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Eine bedenkenswerte Petition einer Leipziger Musikerin an die Ratsversammlung

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    Selbst dem neuen Direktor des Museums der bildenden Künste Alfred Weidner fiel es auf, als er durch Leipzig spazierte. Leipzig ist zwar der Geburtsort der deutschen Frauenbewegung – aber im Stadtbild fällt das nicht auf. Und in der Politik fällt es auch kaum auf. Ein Thema, das die Leipziger Musikerin Birgit Lawerenz nun seit geraumer Zeit beschäftigt. Deswegen stellt sie immer wieder unbequeme Einwohneranfragen zu dieser Sache mit Frauen und Männern.

    Oder besser: Männern und Männern – und hinten dann irgendwo ein paar Frauen, die sich um den Abwasch kümmern. Ganz Deutschland diskutiert ja nun seit Jahren über die Gleichberechtigung – und kommt nicht weiter. Nicht bei der Besetzung von Aufsichtsräten und Führungspositionen, nicht beim Gehalt, auch nicht bei der Förderung.

    Woran liegt es? Liegt es wirklich an einer bewussten Benachteiligung?

    Tatsächlich machte Lawerenz auf etwas aufmerksam, was sich mit Quotenregelungen und Förderplänen nur schwer verändern lässt. Frauen sind zwar gut im Netzwerken, wahrscheinlich sogar besser als die Männer – aber sie kümmern sich falsch – sie bauen Netzwerke, die helfen, unterstützen, Menschen sozial stärken. Das macht eine Gesellschaft stark und überlebensfähig.

    Aber weil die Männer da meist nicht mitmachen (müssen), haben sie mehr Zeit, Netzwerke ganz anderer Art zu bauen, Netzwerke, die ihnen Karrieren eröffnen und den Weg an die Fleischtöpfe und zu hohen Gehältern.

    Auch bei der Kulturförderung in Leipzig, die nach Einschätzung von Birgit Lawerenz eine erstaunlich männerlastige ist.

    „Kulturförderung – Herstellung von Gleichberechtigung bei der Vergabe von Fördermitteln“, hatte sie jetzt eine Petition betitelt, in der sie versucht, das Thema beim Schopfe zu packen: „Der Stadtrat möge beschließen, bei der Vergabe von Mitteln, insbesondere in der Kulturförderung, eine Vergabe von 50:50 an beide Geschlechter von Kulturschaffenden abzusichern. Z. B. in der Musik kommen derzeit etwa 90 % der Fördermittel männlichen Kulturschaffenden zunutze. Diese verfügen i.d.R. über entsprechende Kontakte, Privilegien, Beziehungen und Respekt. Sie haben keinen Grund von sich aus mit weiblichen Musikerinnen zusammenzuarbeiten und drängen diese in ein Nischendasein. Ohne Unterstützung und politische Lenkung begünstigen diese unfairen Strukturen allein bestehendes Unrecht.“

    Das ist die andere Seite, die auch Stadträte meist nicht sehen, weil sie ja nicht über die Bewilligung von Förderanträgen und Fördersummen entscheiden. Weil sie sich darüber auch keine Gedanken machen, weil sie davon ausgehen, dass die zuständigen Ämter unparteiisch und ausgewogen entscheiden.

    Aber dem scheint nicht so zu sein.

    Man ahnt nur, wo das Problem liegen könnte. Denn auch Ämter sind darauf angewiesen, Referenzen zu bekommen, Einschätzungen von außen. Die bekommen sie natürlich aus kulturellen Netzwerken, die schon da sind, wo es etablierte Persönlichkeiten und gewachsene Strukturen gibt. Strukturen, die sich natürlich gegenseitig stärken, die die eigenen Leute empfehlen, ihnen Leumundszeugnisse ausstellen oder auch Bedarf melden, wenn es sein muss. Die Fördertöpfe sind heiß umkämpft. Und wer neu ist und Teil der Förderung werden will, aber nicht den nötigen Leumund hat, der steht meist allein da, liefert nicht den richtigen Antrag ab oder kennt nicht die richtigen Formeln, die man für den Zuschlag braucht, oder die richtigen Leute in den entscheidenden Ausschüssen.

    Was übrigens nicht nur in Leipzig ein Problem ist. So läuft das bei jeglicher Förderung in Deutschland. Erst recht, wenn der Schlachtruf gilt: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Was übrigens auch Männer ausbremst, die nicht den richtigen Stallgeruch haben.

    Eigentlich hat Birgit Lawerenz ein Problem benannt, das erst einmal ins Bewusstsein der Verantwortlichen finden muss. Denn dort wird es ganz augenscheinlich nicht als Problem gesehen.

    Auch nicht im inzwischen frauengeführten Kulturdezernat, das in seiner Stellungnahme nun meint: „Der Petition kann nicht abgeholfen werden.“

    Denn der Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit kommt in den Leipziger Förderbedingungen nicht vor. Auch weil die Ratsversammlung darüber noch nie wirklich gesprochen hat. Man hat es dort noch gar nicht wirklich als Problem wahrgenommen, wundert sich nur immer, wie wenige Frauen es in Leipzig in Führungspositionen schaffen.

    Und wie wird nun Kultur gefördert in Leipzig? – Das Kulturdezernat dazu: „Die Kulturförderung der Stadt Leipzig erfolgt in Abstimmung mit dem Stadtrat institutions- und projektbezogen sowie unter den Aspekten Qualität, Passfähigkeit zu den strategischen Zielen der Kommunalpolitik sowie den vom Stadtrat beschlossenen thematischen Ausrichtungen bei Jubiläen und Großveranstaltungen im Kulturbereich.“

    Da stolpert man schon bei Lesen, denn das sind viele Stellschrauben, über die – auch und gerade über Inhalte – Macht ausgeübt werden kann. Was wir beim Thema Jubiläen ja schon ganz eklatant auf dem Tisch liegen hatten, denn auch Leipzigs Kulturdezernat schaut bei Jubiläen fast immer nur auf Große Männer. Eine der berühmtesten Frauen, die 2019 einen Riesen-Geburtstag hat, hatte man dafür in der Planung glatt „vergessen“: Clara Wieck.

    Wobei es eben diese „Vergesslichkeit“ ist, die System hat: Politik und Geschichte sind bislang immer durch Männer definiert worden. Sie haben die Galerie geschaffen, die jeder vor Augen hat, wenn etwas als „wichtig“ eingeschätzt werden soll. Frauen kamen da lange überhaupt nicht vor. Und mittlerweile tun sie es auch nur sporadisch. Weshalb auch Alfred Weidner vergeblich nach dieser Frauenpower im öffentlichen Raum suchte. Auch Leipzig ist eine Stadt, die ihre weibliche Seite immer wieder verdrängt und den Netzwerken der Männer die Dominanz ermöglicht.

    Was auch das Denken in so einer Stadt prägt. Bis hin zur freiwilligen Unterordnung der Frauen, damit sie überhaupt akzeptiert werden und ein bisschen Karriere machen dürfen.

    Vielleicht sollte sich die Ratsversammlung mit der Petition doch etwas ernsthafter beschäftigen. Gerade weil sie ein scheinbar unsichtbares Thema anspricht.

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