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Ein neues Ranking aus Frankfurt: Ja, wo gehen denn die Kreativen hin?

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    Da kann man jetzt wieder gespannt sein, wie andere das aufbereiten, was die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) am Dienstag, 21. Februar, als neues Ranking präsentiert hat. Natürlich mit Leipzig drin. Zehn deutsche Städte hat die FAZ zusammen mit der Unternehmensberatung Roland Berger verglichen. Titel: "Deutschlands lebendigste Städte".

    Untertitel: „Wohin zieht es die kreative Klasse?“. – Einschränkung: Es wurden nur zehn Städte untersucht. Leipzig landete auf Rang 10. Vielleicht deprimiert es alle Akteure, die in Leipzig derzeit einen Eiertanz um die so genannte Kreativwirtschaft aufführen. Wer genauer hinschaut: Es ist ein Ranking der bekannten Art. Und es nimmt eine wesentliche Grundlage zur Kenntnis: Richard Floridas Typisierung der so genannten kreativen Klasse.

    Das hat nichts mit dem großen Heuhaufen Kreativwirtschaft zu tun, wie er in Leipzig gewälzt wird. Man kann die Leute zählen. Sicher. Man kann versuchen, sie in einem Verein zu bündeln. Das geht schon jetzt schief. Man kann versuchen, Förderangebote für sie zu stricken. Dafür wäre es punktuell höchste Zeit.

    Aber dazu müsste man wissen, wer tatsächlich dazugehört. Und wer nicht. Und worum es eigentlich geht.

    Und es geht nicht darum, die Maler, Musiker und Dichter einer Stadt als Wirtschaftscluster zu definieren. Das geht am Wesentlichen völlig vorbei, auch wenn es die Maler, Musiker und Dichter ärgert.

    Die FAZ erklärt es ihren Lesern noch einmal: Es gibt „die technologisch Kreativen oder die Innovativen, die ökonomisch Kreativen oder die Entrepreneure und die künstlerisch oder kulturell Kreativen, die Künstler. Alle drei Gruppen brauchen einander und lieben es, dass sie Nachbarn in derselben Stadt sind. Kein Wunder, dass die Kreativen bei der Wahl ihres Arbeitsortes sich nicht nur von der Attraktivität des Arbeitsmarktes leiten lassen. Mindestens ebenso wichtig ist für sie die Vielfalt des kulturellen Angebots, das Anregungsumfeld aus Bildung und Wissenschaft und ein Toleranzklima, welches stolz darauf ist, Vielfalt und Verschiedenheit der Lebensformen als Ausweis der Großherzigkeit zu respektieren und zu goutieren.“

    Unübersehbar am Florida-Ansatz: Kultur ist schön, bringt Leben in die Bude, reicht aber allein nicht aus. Sie ist einer der guten Gründe, die Kreative in eine Stadt ziehen. Die anderen beiden, noch viel wichtigeren Faktoren sind die technologischen und innovativen Möglichkeiten und der herrschende Unternehmergeist. Auch davon hat Leipzig etwas. Aber jeder, der wirtschaftlich kreativ sein will, weiß auch: Ohne Geld geht nix. Und ohne tragende wirtschaftliche Strukturen geht auch nix.

    Das interessiert Künstler nicht ganz so stark. Viele von ihnen sind auch gern mal Selbstausbeuter. Die meisten Kreativen sind es nicht. Bei Florida gehören die hier alle dazu, wie die FAZ erklärt: „Zu ihr gehören die Angehörigen der neuen Dienstleistungsindustrie, also Rechtsanwälte, Investmentbanker, Ingenieure, Wirtschaftsprüfer und Werber, aber auch Musiker, Wissenschaftler und Modeschöpfer. Als kreativ gelten ebenfalls alle IT-Spezialisten, Web2.0-Designer, Architekten und Chefärzte.“ Und die meisten davon kommen nicht, weil eine Stadt so schön und so lebendig ist, sondern weil sie hier einen Job bekommen – gut bezahlt.

    Am Gelde hängt alles. Die FAZ erklärt das nicht extra.Und so setzen sich auch in diesem Ranking die Parameter durch, die in allen sonstigen üblichen Städterankings der letzten Zeit auch den Ausschlag gegeben haben: Zum Beispiel die Zahl der technologieintensiven Gründungen (da ist Leipzig nur halb so stark wie München), die Existenz von Personal in Forschung und Entwicklung (da schmiert Leipzig gegenüber der vor allem westdeutschen Konkurrenz fast völlig ab), über die niedrige Patentintensität wurde schon mehrfach berichtet und über die Exzellenzinitiative des Bundesbildungsministeriums für Bildung braucht man an dieser Stelle eigentlich kein Wort zu verlieren – München hat dabei kräftig abgeräumt, Leipzig nur ein paar Brosamen bekommen. Das alles wirkt sich natürlich aufs Ranking aus und verschafft Leipzig, wie sollte es anders sein, einen letzten Platz unter den zehn Städten beim Index Technologie.

    Spannender ist der Index Toleranz, wo FAZ und Roland Berger recht seltsame Maßstäbe ansetzen. Denn hier fällt die Existenz einer Bohème ins Gewicht, ein „Expertenvotum zu Subkultur und Toleranz“ oder die Zahl eingetragener Partnerschaften. Es ist der Versuch, den Ansatz von Florida zur Toleranz irgendwie fassbar zu machen. Aber niedrige Anteile ausländischer Studierender an Sachsens Hochschulen bedeutet eben nicht, dass man hier nicht weltoffen wäre. Man ist nur noch nicht so weit und so erfolgreich wie München oder Hamburg.

    Der Posten fällt aus dem Raster. Rationale Fakten sind das nicht wirklich. Was sicher eine spannende Forschungsaufgabe wäre: Wie misst man eigentlich Toleranz? Am Wahlergebnis?

    Und auch das Faktenfeld „Talent“ verwirrt eher. Schön zu wissen, dass Leipzig bei „Jugend forscht“ ganz vorn mitmischt und der Anteil Hochqualifizierter hoch ist. Aber was nutzt ein am Ende sogar dritter Platz bei diesem Versuch, das Talentepotenzial abzuschätzen, wenn die Talente nach der Ausbildung die Stadt verlassen?

    Denn natürlich stehen die deutschen Großstädte alle in Konkurrenz zueinander. Und zwar zuallererst in Konkurrenz um die klugen und kreativen Köpfe. „Technologie, Talent und Toleranz sind das Dreigestirn der neuen Urbanität“, erklärt Rainer Hank zur Studie. „Ihr Zusammenspiel bestimmt die Attraktivität einer Stadt. Aber auch deren Produktivität und Wohlstand. Denn das Humankapital einer Region ist ihr entscheidender Wachstumsfaktor. Umso wichtiger ist es für die Städte, sich der kreativen Klasse als Ort von Technologie, Talent und Toleranz zu präsentieren, um im nationalen (und internationalen) Standortwettbewerb zu bestehen.“

    „Die traurige Botschaft zuletzt“, stellt er noch fest. „Leipzig ist Schlusslicht unseres Städterankings (trotz eines sehr guten Platzes im Talentindex). Das Ergebnis wäre auch nicht anders ausgefallen, hätten wir Dresden statt Leipzig ins Rennen geschickt. Der Osten steht, 18 Jahre nach der Wiedervereinigung, immer noch nicht auf eigenen Beinen, trotz milliardenschwerer Solidaritätstransfers Jahr für Jahr und enormer industriepolitischer Anstrengungen. Das sollte all jene nachdenklich machen, die meinen, es lasse sich die Attraktivität einer Stadt durch viel Geld und viel Planwirtschaft künstlich liften. Es zeigt sich zugleich, dass es viel länger dauern wird, bis der industriell und kulturell verwüstende Schock verdaut ist, den Nazidiktatur, Weltkrieg und DDR-Langeweile angerichtet haben.“

    Rainer Hank ist bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung für „Geld & Mehr“ und Wirtschaft zuständig. Vielleicht muss man den Leuten sonntags so einen Quatsch erzählen. Denn hätte er die eigene Studie ernst genommen, dann hätte er gesehen, dass wieder die üblichen Verdächtigen aus lauter finanzieller Kraft das Ranking anführen: München und Stuttgart, die auch sonst im deutschen Vergleich die großen Technologiestandorte sind. Und in München wird gerade entschieden, dass in Leipzig ein Technologie-Zweigunternehmen geschlossen wird.

    Und beim Thema Technologie schwächeln die anderen alle. FuE und Patente findet man nur dort geballt, wo auch die großen Technologiekonzerne sitzen.

    Danach gibt es eine deutliche Kluft zu den „Verfolgern“ Hamburg, Frankfurt und Berlin. Und Leipzig rangiert nicht wirklich weit weg vom Acht- und Neuntplatzierten (Mannheim und Nürnberg). Tatsächlich bestätigt auch dieses Ranking, was so viele vorher auch gezeigt haben: Leipzig ist in der Spitzenliga angekommen. Noch auf den üblichen Rängen, wo die Stadt auch sonst seit Jahren landet – irgendwo zwischen 10 und 14. Das ist alles nicht neu. Und ein letzter Platz ist es auch nicht.

    Der Rest mit der „Planwirtschaft“ und den „milliardenschweren Solidaritätstransfers“ ist der Versuch eines Frankfurters zu verstehen, warum Leipzig nach den miserablen Ausgangsbedingungen von 1990 Frankfurt und München noch immer nicht eingeholt hat.

    Wohin die Kreativen gehen, sieht man in der Studie übrigens trotzdem nicht. Das müsste man dann schon mit Zahlen belegen und mit Wanderungssaldi. Mit belastbaren Zahlen zu Ingenieuren, Forschern, Ärzten, Rechtsanwälten, Wirtschaftsprüfern, Forschungs- und Förderbudgets usw. Denn jedes Jahr aufs Neue zu erzählen, dass Deutschlands Technologiekonzerne in München und Stuttgart sitzen, wird einfach nervend mit jedem neuen Ranking von Weisheits Gnaden.

    Der Versuch der FAZ, die Wege der Kreativen zu verstehen: http://rangliste.faz.net

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