Wie werden die Leipziger Stadträtinnen und Stadträte im Oktober abstimmen, wenn OBM Burkhard Jung von ihnen die Zustimmung bekommen will, mit den drei Preisträgern aus dem Wettbewerb um das Leipziger Einheits- und Freiheitsdenkmal verhandeln zu dürfen? - Die Vermutung liegt nahe: Es geht aus wie bei der jüngsten Zustimmung zum Projekt Elster-Saale-Kanal: 31 werden mit "Nein" stimmen und 37 mit "Ja". Und drei werden sich lieber wegen Schnupfen entschuldigen.

Dass die so genannte 2. Wettbewerbsrunde mit dem so genannten “Bewertungsgremium” am 1. Juli die Ergebnisse aus der ersten Runde völlig auf den Kopf gestellt hat, haben bislang überregionale Medien nicht mal eines Artikels für Wert befunden. Die “Bauwelt” widmete sich in ihrem Heft 28/2013 dem Thema und fragte auch noch einmal bei Stadtrat Roland Quester an, der sich ja bekanntlich von der Entscheidung des Bewertungsgremiums distanziert hat. Warum, das erklärt er recht deutlich. Denn nicht nur, dass das “Bewertungsgremium” nicht mehr identisch mit der ursprünglichen Wettbewerbsjury war und mit lauter Amtsträgern “aufgefüllt” worden war, wie Quester feststellt, sie fällten am Ende auch noch eine “punktgenaue” Entscheidung, deren Zustandekommen nicht mehr nachvollziehbar ist.

Transparenz sieht anders aus. Aber Transparenz war von einigen Akteuren nicht mehr gewollt.

Roland Quester in seinem Kommentar zum Artikel von Benedikt Crone: “Von 0 (‘inakzeptabel, führt zum Ausschluss’) bis 10 Punkte (‘Optimal’), konnten für die Umsetzung der Anforderungen vergeben werden. Und was passiert? Obwohl auch im Prüfbericht zu den überarbeiteten Entwürfen die Erfüllung der bindenden Anforderungen dokumentiert ist, hagelt es aus dem neuen Bewertungsgremium für den nun ungeliebten bisherigen Erstplazierten reihenweise 0 Punkte (Ausschluss!), im Schnitt reicht es gerade noch zu 2 Multiplikatorpünktchen. Und der bisherige Dritte bekommt – trotz deutlichster Kritik am überarbeiteten Entwurf – satte 7,1 Punkte als Schnitt. Im Rechenverfahren wird so der Rückstand aus der 40 Prozent schweren Jurywertung in der nur 20 Prozent schweren Weiterentwicklung locker gedreht. Der Dritte ist plötzlich Erster – der Erste Dritter. Argumentativ begründet wurde die geheime Punktvergabe nie! Das Protokoll gibt keine Diskussion, keine Besprechung der Arbeiten und kein Bewertungsschema (weil nicht vorhanden) wieder.”

Und auch der Protest Questers wurde nicht ins Protokoll aufgenommen, genauso wenig wie seine Distanzierung am nächsten Tag.Deutlich wurde natürlich eins: Nachdem die Kritik vieler Leipziger nach der Vorstellung der Wettbewerbsergebnisse und der drei Preisträger vor einem Jahr so heftig über die Preisauslober hereinschwappte, dass auch überregionale Medien das sehr wohl als “Schlappe” oder “kalte Dusche” (Die Zeit) werteten, wollte sich keiner der Verantwortlichen die Blöße geben, den Leipziger Wettbewerb für gescheitert zu erklären. Eine Fehleranalyse blieb aus. Und das Begehren gleich zweier Parteien – CDU und Linke – die Leipziger über den Wettbewerb und seine Ergebnisse in irgendeiner Art abstimmen zu lassen, wurden abgeschmettert. Das wollte Burkhard Jung schon gar nicht als Thema im OB-Wahlkampf sehen.

Lieber veränderte man im Nachhinein das Bewertungsschema, bat auch die Wettbewerbssieger M+M Marc Weis + Martin De Mattia, München, und ANNABAU Landschaftsarchitekten, Berlin, auf einen Teil ihrer Punkte zu verzichten und die erste Runde statt mit 60 Prozent nur mit 40 Prozent zu werten, ließ alle drei Entwürfe überarbeiten und dann von diesem neuen “Bewertungsgremium” bepunkten.

Selbst im Eiskunstlauf gibt es klare Regeln, wie Patzer, Stürze, nicht vollständig absolvierte Elemente zu bewerten sind. Solche Regeln findet man bei der Punktevergabe in der 2. Runde nicht. Aber selbst der nüchterne Menschenverstand sagt einem, es hätte sie geben müssen.

Beispielsweise für: Wurden die gewünschten Änderungen umgesetzt? Wie gut wurden sie umgesetzt? Hat der Entwurf durch die Änderung gewonnen? Kommt die Botschaft besser zum Tragen? Ist der neue Entwurf leichter umzusetzen? Bringt er den Stadtplatz besser zur Geltung?

Usw.

Wenn das Ziel ein von den Leipzigern akzeptierter Entwurf gewesen wäre, hätte auch die Kritik aus der Online-Diskussion mit einfließen müssen. Und jeder ins Gremium Berufene hätte – unbeeinflusst von irgendwelchen politischen “Das muss jetzt sein” – seine Punkte vergeben.

Aber alles deutet darauf hin, dass die Verantwortlichen vor einer unbeeinflussten Punktevergabe wieder einmal Angst hatten. Angst davor, wieder ein für die Demokratie so typisches un-eindeutiges Ergebnis zu bekommen. Was natürlich auch ein ehrliches Eingeständnis gewesen wäre: Den absoluten Kracher hat es beim Leipziger Wettbewerb nicht gegeben. Hat es auch deshalb nicht gegeben, weil OBM Burkhard Jung von Anfang an gleich noch eine ganze Platzgestaltung auf einem völlig undefinierten innerstädtischen Terrain mit ins Verfahren gedrückt hat. Und irgendein besonders genialer Experte hat in die Ausschreibung geschrieben, dass klassische Denkmalslösungen geradezu unerwünscht sind.

Dass sich viele Leipziger am Ende von den Entwürfen nicht wirklich gemeint fühlen, ist dann eigentlich logisch.

Jetzt sieht alles so aus, als würde Burkhard Jung den Entwurf bis zur Umsetzung durchdrücken, der in der Diskussion im Sommer 2012 am wenigsten Widerspruch bekommen hat: Anna Dilengites, Tina Baras und Alba d’Urbanos Entwurf “Herbstgarten”. Mit der in Beton gegossenen Botschaft “Keine Gewalt”, die in der Leipziger Erinnerung an den Herbst 1989 eigentlich immer nur die zweite Erinnerung war, die daran, dass dieser 9. Oktober friedlich blieb. Aber die Hauptbotschaft lautete immer: “Wir sind das Volk!” Das war der eigentliche Anspruch, der mit diesem Wettbewerbsverfahren natürlich auch konterkariert wird.

Was übrig bleibt, können die Marsianer lesen, wenn sie mal auf die Idee kommen sollten, Leipzig anzugreifen. Denn oben vom Himmel aus kann man dann lesen, was die Leipziger der Welt mitzuteilen haben: “Keine Gewalt”. Wir sind ein friedliches Völkchen. Wir tun keinem was.

Ansonsten zeigt das Schweigen der überregionalen Medien natürlich auch, wie sehr in Leipzig das eigentliche Ziel, ein überregional für Aufsehen sorgendes Denkmal zu bauen, verfehlt wurde. Es interessiert da draußen niemanden mehr. Die Luft ist raus.

Die “Zeit” zum Ausgang der ersten Wettbewerbsrunde: www.zeit.de/kultur/kunst/2012-10/leipziger-freiheits-und-einheitsdenkmal

Die Bauwelt zur 2. Stufe des Leipziger Wettbewerbsverfahrens: www.bauwelt.de/cms/artikel.html?id=10090335&lang=de#.Ufec6KytFXs

Der Kommentar von Roland Quester: www.bauwelt.de/cms/artikel.html?id=10090347&lang=de#.UfetzKytFXs

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