind mittlerweile massiv vom Fluglärm belastet. – Auch so kann man Stadtgebiete unattraktiv machen. Aber um den Fluglärm kümmern wir uns extra – morgen an dieser Stelle.

Der Ortsteilkatalog ist für 25 Euro (bei Versand zuzüglich Versandkosten) beim Amt für Statistik und Wahlen erhältlich:

Postbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, 04092 Leipzig
Direktbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, Burgplatz 1, Stadthaus, Zimmer 228

Er ist außerdem im Internet unter statistik.leipzig.de unter „Veröffentlichungen“ einzusehen. Alle Ortsteildaten sind zudem im Leipzig-Informationssystem im Internet zu finden: www.leipzig.de/imperia/md/content/12_statistik-und-wahlen/lz_otk2012.pdf


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Mit einem umfangreichen Hygienekonzept wird am 7. November die siebte Auflage des TKH (Tag des Kreativen Hofes) in Leipzig-Miltitz über die Bühne gehen. Ab 11 Uhr öffnen Künstler, Kunsthandwerker und kreative Menschen jedweder Couleur ihre Stände im Felgentreff-Hof und dem „Schärdschher“, dem neuen Veranstaltungsraum der Mittelstraße 13.