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„Fußball ist eben nicht nur, an den Ball treten.“ – FC Phoenix-Präsident Erik Haberecht zwischen Hoffnung und Resignation

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 85, seit 20. November im HandelSeit Anfang November rollt entsprechend der aktuellen Corona-Schutzverordnung im Freizeit- und Amateursport kein Ball mehr. Sportanlagen sind gesperrt, Mannschaftstrainings untersagt. Das bringt auch für die Sportvereine bundesweit zum Teil erhebliche Probleme und Herausforderungen mit sich.

    Um genau darauf aufmerksam zu machen, hat sich eine Initiative des Jugendfußballs gebildet, die unter dem Titel „Rote Karte für Corona“ eine Petition an die Bundes- und Landesregierungen auf den Weg gebracht hat, die sich für die „sofortige Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs der Jugendmannschaften unter Berücksichtigung der vereinbarten Hygienemaßnahmen“ starkmacht.

    Darin heißt es unter anderem: „Wir sind uns alle einig, dass weitere Maßnahmen erhoben werden müssen, damit sich die Ausbreitung des Coronavirus verringert. Doch die ab dem 2. November geltenden Maßnahmen gehen zu weit! Kein Sport ist auch keine Lösung“.

    Und weiter: „Lasst uns unserer sozialen Verantwortung gegenüber den Kindern und Jugendlichen gerecht werden und diese vor weiterer Isolierung und Entwicklungsstörungen schützen. Lasst die Kinder und Jugendlichen Sport treiben. Lasst uns dazu beitragen, dass wir zumindest den Kindern in der Pandemie eine verantwortungsvolle Normalität und Stabilität bieten können.“

    Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 85, Ausgabe November 2020. Foto: Screen LZ

    Knapp 6.700 Personen haben diese Petition bisher unterschrieben, und rund 50 Sportvereine beteiligen sich schon an dieser Initiative. Aus Leipzig sind mit Lipsia Eutritzsch, SG Rotation, SV Leipzig-Ost, TuS Leutzsch und FC Phoenix fünf Vereine dabei. „Die Corona-Zwangs-Fußballpause bereitet Sorgen. Vor allem die Jüngsten leiden unter den Einschränkungen. Immer mehr Stimmen werden laut – Lockerungen her für die Kinder“, schreibt beispielsweise der SV Leipzig-Ost auf der Facebook-Seite der Initiative.

    „Sport für die Jugend ist systemrelevant! Auch wir unterstützen die Initiative Rote Karte für Corona. Grüne Karte für den Trainingsbetrieb unter strengsten Hygieneregeln ab Dezember“, heißt es an gleicher Stelle seitens des FC Phoenix Leipzig. Erik Haberecht ist der Präsident dieses Frauenfußballclubs und war im Internet auf die Petition aufmerksam geworden.

    „Wir hatten ja mit dem ersten Lockdown schon eine krasse Zeit hinter uns. Die Saison wurde abgebrochen, das war für alle eine neue Erfahrung und Herausforderung – sowohl für die Sportlerinnen als auch für die Trainer und Mannschaftsbetreuer. Dann wurde der Spielbetrieb endlich wieder aufgenommen und man hatte sich auf ganz viele Maßnahmen geeinigt, was die Auflagen betraf oder die neue Spielpraxis mit einer geteilten Liga“, blickt er im Gespräch mit der Leipziger Zeitung (LZ) zurück.

    „Und jetzt der erneute Lockdown. Begründet wird der ja mit einer risikobehafteten gesundheitlichen Lage. Wir verstehen aber nicht, warum dann die Bundesliga trotzdem weiterspielen darf. Warum darf RB Leipzig weiterspielen, während es andere Vereine nicht dürfen, obwohl diese ebenfalls Hygienekonzepte und Umgangsregeln umgesetzt haben?“, fehlt Haberecht das Verständnis für diese Ungleichbehandlung.

    Zudem geht es auch den kleineren Vereinen sowohl finanziell als auch emotional zunehmend ans Eingemachte: „Wir bei Phoenix sind nur ein kleiner Verein mit 76 Mitgliedern. Aber unsere Platzmiete müssen wir während dieser Zeit trotzdem bezahlen, haben aber null Einnahmen, z. B. durch die fehlenden Eintrittsgelder.

    Gut geht es uns damit nicht, und das merkt man auch den Sportlerinnen an – sowohl den ganz jungen Mädchen als auch den Frauen. Denn es liegt ja auch das ganz normale soziale Leben brach – und man merkt, dass das enorm auf die Psyche schlägt. Damit leidet auch der Mannschaftsgeist. Fußball ist eben nicht nur, an den Ball treten“, so der FCP-Präsident.

    Heiko Oertel ist der Sportliche Leiter bei Phoenix und kann diese Worte nur bestätigen. Er beschreibt die aktuelle Situation im Verein gegenüber der LZ folgendermaßen: „Die Mädels, die sich auf der Arbeit sehen, haben noch persönlichen Kontakt miteinander, aber der Rest wird gerade nur durch unsere WhatsApp-Gruppe aufrechterhalten. Der Trainer hat ihnen auf diesem Weg auch individuelle Trainingseinheiten aufgegeben. Vor allem für die jungen Mädels ist das aber mental schwierig, weil im Moment das Mannschaftsgefüge einfach nicht da ist.

    Gerade sie benötigen das Know-how der erfahreneren Spielerinnen. Die können denen zwar viel schreiben, aber ob das dann jede der jungen Spielerinnen auch versteht und richtig umsetzt, weiß man nicht. Daher ist es gerade für die Mädels, die neu dazugekommen sind, schade, dass man das momentan nicht auf dem Platz vormachen kann. Sie werden dadurch mental gerade alleingelassen, denn nur durch WhatsApp und Anrufe kann man nun mal den Teamgeist nicht richtig schulen.“

    Aus sportlicher Sicht ist in diesem Lockdown-November quasi nur individuelles Training möglich. „Uns sind aktuell absolut die Hände gebunden“, sorgt sich Präsident Haberecht um die sportliche Zukunft der Phoenixe. „Wir haben in unserer Jugend auch Spielerinnen, die gerade frisch angefangen und zum ersten Mal gegen einen Ball getreten hatten. Das hat ihnen auch Spaß gemacht, aber ich habe keine Ahnung, ob die dann irgendwann wiederkommen werden, oder ob sie inzwischen die Lust verlieren.“

    Erik Haberecht ist Präsident des Clubs. Foto: Jan Kaefer
    Erik Haberecht ist Präsident des Clubs. Foto: Jan Kaefer

    Und er hat noch ein weiteres Beispiel parat: „Ich habe gestern eine E-Mail von einer dänischen Spielerin bekommen, die bisher in Schweden studiert hat und jetzt nach Leipzig gezogen ist. Nun sucht sie verzweifelt einen Fußballverein, bei dem sie weiter spielen und sich sportlich betätigen kann. Natürlich habe ich sie eingeladen, musste ihr aber auch sagen, dass wir – anders als in Schweden – gerade alle nicht spielen dürfen.“

    An eine Fortsetzung des Spielbetriebes in diesem Jahr glaubt Erik Haberecht inzwischen nicht mehr, „obwohl sich alle Verbände, auch die großen, in Richtung Politik dafür starkgemacht haben. Aber die Antworten, die man seitens der Landesregierungen bekommt oder die Aussagen der Bundesregierung, lassen mich nicht hoffen, dass es im Dezember hier wieder einen Spielbetrieb geben wird.“

    Realistischer erscheint es hingegen, dass zumindest für die Jugendmannschaften der Trainingsbetrieb wieder aufgenommen werden könnte. „In Berlin ist der Jugendtrainingsbetrieb bis 12 Jahre ja immer noch gestattet!“, weist Haberecht auf eine weitere Ungleichbehandlung hin. Im Interview ist deutlich zu spüren, wie stark ihn diese Situation belastet. „Ich persönlich bin da auch angefressen. Natürlich akzeptiere ich Entscheidungen, die getroffen werden – wenn sie für mich plausibel sind. Aber das hier ist für mich ziemlich schwer nachzuvollziehen.“

    Entsprechend wenig Chancen, bei den Entscheidungsträgern auf offene Ohren zu stoßen, räumt er daher auch der von ihm mitunterzeichneten Petition „Rote Karte für Corona“ ein: „Die Petition hat für mich – leider Gottes! – nur einen symbolischen Charakter, als Ausdruck für den Zusammenhalt und die Solidarisierung. Sie gibt einem das Gefühl, als Verein nicht alleine dazustehen, denn viele andere müssen mit denselben Umständen leben, und es geht ihnen damit wie uns. Daraus schöpfen wir Kraft, um das alle gemeinsam durchzustehen. Aber dass die Wünsche und Forderungen noch irgendwie Gehör bei der Bundes- oder Landesregierung finden, kann man sich wohl abschminken.“

    Leipziger Zeitung Nr. 85: Leben unter Corona-Bedingungen und die sehr philosophische Frage der Freiheit

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