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Corona könnte der eine Einschlag zu viel gewesen sein

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    Der Mitteldeutsche Verlag in Halle (Saale) ist seit fast 75 Jahren ein fester und wichtiger Bestandteil der deutschen Verlagslandschaft. In der Zeit nach der Wiedervereinigung hat er stürmische Zeiten erlebt und einige Kratzer abbekommen. Aber er ist nicht untergegangen. Bis heute. Bis Corona. Denn seit März ist nichts mehr normal in der Bücherwelt.

    Auch in den letzten Jahren wurde der Verlag immer wieder starken Strapazen ausgesetzt, berichtet Jana Krimmling, die im Mitteldeutschen Verlag für die Pressearbeit zuständig ist. 2013 vernichtete ein Großbrand im Lager der damaligen Verlagsauslieferung rund die Hälfte der Verlagsproduktion.

    Der Verlag war dafür nicht versichert, da er einen alten Vertrag aus den 1990er Jahren hatte. 2016 folgte das VG-Wort-Urteil zur Verlegerbeteiligung, seitdem entgeht dem Verlag ein Drittel seines Jahresgewinns. Im Februar 2019 meldete der Großhändler KNV Insolvenz an und nahm das Weihnachtsgeschäft gleich mit. Und zum 1. Januar 2020 stieg das Porto für Büchersendungen bei der Deutschen Post um bis zu 60 Prozent.

    Die Corona-Pandemie erwischte auch den Mitteldeutschen Verlag mit ihren direkten und indirekten Auswirkungen. Am 25. Februar, als sich die mitteldeutschen Verlage wieder zum großen Pressebriefing im Haus des Buches in Leipzig trafen, war die Welt noch relativ in Ordnung, auch wenn es längst die ersten Nachrichten zur sich ausbreitenden Corona-Pandemie gab. Ein kleines Fragezeichen stand da schon über der Leipziger Buchmesse. Würde es auch in Deutschland Absagen für Großveranstaltungen geben?

    Eine Woche später, am 3. März, wurde dann die Leipziger Buchmesse mitsamt dem Lesefest „Leipzig liest“ abgesagt. Mit drastischen Folgen für die Verlage und ihre druckfrischen Frühjahrsprogramme.

    „Seit Mitte März registrieren wir einen starken Einbruch der Verkaufszahlen, einzelne Frühjahresneuerscheinungen wurden schon nach wenigen Tagen aus dem Sortiment zurückgegeben, da auch der Buchhandel kein Kapital binden kann“, berichtet Jana Krimmling.

    „In der zweiten Märzhälfte hatten wir nur 20 Prozent des Umsatzes des Vorjahres, der April begann gar mit Minusumsätzen. Erst seit vergangener Woche sind bundesweit die Buchhandlungen wieder offen und verkaufen derzeit Bestandsware. Der Onlineriese Amazon verkauft bis Mai keine neuen Bücher der Verlage, weil er sich den relevanten Produkten zuwendet.“

    Fünf der Titel aus dem Frühjahrskatalog des Mitteldeutschen Verlags hat die Leipziger Internet Zeitung besprochen. Auch diese kleine Auswahl zeigt, wie breit gefächert das Themenangebot im Mitteldeutschen Verlag ist. Am Ende des Textes sind sie alle fünf verlinkt.

    Aber gerade die Absage der Leipziger Buchmesse bedeutete, dass die Novitäten „unsichtbar“ wurden. Für den Mitteldeutschen Verlag bedeutete es auch, dass rund 40 geplante Lesungen im Umfeld der Messe („Leipzig liest“, „Halle liest mit“) ins Wasser fielen.

    „Auch die sonstigen geplanten Lesungen (ca. 50 pro Monat) können nicht stattfinden, dadurch gibt es auch keinen Direktverkauf von Titeln“, geht Jana Krimmling auf die wichtige Rolle öffentlicher Lesungen ein.

    „Neben den Lesungen sind auch Ausstellungen (für die wir Kataloge und Begleitbände produzieren) bis mindestens August gestrichen. Durch diese Planungsunsicherheit können wir kein Veranstaltungsmanagement leisten. Gerade für den Teil unserer Autorinnen und Autoren, die mit öffentlichen Auftritten einen wichtigen Teil ihrer Einkünfte erwirtschaftet, ist das ein großes Problem.“

    Und dazu kommt: Die Relevanz des Buches in den Kulturflächen der Medien nimmt seit Jahren ab. Nur wenige Medien – wie die L-IZ – besprechen noch regelmäßig Bücher. Damit fehlt Öffentlichkeit. Die Leser/-innen erfahren kaum, dass es die Titel gibt. Das ist eine Folge der massiven Medienkrise, die viele Zeitungen zum Sparen gezwungen haben. Und meist ist es der „Kulturteil“, der zuerst eingedampft wird.

    Jana Krimmling: „Ein ganzes Frühjahresprogramm krepiert dadurch im Rohr, ausfallende Einnahmen machen es kaum mehr möglich, mittelfristig Projekte zu realisieren, die nicht sofortige Umsatzträger sind (Literatur). Im März haben wir ein Drittel der Rücklagen der vergangenen 15 Jahre aufgebraucht! In Reaktion auf diese existenzbedrohende Situation ist der komplette Verlag mit seinen zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Kurzarbeit. Bezüglich der sogenannten Soforthilfe, die den Verlag 14 Tage länger überleben lassen würde, haben wir seit vier Wochen nur eine Eingangsbestätigung.“

    Und es bleibt nicht nur bei den Einbußen im Frühjahrsprogramm. „Das Herbstprogramm 2020 mussten wir um ein Drittel streichen, die Buchmesse Frankfurt am Main mit dem für uns wichtigen Gastland Kanada wackelt“, fürchtet Jana Krimmling. „2021 wird ein ganz anderes Jahr, als wir uns das gedacht und erhofft haben. Der Verlag wird dann im Februar 75 Jahre alt – wenn es ihn bis dahin noch gibt. Wir arbeiten daran.“

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      1 KOMMENTAR

      1. Danke der Leipziger Internetzeitung für diesen Beitrag, der an diesem ganz konkreten Fall die gegenwärtige Misere der Buchbranche deutlich macht. Dass die Pressesprecherin des Mitteldeutschen Verlages über den Rand des derzeit mageren Kassenbuches hinausblickt und die prekäre Lage der Autoren anspricht, zeugt von einer besonderen Empathie. Dieser Verlag, der von solchen Menschen getragen wird, muss nicht nur 75 werden, sondern weit darüber hinaus bestehen. Deshalb: Kauft Bücher, Leute! Helft dem Handel und den Verfassern und jenen, die das Geld für den Druck vorlegen. Die Leipziger Internetzeitung bietet ein Füllhorn an Empfehlungen.

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