Über 126 Milliarden Euro erwirtschafteten die Sachsen im vergangenen Jahr, rund 114 Milliarden davon als Bruttowertschöpfung. Und auch Sachsens Statistiker staunten, denn nach all den Miesepeter-Meldungen aus den Wirtschaftsinstituten rechneten sie gar nicht mehr so recht mit so einem Anstieg. Sie haben die Zahlen auch noch einmal durch den Wolf gedreht, denn die berühmte Inflation musste ja auch noch irgendwie herausgerechnet werden.

Jedes Jahr steigen ja die Preise, im Schnitt immer so um die 1 bis 1,5 Prozent in den letzten Jahren, nicht viel, aber genug, um damit auch einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu begründen. Das würde ja selbst dann steigen, wenn überhaupt nicht mehr als sonst produziert worden wäre.

Also muss es um den Preisanstieg bereinigt werden.

Und trotzdem bleibt Sachsen im Plus. Nur werden dann aus 3,3 Prozent Zuwachs nur noch preisbereinigte 1,2 Prozent.

Das Ergebnis der Statistiker: „Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Sachsen stieg 2018 preisbereinigt um 1,2 Prozent gegenüber 2017, im Vergleich zu 2010 sogar um knapp 16 Prozent. Damit erreichte der Freistaat aktuell ein leicht unterdurchschnittliches Wirtschaftswachstum, das um 0,2 Prozentpunkte unter dem realen Wert für Deutschland (Zuwachs um 1,4 Prozent) lag. Das sächsische Ergebnis übertraf das Wirtschaftswachstum in den fünf neuen Ländern (Zuwachs um 1,0 Prozent).“

Was an dieser Stelle sofort korrigiert werden muss, weil es einfach keinen Sinn macht, die ostdeutschen Länder ohne Berlin zu zählen. Der Osten ist ohne Berlin und seine herausragende Rolle als Metropole nicht denkbar. Und das wirkt sich auch in der Wirtschaftsentwicklung aus, denn es sind nun einmal die Großstädte, die den ganzen Laden heute hinter sich herziehen.

Berlin erreichte 2018 mit 5,3 Prozent das höchste Wirtschaftswachstum aller deutschen Bundesländer. Selbst mit preisbereinigten 3,1 Prozent bleibt es an der Spitze.

Was eben dem gesamten Osten zugutekommt, denn dadurch liegt das BIP-Wachstum im Osten preisbereinigt bei 1,6 Prozent und damit über dem Ergebnis der westlichen Bundesländer von 1,4 Prozent.

Und dass die Verhältnisse so sind, liegt nun einmal daran, dass augenblicklich nicht die Industrie das Tempo vorgibt, sondern die zunehmend digitalisierte Dienstleistung.

Ich warte ja nur darauf, bis die Statistiker endlich auf den Trichter kommen und die gesamte digitale Wirtschaft endlich als eigenständigen Wirtschaftsbereich ausweisen.

Auch in Sachsen. Denn hier wurde das 2018 unübersehbar: „Nach ersten Berechnungen des Arbeitskreises ‚Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder‘ verzeichneten die Dienstleistungsbereiche in Sachsen einen vorläufigen preisbereinigten Zuwachs der Bruttowertschöpfung (BWS) um 1,4 Prozent gegenüber 2017, hinter dem das Produzierende Gewerbe (plus 1,0 Prozent) zurückblieb. Die BWS in der Land- und Forstwirtschaft verringerte sich real um 5,6 Prozent. Die größten Wachstumsimpulse kamen aus dem Bereich Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation, der real um 2,5 Prozent anstieg.

Innerhalb des Produzierenden Gewerbes verzeichnete das Baugewerbe ein preisbereinigtes Plus um 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Verarbeitende Gewerbe lag mit +0,8 Prozent deutlich dahinter. Der Bereich Öffentliche und sonstige Dienstleister, Erziehung und Gesundheit wuchs 2018 real um 1,5 Prozent und der Bereich Grundstücks- und Wohnungswesen, Finanz- und Unternehmensdienstleister verzeichnete einen Anstieg um 0,5 Prozent.

Das BIP betrug 2018 reichlich 126 Milliarden Euro (in jeweiligen Preisen, 3,3 Prozent mehr als 2017) und wurde in 2,93 Milliarden Arbeitsstunden von 2,08 Millionen Erwerbstätigen mit Arbeitsplatz in Sachsen erzielt. Je Arbeitsstunde erreichte das BIP einen Wert von 43,17 Euro und stieg real um 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (der Deutschlandwert blieb unverändert). Je Erwerbstätigen lag das BIP aktuell bei 60.895 Euro und damit 0,3 Prozent über dem Jahr 2017, je Einwohner betrug es 31.008 Euro und erhöhte sich um 1,4 Prozent.“

Die 0,3 Prozent beim BIP-Zuwachs erzählen ja davon, dass es nicht die umsatzstarke Industrie ist, die für die Zuwächse sorgt, sondern die Dienstleistung, die mit 76 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung mehr als doppelt so viel zur Wertschöpfung im Freistaat beiträgt als das produzierende Gewerbe.

Und auch beim Zuwachs 2018 brachte die Dienstleistung den Löwenanteil bei, nämlich 0,87 Prozentpunkte von insgesamt 1,12 Prozentpunkten in der Bruttowertschöpfung.

0,34 Prozentpunkte davon entfielen auf „Öffentliche und sonstige Dienstleister, Erziehung und Gesundheit“, was ziemlich deutlich zeigt, was es eigentlich bedeutet, wenn ein Land endlich wieder die benötigten Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst schafft und Lehrer, Erzieher, Polizisten und Sachbearbeiter einstellt. Die Leute leisten echte produktive Arbeit, mehren den Reichtum des Landes und sind ein echter Wirtschaftsfaktor, was in den neoklassischen Rechnungen der Wirtschaftsinstitute fast immer ausgeblendet wird.

Auch ihre Dienstleistung gehört dazu, wenn man heute von der Produktivität einer Dienstleistungsgesellschaft redet.

Noch stärker, nämlich anteilig mit 0,42 Prozentpunkten, trug der Bereich „Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation“ zum Wachstum bei. Wobei hier die detaillierten Angaben wichtig wären. Die Rubriken, mit denen die Statistiker rechnen, sind ja bunte Gemischtwarenläden und es erschließt sich nicht wirklich, warum Lastwagenfahrer, Einzelhändler, Gastwirte und IT-Spezialisten in einen Korb geworfen werden.

Die Vermutung: Es ist genau jener Bereich „Information und Kommunikation“, der für diesen Zuwachs hauptsächlich zuständig ist. Während jeder Minister gern von Industrie 4.0 schwärmt und die Bosse der alten Großkonzerne umhätschelt, sind es die Programmierer, Software-Entwickler und Firewall-Bauer, die eigentlich die Grundlagen der Industrie 4.0 erst schaffen und auch in Sachsen derzeit den wichtigsten Wirtschaftsschub geben.

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