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Gerade beim Führungspersonal rollt ein gewaltiges Problem auf Sachsen zu

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    Große Zahlen erschrecken immer: 71.000 qualifizierte Arbeitskräfte werden 2024 im Freistaat Sachsen fehlen, das zumindest rechnet der IHK Fachkräftemonitor jetzt vor. Das Angebot an Arbeitskräften in Sachsen geht bis dahin um 7,6 Prozent zurück und das Durchschnittsalter aller Fachkräfte wird von heute 44,7 Jahre auf 45,4 Jahre steigen. Aber der Nachwuchs fehlt nicht überall.

    Am stärksten von drohenden Engpässen betroffen sind die kaufmännischen Berufe – allein hier wird für 2024 mit einer Lücke von 50.000 fehlenden Fachkräften gerechnet, teilt die IHK zu Leipzig mit. Bei Akademikern und beruflich qualifizierten Fachkräften im technischen Bereich könne der Bedarf der Unternehmen besser gedeckt werden, wenngleich auch hier rund 12.000 beziehungsweise 9.000 qualifizierte Arbeitskräfte fehlen werden.

    Zu diesen Ergebnissen kommt der mit neuen Daten aktualisierte IHK-Fachkräftemonitor für Sachsen und die Wirtschaftsregion Leipzig. Das Online-Prognosetool unter www.fachkraeftemonitor-sachsen.de bildet die mittelfristige Entwicklung der Fachkräftesituation differenziert nach Wirtschaftszweigen und Berufsgruppen ab, wobei sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite des Arbeitsmarktes in die Berechnungen einfließen.

    Kristian Kirpal, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Leipzig: „Die Prognose des IHK-Fachkräftemonitors ist deutlich: Es fehlt mittelfristig vor allem an kaufmännisch ausgebildeten Facharbeiterinnen und Facharbeitern – eine Herausforderung für Unternehmen aller Branchen. Wenn Stellen im Büromanagement, im Rechnungswesen, in der Unternehmensorganisation oder im Personalwesen nicht mehr besetzt werden können, trifft das die Firmen ins Mark.

    Unternehmen reagieren richtig, indem sie sich als attraktive Arbeitgeber aufstellen. Das allein wird aber nicht genügen: Wir müssen insgesamt wieder mehr junge Menschen für die duale Berufsausbildung und die damit verbundenen Karrierechancen begeistern. Darüber hinaus brauchen wir dringend ein Fachkräftezuwanderungsgesetz, um gezielt auch qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben.“

    Wo fehlen die Fachkräfte wirklich?

    Aber das Prognosetool, mit dem die IHK seit geraumer Zeit arbeitet, spuckt natürlich nicht nur solche allgemeinen Werte aus. Denn wenn gerade im Büromanagement derart viele Nachwuchskräfte fehlen, bedeutet das im Konkreten nun einmal, dass z. B. für Büro- und Sektretariatsberufe 3.930 Bewerber und Bewerberinnen fehlen, in der Unternehmens- und Personalorganisation sind es 2.140, aber auch in der Unternehmensführung 1.750.

    Da wird das Problem viel deutlicher. Deutschland ist ein Land geworden, in dem gut bezahlte Angestelltenjobs bevorzugt werden, aber immer weniger junge Menschen ein Unternehmen gründen oder gar leiten wollen. Nicht nur die Handwerksbetriebe in Sachsen bekommen ein massives Problem bei der Nachfolge.

    Das ist ein psychologische Problem: Sicherheit ist zum dominierenden Thema geworden, die „Selbstverwirklichung“ hat sich in den Konsumbereich verlagert. Und nicht einmal die Politik scheint mitbekommen zu haben, was das für den Wirtschaftsstandort Sachsen heißt, wenn immer weniger Menschen noch ein unternehmerisches Risiko eingehen wollen. Und es ist eins. Gerade in einer Region wie Sachsen, wo deutlich weniger Geld im Umlauf ist und auch die meisten Unternehmen kaum finanzielle Rücklagen haben.

    Statistisch laufen diese Berufsgruppen übrigens alle im Bereich unternehmensnahe bzw. persönliche Dienstleistungen. Gäbe es eine Branche „Management“, würden sie dort erscheinen und sichtbar machen, dass Sachsen ein Problem hat, Management-Berufe attraktiv zu machen.

    Weil der Wirtschaftssektor, in dem sich dieser Mangel an kompetentem Führungs- und Verwaltungspersonal bemerkbar macht, sehr groß ist, geht fast unter, dass der Freistaat selbst bei diesem Thema ebenfalls Bockmist gebaut hat. Seine völlig sinnfreie Personaleinspar-Politik ab 2009 zeitigt jetzt verheerende Folgen – denn jetzt, wo der öffentliche Dienst beginnt, massiv Personal zu suchen, fehlt es: 14.700 Jobs können im öffentlichen Dienst nicht besetzt werden.

    Der Monitor spricht lieber von Fachkraft-Engpässen. Denn eigentlich ist es ja ein dynamisches Werkzeug, das auch einen dynamischen Prozess abbildet. Die von der IHK benannten fehlenden 71.000 Arbeitskräfte im Jahr 2024 sind sogar schon ein deutlich niedrigerer Wert als in den Vorjahren. Junge Menschen wandern regional sogar zu, lindern vor allem in Städten wie Leipzig den Bedarf an Fachkräften. Einige Branchen entfalten größere Attraktion, können mehr Personal an sich binden. Andere Branchen wachsen so stark, dass auch die Fachkräftelücke mitwächst – etwa in der Branche Information und Kommunikation, wo 5.600 Fachkräfte fehlen.

    Das scheint deutlich weniger als etwa im Gesundheits- und Sozialwesen mit 7.740 zu sein. Prozentual aber ist es deutlich mehr: Im Gesundheitswesen, das jetzt alle möglichen Medien als „die Mangelbranche“ für sich entdeckt haben, können rund 4,5 Prozent der Stellen nicht besetzt werden, in der Informations- und Kommunikationsbranche aber sind es über 13 Prozent.

    Womit dieser Fachkräftebedarf gleich hinter den Managementjobs prozentual am höchsten ist – aber selbst im Maschinenbau (11,5 %) und in der Metallindustrie (9,8 %) ist der Bedarf überdurchschnittlich, während gerade die Branchen, wo in den vergangenen Jahren die meisten prekären Jobs entstanden sind, einen deutlich geringeren Bedarf melden (Gastronomie, Handel, Sicherheitsdienste).

    Der Blick ins Detail zeigt also tatsächlich, dass vor allem höher qualifizierte Arbeitskräfte fehlen und solche, die in der Lage sind, auch Leitungspositionen zu besetzen. Sachsen ist augenscheinlich auch gedanklich zu einem Land der Angestellten geworden. Was auch mit dem Bildungssystem zu tun hat, das vor allem Anpassung und Auswendiglernen honoriert, aber Eigensinn und Selbstverantwortung ausbremst.

    Und wenn an dieser Stelle ein Personaler widersprechen will, soll er es tun. Was wir aus den Unternehmen rückgespiegelt bekommen, bestätigt genau das: Die Verzweiflung über Bewerber, die gern viel Geld für eine Arbeit ohne eigene Verantwortung haben wollen.

    Das Mega-Wort in der Ausbildungsdebatte sollte nicht „Digitalisierung“ heißen, sondern Verantwortung.

    Und wenn man das dann weiterdenkt, dann passt das irgendwie zur augenblicklichen Stimmung in Sachsen.

    Das Online-Prognosetool kann kostenfrei unter www.fachkraeftemonitor-sachsen.de eingesehen und genutzt werden. Es bietet Übersichten zu Berufsgruppen, Branchen und Regionen. Unternehmen kann das Tool als wertvolles Instrument zur Personal- und Ausbildungsplanung dienen, Jugendliche erhalten nützliche Informationen bei der Berufswahl.

    Der IHK-Fachkräftemonitor ist ein Projekt der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Leipzig, entwickelt und umgesetzt vom Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR aus Darmstadt.

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