Das nächste Ranking: Wer reich ist, scheut das Risiko – und investiert in Bayern

Da kannte die sächsische Landeshauptstadt nichts. Am Freitag, 8. November, veröffentlichte sie forsch die Meldung: "Dresden gehört die Zukunft". Das Schweizer Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos hatte seinen neuen "Prognos Zukunftsatlas 2013" veröffentlicht, eines jener mittlerweile inflationären Rankings, das deutsche Städte anhand statistischer Daten einsortiert. Aus simplen Daten glauben die Ersteller solcher Studien immer wieder, Prognosen in die Zukunft wagen zu können.
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Aber die Einsortierung in eine Platzierung nach dem augenblicklichen Status ist genauso problematisch. Prognos haut da das BIP genauso mit hinein wie die Geburtenrate, die Gründungsintensität, die Arbeitslosenquote, die Schulden und die Kriminalitätsrate. Das übliche Gemenge eben, sortiert in die Punkte Demografie, Wohlstand & soziale Lage, Arbeitsmarkt sowie Wettbewerb & Innovation.

Dresden landet unter den 402 ausgewerteten Kommunen auf Rang 33.

Oberbürgermeisterin Helma Orosz freute sich: „Die Zahlen belegen, dass Dresden nicht nur ein Leuchtturm in der Region ist, sondern im bundesdeutschen Vergleich auf Augenhöhe mit anderen Großstädten um Unternehmen und Fachkräfte werben kann.“ Stolz ist sie besonders auf Platz 3 bei Demografie. Wo übrigens auch Leipzig glänzt mit einem 7. Platz. Einen 7. Platz schafft Leipzig auch bei Dynamik, was der Stadt aber – wie bei allen anderen Rankings nicht die Bohne nützt. Denn die harten Parameter erzählen nach wie vor von einer Stadt mit niedrigen Einkommen.

Trotzdem wählt Prognos gerade Leipzig als Beispiel für einen „ausgeglichenen Chancen-Risiko-Mix“ – und damit landet Leipzig irgendwie auf Rang 218 unter 401 Kommunen.
Aber was bedeutet eine hohe Dynamik, wenn sie über die Jahre keinen Fortschritt bringt? – Ein bisschen Fortschritt aber scheint zu sehen zu sein. 2010 landete Leipzig noch auf Rang 264. 2007 aber war’s schon mal der 157. Und was heißt das? – Nichts. Wie so oft. Außer dass das Bestehende der Hauptmaßstab ist. Einkommen, Schulden usw. all das, was Prognos unter „Wohlstand“ einsortiert. Motto: „Wer hat, der hat.“ Und die schlichte Wahrheit ist: Wohlstand hat Leipzig in den vergangenen 20 Jahren nicht aufbauen können. Da geht es der kleinen Boomstadt wie hunderten anderen ostdeutschen Kommunen: Die wohlstandbringende Industrie wurde flächenmäßig abgeräumt, die finanziellen Innovationspotenziale sind bescheiden. Und gerade sparen sie sich alle um Kopf und Kragen, weil den reicheren Brüdern und Schwestern der Solidarausgleich auf den Keks geht.

Der Wohlstand ist in der Bundesrepublik nach wie vor ungleichmäßig verteilt. Wenn das aber eine Grundlage für einen „Zukunftsatlas“ ist, dann ist das eine beschämende Grundlage. Dann hat nur die bräsige, gut versorgte Republik eine Zukunft. Dann nutzt alle Dynamik nichts, weil sich die Finanzströme nicht ändern. Rang 381 für Leipzig. Das zieht in den Keller. Und da dieser Faktor den Faktor „Stärke“ mitbestimmt, wird es auch da nur ein Rang 308.

Besser sieht es schon bei „Wettbewerb & Innovation“ aus, wo Leipzig auf Rang 101 landet. Das ist für eine Stadt dieser Größe immer noch sehr wenig. Aber wenn man nachschaut, was hier gewertet wurde, wird auch das deutlicher: Bei den Faktoren „Investitionsquote der Industrie“, „Patentintensität“, „Beschäftigte in dt. Zukunftsfeldern“ hat Leipzig kaum eine Chance, zur Spitze aufzuschließen, weil alle diese Faktoren mit einem weiteren gewerteten Faktor zusammenhängen: „Anzahl der Top 500 Unternehmen“. Die großen Unternehmen sind aber – samt ihren Forschungseinrichtungen – fast alle im (Süd-)Westen der Republik angesiedelt.Und die wichtigsten sächsischen Zukunftsindustrien konzentrieren sich zu einem großen Teil in Dresden, das sich damit bei „Innovation“, „Arbeitsmarkt“ und „Stärke“ deutlich besser stellt. Nur bei Dynamik liegt es auf Rang 20 deutlich hinter Leipzig. Und was heißt das? – Dass es, um die Zukunft einer Stadt zu prognostizieren, mehr braucht als die klassischen Daten von Bevölkerungsentwicklung bis Personal für Forschung und Entwicklung.

Das sind dann aber Faktoren, die sich buchhalterisch nicht so leicht fassen lassen. Da geht es zum Beispiel um Ressourcen – auch demografische Ressourcen, um die Entwicklung von Clustern und funktionierenden Wirtschafts-(Metropol-)Regionen, um Familienfreundlichkeit und überhaupt funktionierende Infrastrukturen …

Aber damit fangen wir jetzt gar nicht erst an. Es ist wieder ein hübscher Zahlensalat, den Prognos da aufgetischt hat. Und eine Absichtslosigkeit kann man dahinter nicht wirklich vermuten, sonst hätte man den Unfug längst eingestellt. Auch bei Prognos wird man sehr genau wissen, welche psychologische Wirkung solche Rankings für Standort- und Investitionsentscheidungen haben. In einem Extra-Produktblatt hat Prognos das schon mit Farben unterlegt – der Osten ist fast komplett blau und damit ein absolutes Risiko-Gebiet für Anleger. Der Westen ist so lala. Dafür glüht der deutsche Süden mit Bayern und Baden-Württemberg in tiefem Orange und Rot. Wer nicht blöd ist, steckt sein Geld da hinein, nicht war? Vor allem, wenn Prognos die Karte als Produktblatt für Immobilieninvestitionen ausgibt.

Solche Art Rankings bestärken das Bestehende viel mehr, als es ihre Ersteller je zugeben würden. Im Osten bleiben dann drei kleine Inselchen, wo sich ein bisschen Wohlstand ballt: in Dresden, Jena und Potsdam.

Zur Prognos-Veröffentlichung: www.prognos.com/Zukunftsatlas-2013-Regionen.898.0.html

Zum Produktblatt mit der „sprechenden Karte“: www.prognos.com/fileadmin/images/publikationen/zukunftsatlas2013/2013_Produktblatt_Immobilien.pdf


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