OBM-Kandidatenrunde bei der Leipziger Wirtschaft (2): Warum hat Leipzig so viele Schulabgänger ohne Abschluss?

Dass die Bildungspolitik eigentlich auch Wirtschaftspolitik ist, das haben wohl die Wirtschaftskammern viel früher begriffen als die politischen Akteure, von denen einige den Zusammenhang auch im Jahr 2013 noch immer ungläubig betrachten. Seit Jahren liegen die Zahlen der Schulabgänger ohne Abschluss in Leipzig deutlich über 10 Prozent, 2009 sanken sie sogar auf 10,7 Prozent, schnellten dann aber 2010 auf 14 Prozent, 2011 sogar auf 15,2 Prozent. Ein Desaster.
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Sagt auch OBM Burkhard Jung. Denn diese Schüler sind fast nicht integrierbar in den Arbeitsmarkt. „Die könnte man höchstens als Hilfsarbeiter einstellen“, sagte IHK-Präsident zur Eröffnung des Abends in seiner gewohnt launigen Art. „Aber Hilfsarbeiter sind das letzte, was wir jetzt brauchen.“

Auch die Leipziger Wirtschaft hungert mittlerweile nach Facharbeitskräften. Der Grund dafür steht in jeder Bevölkerungsstatistik: Seit 2010 kommen die geburtenschwachen Jahrgänge aus den 1990er Jahren in der Berufsausbildung an. Doch statt zu sinken, stieg die Abbrecherquote statistisch noch an. Barbara Höll, OBM-Kandidatin der Linken, sieht in der frühzeitigen Trennung der Kinder aus sozial schwachen und aus gut betuchten Elternhäusern den Grund für die ungewöhnliche hohe Zahl von Schulabgängern ohne Abschluss. Bei der Diskussion am 8. Januar verfitzte sie sich freilich in Zahlen und Amtsinhaber Burkhard Jung konterte mit der Aussage, es seien nur 6 Prozent der Leipziger Schüler, die auf Schulen in freier Trägerschaft gingen.

Aber mit Zahlen ist das so eine Sache. In diesem Fall hätten wohl beide Kombattanten besser das „Statistische Jahrbuch“ der Stadt dabei gehabt. Darin steht für das Schuljahr 2011/12: Von 143 Schulen in Leipzig befinden sich 23 in freier Trägerschaft. Vielleicht hat Burkhard Jung die Zahl im Hinterkopf gehabt, so ungefähr: 16 Prozent der Leipziger Schulen werden von freien Trägern geführt. Das finden sowohl Jung als auch Höll gut. Es schafft Alternativen. Zumindest für die, die sich das Schulgeld leisten können.

Bei den Schülerzahlen sieht es ähnlich aus: Von 38.179 Schülern gingen 4.789 auf freie Schulen – immerhin noch 12,5 Prozent. Was aber auch einen kleinen Unterschied deutlich macht: Die freien Schulen sind im Schnitt kleiner als die öffentlichen.
Bei den Gymnasien, wo es ja um die höheren Abschlüsse geht, verschiebt sich das Verhältnis noch ein wenig: Von 20 Gymnasien waren vier in freier Trägerschaft – also 20 Prozent. Und von den 11.579 Gymnasiasten gingen 1.625 an eine freie Schule – 14 Prozent.

Was zumindest nahelegt, die freien Schulen nicht wirklich für die Misere verantwortlich zu machen. Die Probleme beginnen viel früher – und wirken sich schon bei der Vorschuluntersuchung aus, wo Kinder aus sozial schwächeren Elternhäusern auch deutlich öfter mit motorischen, sprachlichen und psychosozialen Problemen auffallen. Da hat sich in Leipzig seit Jahren die Praxis eingebürgert, die Kinder verstärkt auf Förderschulen zu verweisen. Was dann im Grunde eine Entscheidung über die komplette Schulkarriere ist.

Das Problem dahinter ist die bislang immer verweigerte wirkliche Inklusion in Sachsens Schulen. Was sich in einer Stadt mit einer extrem hohen Armutsquote von 30 Prozent wie in Leipzig natürlich entsprechend auswirkt. Es sieht ganz so aus, als wäre der Ansatz der Stadt Leipzig, schon im Kindergarten helfend einzugreifen, der richtige. Kostet freilich Geld, das irgendwo zusammengekratzt werden muss. Aber praktisch waren sich die meisten Kandidaten einig darüber, dass die Kinder in Leipzigs Schulen viel mehr Begleitung und Hilfe brauchen, als sie bislang bekamen – mehr Schulsozialarbeiter, aber auch mehr individuelle Förderung. Alles zusätzliche Angebote, die die Stadt selbst schaffen und finanzieren muss, um die Fehlstellen der sächsischen Schulpolitik wenigstens in Teilen zu kompensieren. Denn natürlich ist der Freistaat in erster Linie dafür verantwortlich, die Kinder zum Bildungserfolg zu führen. Wo das nicht klappt, muss die Stadt wieder zusätzlich eingreifen – etwa mit berufsvorbereitenden Jahren.
Burkhard Jung nannte sogar ein ehrgeiziges Ziel: In den nächsten zwei, drei Jahren will er die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss unter 10 Prozent drücken. „Und auch das ist noch zu viel“, sagte er.

Wohl wissend, dass es am anderen Ende der Bildungskarriere ebenfalls klemmt. Wobei man wieder beim längst brennenden Wirtschaftsthema wäre. Wo Fachkräfte fehlen, braucht die Wirtschaft dringend verfügbare Kinderbetreuungsplätze. Und nicht nur solche in vertraglich gebundenen Betriebskindergärten, wie das kurz anklang. Für Barbara Höll sind verfügbare Kita-Plätze ein eindeutiges Instrument der Wirtschaftsförderung. Denn junge Frauen und Männer, die vergeblich nach einem Platz für ihre Kinder suchen, stehen den Unternehmen nicht als Fachkräfte zur Verfügung.

Zwar bezweifelt der unabhängige Kandidat Dirk Feiertag, dass Leipzig es bis zum 1. August schafft, alle versprochenen Betreuungsplätze zu bauen. Aber wer das Gewerbesteueraufkommen bis 2020 verdoppeln will, immerhin von 200 auf 400 Millionen Euro (wie Burkhard Jung es plant), der muss den jungen Leute eine aufnahmefähige Kita-Landschaft bieten. Und Mindestlöhne. Sagten zumindest zwei an diesem Abend, auch wenn es FDP-Kandidat René Hobusch geradezu für Teufelszeug hält.

Aber wie kann ein OBM überhaupt auf Löhne Einfluss nehmen? Das ist doch gar nicht sein (oder ihr) Metier? Und kann er sich die gestiegenen Zahlen der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten eigentlich auf die Fahnen schreiben? – Kann er eigentlich nicht, meint der Grünen-Kandidat Felix Ekardt.

Mehr dazu bald an dieser Stelle in Teil 3.


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